Das Greenpeace Magazin / August 2012

Retten wir die Arktis!

Das Eis der Arktis schmilzt. Statt dieses Alarmsignal zu hören, wollen Shell, Gazprom & Co. in bisher unberührte Gebiete vordringen, um dort unter hochriskanten Bedingungen nach Öl zu bohren. Greenpeace fordert ein UN-Schutzgebiet für den hohen Norden.  Von Birgit Bermann

savethearctic.org zum Arctic Defender werden

Das beschauliche Schweizer Dörfchen Widen hatte diesen Sommer einen ungewöhnlichen Gast. Wochenende für Wochenende streifte ein heimatlos gewordener Polarbär durch den Ort und steuerte dabei immer das gleiche Ziel an: das Haus von Peter Voser. Der friedliche Eisbär mit dem Greenpeace-Banner in der Pranke hätte mit dem CEO von Shell Oil gerne ein paar Worte über die drohende Zerstörung seiner arktischen Heimat gewechselt – doch Fehlanzeige. Peter Voser möchte zwar gerne viele Milliarden Euro mit den Rohstoffen des hohen Nordens verdienen, sich aber weniger gerne mit den Gefahren des ark­tischen Öl- und Profitrausches auseinander­setzen. Wenn man das tut, anstatt Quartals­bilanzen und Aktionärs­versammlungen vor Augen zu haben, drängt sich ein Schluss unweigerlich auf: Es ist keine gute Idee, in der Arktis nach Öl zu bohren.

Kein Mineralölkonzern der Welt kann Sicherheit für die Arktis garantieren.

Massiver Eisverlust 

Die nördlichste Region unseres Planeten ist ernsthaft in Gefahr. Die Erwärmung durch den menschengemachten Klimawandel fällt in der Arktis doppelt so hoch aus wie in ­anderen Regionen der Erde. Durch die steigenden Temperaturen ging in den letzten 30 Jahren bereits ein Drittel des Eisschildes verloren, und in den nächsten zwei Jahrzehnten könnte das Nordpolarmeer im Sommer bereits eisfrei sein. Die Konsequenzen sind nicht nur für die Bewohner des Naturraums Arktis – so einzigartige und schützenswerte Wesen wie Eisbären, Narwale, Polarfüchse und Schneeeulen – gravierend. Auch für indigene Völker wie die Inuit und indirekt für die gesamte Menschheit wird das Schmelzen des Eises mit schwerwiegenden Folgen verbunden sein. Die weißen Eisflächen der Arktis reflektieren einen Teil der Sonnen­einstrahlung zurück ins All und fungieren damit als eine Art „Kühlschrank“ für unseren Planeten. Schmilzt das Eis, werden mehr dunkle Ozeanflächen frei, die Sonnen­strahlen absorbieren und die Erderwärmung stark beschleunigen. Außerdem geben die tauenden arktischen Permafrost­­böden die in ihnen in riesigen Mengen gespeicherten Treibhaus­gase frei – der arktische Teufelskreis ist in Gang gesetzt.

Für Peter Voser allerdings ist das alles kein Grund zur Sorge, sondern eine willkommene Gelegenheit, die Welt weiter an den verhängnisvollen Öltropf zu hängen, der dieses Drama erst verursacht. Durch den Rückgang des Eises wird der Zugang zu den arktischen Öl- und Gasvorkommen „frei“. Seitens der Mineralöl­konzerne werden derzeit keine Kosten und Risiken gescheut, um Ressourcen anzuzapfen, die den weltweiten Bedarf für gerade einmal drei Jahre (!) decken würden – und die bei ihrem Verbrauch den Klimawandel weiter anheizen und es dann nicht nur mehr der Arktis zu heiß werden lassen.

Fataler Wettlauf

Eisbär in der Wüste

Shell, wie viele Große der Mineralölbranche unter den reichsten Konzernen der Welt, ist nicht der einzige, der die arktische Lunte gerochen hat – aber der erste, der in der Beaufortsee nördlich von Alaska noch in dieser Saison die ersten Probebohrungen durchführen will. Der Energieriese Gazprom lässt in der russischen Arktis seine Muskeln spielen, und auch BP würde liebend gerne über die arktischen Rohstoffe herfallen – musste aber zugeben, die nach dem „Deepwater Horizon“-­Desaster erhöhten Sicherheitsvorkehrungen „noch nicht“ erfüllen zu können. 

Das können Sie tun:

  • Unterschreiben Sie unsere Peti­tion.
  • Informieren Sie Ihre Freunde und Bekannte. Wenn Sie soziale Medien nutzen, verbreiten Sie die Botschaft!
  • Organisieren Sie ein Unterstützer-Event.
  • Werden Sie kreativ und nützen Sie Ihre persönlichen Stärken für den Schutz der Arktis: Je nachdem, ob Sie sich als Organisator, Designer, Künstler, Aktivist, Fotograf, Filmemacher, Programmierer oder etwas ganz anderes sehen, unterstützen und schützen Sie die Arktis mit Ihrem individuellen Beitrag. Das kann ein Text, ein Lied oder eine Aktion sein. Alle Details dazu finden Sie in unserem Toolkit: www.greenpeace.at/arktis-toolkit
  • Drucken Sie die letzte Seite des Toolkits aus und sammeln Sie möglichst viele Unterschriften!
  • Unterstützen Sie unsere Kam­pagne mit einer Spende:  www.greenpeace.at/spenden

