Das Greenpeace Magazin / Dezember 2012

Ein Leben ohne Plastik

Filmemacher Werner Boote stand mit seinem Doku-Film "Plastic Planet" am Beginn des Experiments.

Filmemacher Werner Boote stand mit seinem Doku-Film "Plastic Planet" am Beginn des Experiments.

Die steirische Familie Krautwaschl verzichtet in ihrem Haushalt auf Plastik. Vor knapp drei Jahren hat das Experiment begonnen. Heute sind sie zu einer Art Galionsfigur in Sachen „Müllvermeidung" geworden.
Von Wolfgang Weitlaner

Angefangen hat es mit der Premierenvorstellung samt Diskussion von Werner Bootes Kino-Doku ‚Plastic Planet'", erzählt Sandra Krautwaschl. Der so gemütlich geplante Abend wurde für die dreifache Mutter zu einem Weckruf. „Ich bin auf dem harten Boden des Plastikplaneten gelandet: Weichmacher in Bodenbelägen, Plastikstrudel im Pazifik, intersexuelle Fische in Flüssen, Opfer der Kunststoffindustrie in Venedig, Bisphenol-A in Babyschnullern, Unfruchtbarkeit, ohnmächtige Politiker und arrogante Vertreter der Plastikindustrie – all diese Dinge sind in meinem Kopf herumgeschwirrt", schildert sie.

Das Experiment beginnt

Doch wie kann man diesem Wahnsinn tatsächlich entfliehen? „Bis vor 100 Jahren hat die Menschheit existiert, ohne überall den ganzen Müll zu hinterlassen, der teilweise mehrere 100 Jahre lang braucht, bis er wieder verrottet. Da will ich heraus – darüber war ich mir sicher", erinnert sich Sandra Krautwaschl. Nun ging es darum, die Familie zu überzeugen. Mit ihrem Mann Peter vereinbarte sie zunächst einen Versuchszeitraum von einem Monat. Eine Bedingung schob er allerdings nach: „Keinen Stress. Die Sache muss Spaß machen." Auch die Überzeugungsarbeit bei den Kindern Samuel (heute 16 Jahre alt), Marlene (heute 13) und Leonhard (heute 10) war weniger schwierig als befürchtet. „Erst als es darum ging, Plastikspielsachen aus dem Kinderzimmer zu verbannen, gab es Diskussionen", erzählt die 41-Jährige.

Es geht mir nicht darum, das Leben schwieriger zu machen, sondern – ganz im Gegenteil – einfacher.

Am Anfang, im November 2009, stand der sportliche Ehrgeiz im Vordergrund, den Haushalt von sämtlichen Plastikprodukten frei zu bekommen und passende Alternativen zu finden. Darüber hinaus ging es aber auch darum, Lebensmittel und Haushaltsartikel zu kaufen, die nicht in Plastikverpackungen stecken. „Der Teufel steckt bei vielen Artikeln im Detail", weiß Krautwaschl. Dichtungsringe bei Kronkorken und bei Schraubgläsern sind ebenso wie Tetrapaks mit Kunststoff beschichtet. Sehr schnell fiel auch auf, dass bei Hygieneartikeln nahezu überall Plastikgefäße oder -verpackungen im Einsatz sind. „Nicht überall ist es uns gelungen, Alternativen zu finden, aber das war dennoch kein Grund aufzugeben."

Buch: Plastikfreie Zone

Im Buch „Plastikfreie Zone" ist ein sehr ausführlicher Serviceteil enthalten, der auch bald im Blog gelistet wird. Besonders bei Hygieneartikeln ist die Beschaffung teilweise etwas schwieriger. Statt herkömmlichem WC-Papier (das nahezu immer in Plastikfolien verpackt ist), kann man Papierhandtücher aus Recyclingpapier kaufen, das im Großhandel in einer Karton­großpackung erhältlich ist. Bei Duschgel und Shampoo kann man etwa Naturseifen in fester Form verwenden oder z. B. auf Lavaerde zurückgreifen. Eine Alternative zu Zahnpasten sind Zahnputzsalz oder Xylit.

