Das Greenpeace Magazin / Dezember 2012

Die Hüter der Meere

© Greenpeace / Clément Tardif

Würden Sie Ihren Fisch nicht auch lieber frisch direkt von Fischern kaufen, die an die Methoden des nachhaltigen Fischfangs glauben? Doch was macht einen guten Fischer aus?
Von Antje Helms*

Fischratgeber Bewusst Fisch einkaufen

Antje Helms

Endlich hat sich der Trend umgekehrt: Die Überfischung der Meere geht zurück. Fischbestände werden kaum mehr oberhalb ihrer „sicheren biologischen Grenzen" befischt. Die Wissenschaft diktiert die Fangquoten – nicht mehr die Politik! Für den Abbau massiver Überkapazitäten musste von den weltweit 3,5 Millionen Fangschiffen nur ein Prozent verschrottet werden: jene 30.000 Industrieschiffe, die am meisten die Meeresumwelt zerstörten. Die globale Fangflotte ist damit auf dem besten Weg, auf ein gesundes Maß zu schrumpfen. Am meisten profitieren davon die 100 Millionen kleiner Küstenfischer, denn sie können wieder profitabel fischen.

Inzwischen werden Sie erkannt haben, dass ich hier nicht die Gegenwart beschreibe. Was Sie gerade gelesen haben, ist die Greenpeace-Vision – unser Rettungsplan für die Meere. Ein wichtiger Baustein darin ist das weltweite Netzwerk von Schutzgebieten – 40 Prozent der Meere sollen für die Fischerei tabu sein. Das Paradoxe dieser einschneidenden Maßnahme: Die Fischerei profitiert davon, denn die Bestände nehmen außerhalb der Schutzzonen rasant zu.

Würden Sie für so einen Fisch nicht auch einen fairen Preis zahlen?

Die zentrale Rolle in der Fischerei der Zukunft spielen für Greenpeace die handwerklichen Kleinfischer. Doch welcher Fischer arbeitet handwerklich, welcher schon industriell? Bilden Schiffslänge, Motorleistung oder die tägliche Rückkehr in den Hafen eine Grenze? Eine international gültige Definition für Kleinfischer existiert nicht, zu divers sind ihre Arbeitsbedingungen und Fangmethoden. Auch aufgrund dieser Inhomogenität sind sie in den letzten Jahrzehnten so abgedrängt worden, dass wir fast nur noch industriell gefangenen Fisch am Markt finden.

Eines haben alle Kleinfischer gemeinsam: Sie sind auf Fanggründe „vor ihrer Haustür" angewiesen. Deshalb gehen sie schonender mit der Ressource Fisch um und nutzen selektivere Fangmethoden. Es stimmt: Nicht alle Kleinfischer fischen perfekt nachhaltig, so gibt es kleine Trawler, die den Meeresboden genauso umpflügen wie die großen. Ganz sicher haben sie derzeit jedoch keine Alternative, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Keine Lobby, keine Stimme

Denn die Kleinfischer sitzen nicht mit am Tisch, wenn es um wichtige Entscheidungen in der Fischereipolitik geht. Manche sind täglich auf See, andere haben noch nicht einmal ­E-Mail – sich zu vernetzen, Forderungen aufzustellen, geschweige denn bei politischen Entscheidungen mitzureden ist so unmöglich. Im Gegensatz zur Industrielobby, die in den Hauptstädten der Welt bestens aufgestellt ist. Dementsprechend industriefreundlich werden Fangrechte und Subventionen von den Fischereiministern verteilt. Bisher.

Das will Greenpeace ändern: Den Millionen handwerklicher Fischer wieder eine Stimme zu geben, ihre Anliegen für Politiker sichtbar zu machen und eine breite Öffentlichkeit sowie den Einzelhandel zu ihrer Unterstützung zu gewinnen, dafür setzt sich Greenpeace ein – in Europa, in Westafrika, im Pazifik und seit der jüngsten Expedition der „Rainbow Warrior" auch im Indischen Ozean.

Ich würde meinen Meeresfisch am liebsten direkt von einer Fischerei-Kooperative kaufen: frisch, hochwertig und gesund. Rückverfolgbar bis zu jenem Fischer, der an nachhaltigen Fischfang glaubt und sich täglich auf seinem Schiff als „Hüter der Meere" einsetzt. Würden Sie für so einen Fisch nicht auch einen fairen Preis zahlen? Derzeit scheint eine solche Direktvermarktung in einem Binnenland wie Österreich fast unvorstellbar, zu sehr haben wir uns schon an den Tiefkühl-Industriefisch im Supermarkt gewöhnt. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass eine andere Fischerei möglich ist – und die Greenpeace-Vision einer nachhaltigen Fischerei Wirklichkeit wird.

* Antje Helms ist Meeresexpertin bei Greenpeace CEE