„Noch“ ist allerdings in Wahrheit ein „niemals“. Kein Mineralölkonzern der Welt kann Sicherheit für die Arktis garantieren. Die arktischen Bedingungen sind extrem und machen an sich schon gefährliche Tiefseebohrungen zu einem hochriskanten Unternehmen. Die geplanten Bohrgebiete sind sehr entlegen und nur in den wenigen Sommermonaten unter schwierigen Bedingungen zugänglich. Bei Eintritt eines Unfalls, für den laut Experten eine Möglichkeit von 1:5 besteht, könnte im schlimmsten Fall ein Ret­tungs­ein­satz erst viele Monate verspätet starten, während das Unglück ungehindert seinen Lauf nimmt. Was es dann noch zu „retten“ gibt, bleibt die Frage. Kälte und Dunkelheit im ­hohen Norden verlangsamen das Regenerationspotenzial der Umwelt enorm. Die Arktis würde durch ­einen Ölunfall schwerste Schäden davontragen, die sich nicht wieder reparieren lassen.

Schutz für die Arktis!

Das alles hätte der einsame Polarbär Peter Voser gerne erzählt, doch der hat keinen Sinn für Argumente, die seine Milliarden-Euro-Bilanz vermiesen könnten. Und da CEOs anderer Mineralölkonzerne und die Regierungen der Arktis-Anrainerstaaten am Umweltschutz-Ohr ebenfalls taub sind, holt sich Greenpeace, um gehört zu werden, für die Forderung nach einem umfassenden Schutz der Arktis die nötige Unterstützung bei Millionen Arktis-Schützern, die ihre Stimme geben, um den Ölkonzernen und der mit ihnen verbundenen Politik ein unüberhörbares STOPP entgegenzuhalten: Bis hierher und nicht weiter! Eine intakte Arktis ist unbezahlbar, und die Ausbeutung unseres Planeten um jeden Preis ist untragbar. Es wird endlich Zeit, auf eine erneuerbare Energieversorgung umzusteigen und nicht mehr fossile Brennstoffe unter immer riskanteren Umständen zu fördern und damit unsere Sucht nach Öl weiter zu nähren.

Greenpeace fordert die Errichtung eines UN-Schutzgebietes am Nordpol, in dem Ölbohrungen und industrielle Fischerei verboten sind – die wahrscheinlich letzte Chance für diesen einzigartigen Lebensraum. Einen Monat nach Start der Kampagne Ende Juni haben bereits eine Million Menschen diese Forderungen unterstützt und die Arktis-Petition unterschrieben. Zusammen mit den vielen hunderten Aktionen, die Greenpeace innerhalb nur einer Woche weltweit gegen Shell durchgeführt hat, kann man jetzt sicher sagen, dass Peter Voser uns gehört hat. Dass er uns auch zuhört, werden die nächsten Millionen Unterstützer sicherstellen. Gemeinsam retten wir die Arktis! 

 

arktisches Eis

Wissenswertes über die Arktis

  1. „Arktis“ leitet sich vom altgriechischen Wort árktos (= „Bär“) ab, das Adjektiv arktikós (= „nördlich“) bezeichnete das Land unter dem Sternbild des Großen Bären.
  2. Die Arktis umfasst das 15 Millionen km2 große, mit Eis bedeckte Nordpolarmeer und die angrenzenden Festlandgebiete. In der Mitte, am Nordpol, ist der Ozean 4.261 Meter tief.
  3. Die Zugehörigkeit zur Arktis wird klimatisch nach der Juli-Isotherme definiert: jene nördlichen Regionen, in denen die Durchschnittstemperatur zehn Grad im wärmsten Monat nicht übersteigt. Früher wurde die Arktis als „Region nördlich des Nordpolarkreises“ (66˚ 33’ nördliche Breite) definiert.
  4. Es gibt fünf Arktis-Anrainerstaaten: USA, Kanada, Dänemark, Norwegen und Russland.
  5. Die Arktis ist die Heimat von rund vier Millionen Menschen, 25 Millionen Vögeln und vielen endemischen Arten wie Eisbären, Polarfüchsen, Schneeeulen, Walrossen und verschiedenen Walarten.
  6. Das Eis am Nordpol reflektiert Sonnenstrahlen zurück ins All und sorgt damit als „Kühlschrank der Erde“ für die Kühlung des globalen Klimas.
  7. In den letzten 30 Jahren ist das Volumen des Eises um 75 Prozent zurückgegangen. Nach Schätzungen könnte der Nordpol schon in 10–20 Jahren eisfrei sein.
  8. 90 Milliarden Barrel Öl werden in der Arktis vermutet, gerade einmal genug, um den weltweiten Bedarf für drei Jahre zu decken.
  9. Laut Schätzungen von US-Experten besteht eine 1:5-Chance für das Auftreten einer schweren Ölkatas­trophe während der Laufzeit eines einzigen Pachtvertrags in der Beaufortsee.
  10. Shell hat bereits 4,5 Milliarden Dollar in sein Arktis-Projekt investiert.
  11. Die arktischen Permafrostböden enthalten riesige Mengen der Treib­hausgase Kohlendioxid und Methan. Mit zunehmender Erwärmung tauen die Böden auf und geben diese Gase frei.
  12. Die Eisdecke des Nordpolarmeers wächst und schrumpft mit den Jahreszeiten. Die geringste Ausdehnung erreicht sie im Normalfall im September.