Hilfe von vielen Seiten

Dankbar ist Sandra Krautwaschl für die Hilfe von zahlreichen Freunden, mit denen das Projekt oft diskutiert wurde und die bei der Suche nach Alternativen tatkräftig mitgeholfen haben. „Verschraubbare Glasgefäße, die irgendwo im Keller bei Freunden oder Bekannten standen, sind plötzlich in unsere Küche gewandert." Hilfestellung gab es auch bei der Suche nach Alternativprodukten. „Das Schöne ist, dass dieser Lebensstil-Wandel auch eine große soziale Komponente bekommen hat."

Sandra Krautwaschls Ehrgeiz hat sie auch dazu bewogen, mit „Plastic Planet"-Regisseur Werner Boote und Produzent Thomas Bogner in Kontakt zu treten. „Ich bat um Hilfe, um den Verlauf unseres Experiments besser zu dokumentieren und nach neuen Lösungen zu suchen." Es folgte der Schritt in die ­Öffentlichkeit – der Blog www.keinheimfuerplastik.at ging online, und die Familie nahm am Aktionstag „Die Kunst, nachhaltig zu leben" in Stübing teil. „Dabei haben wir einen riesigen Plastikberg dem gegenübergestellt, was wir jetzt verwenden." Krautwaschl erzählt, dass es unmöglich gewesen sei, alle früher im Haushalt verwendeten Plastiksachen auf dem dafür vorgesehenen Tisch aufzustapeln. „Wir mussten uns auf eine Auswahl beschränken."

Anfang 2012 trat dann der Heyne Verlag an die Steirerin heran und fragte, ob aus dem Tagebuch des ­Experiments – das ja schließlich zu einem neuen Lebensstil geworden war – ein Buch werden könnte. Dort sollten neben der persönlichen Geschichte auch Informationen über Alternativprodukte drinstehen und die Frage der Machbarkeit und der Kosten diskutiert werden. Sehr oft scheint nämlich genau dieser Punkt eine Rechtfertigung dafür zu sein, am Status quo festzuhalten. Doch das neue, plastikfreie Leben kommt nicht teurer, so Krautwaschl. Blogger stellen auch immer wieder den Sinn der Aktion infrage. „Darauf gibt es eine gute Antwort: Die Tatsache, dass wir unseren Plastikmüll seit Beginn des Experiments um 95 bis 98 Prozent und den restlichen Müll um rund 50 Prozent reduzieren konnten, reicht mir als persönliche Bestätigung der Sinnhaftigkeit aus", zieht die Pionierin des plastikfreien ­Lebens Bilanz.

Ja zur Lebensfreude

„Durch das Schreiben des Buches ist mir erst aufgefallen, wie wichtig es wurde, mich vor der ständigen Konsum-Animation zu schützen und jenen Dingen zuzuwenden, die mich interessieren und mir Freude bereiten. Es geht mir nicht darum, das Leben schwieriger zu machen, sondern – ganz im Gegenteil – einfacher", erzählt Sandra Krautwaschl über ihre neue Lebensqualität. Es liegt ihr auch fern, mit erhobenem Zeigefinger aufzutreten. „In meinem Blog beschimpfte mich ein Leser einmal als ‚Plastiktaliban'. Dabei ist unser Leben ein Plädoyer für Leichtigkeit und Kompromissbereitschaft." Als größten Gewinn bezeichnet sie die Erkenntnis, dass man für viele Dinge gar keine Alternative braucht, weil man sie ersatzlos streichen kann. Was der Familie viel wichtiger geworden ist, ist ein noch bewussterer Lebensstil. „Wir – und damit spreche ich für alle Familienmitglieder – überlegen uns sehr genau, wenn wir einkaufen, was wir wirklich brauchen. Ich denke, dass wir mittlerweile noch größeren Wert auf die Langfristigkeit von Dingen legen. Dabei fällt auch auf, dass gerade die Kinder eine größere Wertschätzung für Sachen entwickeln und dem Konsumwahn eine Absage erteilen."

Webtipps:

www.keinheimfuerplastik.at
www.plastic-planet.de