Das Greenpeace Magazin / Dezember 2012

Die Lüge von grünen Kohlekraftwerken

Wie man sich mit schmutziger Kohlekraft trotzdem ein grünes Mäntelchen umhängen kann, zeigt Cofiring unrühmlich vor.

Wie man sich mit schmutziger Kohlekraft trotzdem ein grünes Mäntelchen umhängen kann, zeigt Cofiring unrühmlich vor.

© Greenpeace / Zbysek Jakubowicz

Unser Wald gehört nicht in den Kohlekessel. Doch bei Cofiring – dem Verbrennen von Biomasse in Kohlekraftwerken – geschieht genau das. In manchen EU-Ländern wird die grüne Schummelei sogar noch mit Subventionen gefördert.  

Von Anja Freudenberg

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Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich in den letzten Jahren bei der Energieerzeugung eine neue Methode des Greenwashing eingeschlichen. Bei dem sogenannten Cofiring wird in gewöhnlichen Kohlekraftwerken Biomasse beigemischt und das Ergebnis als „grüne Energie" verkauft. Vorreiter sind die USA, wo diese Methode seit den 1990er-Jahren kommerziell verwendet wird. Westeuropäische Staaten wie Groß­britannien, Finnland, Belgien, Dänemark, Schweden, Niederlande und Polen folgten bald dem schlechten Beispiel aus Übersee. Besonders in Polen ist die Lage trist: Das Land zeigt bei fast 90 Prozent Abhängigkeit von Kohle in der Stromversorgung keinerlei Ambitionen, seine Energieinfrastruktur zu reformieren.

Holz im Kohlekessel

Cofiring ist eine Umweltfalle. Beim Verheizen von Kohle zur Energiegewinnung werden klimatreibende Emissionen wie Kohlenstoff freigesetzt. Wenn gemeinsam mit der Kohle ein Anteil von Biomasse verbrannt wird, dann entstehen dabei dem Anteil der Biomasse entsprechend weniger Emissionen. Der durchschnittliche Biomasse-Anteil bei Cofiring beträgt in Europa fünf bis zehn Prozent, wobei meist Holz benutzt wird. Kohlekraftbetreiber machen kräftig Werbung für diese Methode, da sie auf diese Weise ohne hohe Investitionskosten ihre Emissionen reduzieren und Geld für CO2-Zertifikate einsparen können. Diese Einsparungen reichen allerdings nicht aus, um Cofiring rentabel zu machen, der Staat – und damit der Steuerzahler – muss kräftig subventionieren.

Die Kohlekraftbetreiber sind die einzigen Gewinner beim Cofiring. Durch die sogenannte „Vergrünung" von Kohle entstehen keine Anreize, die veraltete fossile Energie­infrastruktur zu ersetzen und ein gesellschaftliches Umdenken hinsichtlich des Umgangs mit Ressourcen zu fördern. Fördergelder, die in Kohle investiert werden, fehlen für den Ausbau von CO2-freien und unbegrenzten Energiequellen wie Wind und Sonne.

Hinzu kommt, dass durch Cofiring weder die Menge an produzierter Energie noch die Energieunabhängigkeit gestärkt wird – ein wichtiges Kriterium in den von Versorgungsengpässen gekennzeichneten Energiemärkten Osteuropas. Zudem ist Cofiring eine ­äußerst verschwenderische Art, mit der wertvollen Ressource Holz umzugehen. Bei der Verwendung von Biomasse zur Stromerzeugung durch Cofiring gehen 60 bis 70 Prozent der Energie im Umwandlungsprozess verloren. Energieeffizienz sieht anders aus.

Und nicht zuletzt bleibt noch die Frage: Woher stammt das Holz? Für den Ausbau von ­Cofiring wäre zukünftig ein massiver Bio­masse-Import nötig. Die potenziellen Lieferanten verdeutlichen die miese Umweltbilanz noch weiter: Es sind überwiegend Gebiete mit Primär- und Regenwäldern und schwachen Umweltstandards wie Russland, Weißrussland, Ukraine, Brasilien, Tansania, Mosambik, die USA und Kanada.

Es ist eine Sauerei, dass der polnische Energiebetreiber vorgibt, einen Beitrag für grüne Energie zu leisten, und in Wahrheit Kohle fördert. Dieser Betrug gehört aufgeklärt!

Aber auch im eigenen Wald steht die steigende Biomasse-Nachfrage für Energiegewinnung in direktem Zusammenhang mit der ­Degradierung der Waldqualität und der Reduzierung der Waldfläche als CO2-Speicher. Nützliche Biomasse wie tote Bäume, die beim Verrotten eine wichtige Nährstoff- und Nahrungsquelle für Flora und Fauna liefern, wird aus dem Wald herausgenommen. Die Konsequenzen sind Auswirkungen auf die Grundwasser- und Bodenqualität, reduzierte Artenvielfalt und verringerte Waldqualität. Auf andere Biomasse auszuweichen ist bei Cofiring keine Option: Rest- und Abfallprodukte aus der Land- und Forstwirtschaft wie zum Beispiel Getreidestroh oder bearbeitetes Holz aus der Möbelindustrie verursachen wegen ihrer ungeeigneten chemischen Eigenschaften technische Probleme bei den Heizkesseln.

In Polen werden jährlich schätzungsweise mehrere Millionen Tonnen Holz aus den Wäldern geholt und zusätzlich 900.000 Tonnen aus Ländern wie der Ukraine, Liberia und ­Kenia importiert, um Kohlekraftwerke zu beliefern. Diese Zahlen wurden von Experten geschätzt, da die polnische Regierung keine Daten veröffentlicht. Cofiring erhält in Polen über die Hälfte der für erneuerbare Energie bestimmten finanziellen Unterstützung und wird von den Steuerzahlern getragen – 2011 waren das 560 Millionen Euro.

Kampagne in Polen

„Es ist mehr als ein schlechter Scherz, dass Firmen, die Cofiring betreiben, mit grünen Zertifikaten und Geld belohnt werden", sagt Robert Cyglicki, Programmdirektor von Greenpeace in Polen. Um auf diese betrügerische Praxis aufmerksam zu machen und eine politische Diskussion anzustoßen, erkletterten zwölf Greenpeace-Aktivisten im vergangenen Frühling den Kühlturm des Cofiring-Kohlekraftwerkes Turów (act 02/2012). Mit dabei waren auch die zwei Österreicher Jutta Matysek und Gernot Goldmann. „Es ist eine Sauerei, dass der polnische Energiebetreiber vorgibt, einen Beitrag für eine grünere, sauberere Umwelt zu leisten, und in Wahrheit Kohle fördert. Dieser Betrug gehört aufgeklärt", begründet Gernot Goldmann seinen schwindelerregenden Einsatz.

Die mutige Aktion hat den Stein ins Rollen gebracht. Noch am selben Tag wurden Greenpeace-Vertreter vom polnischen Wirtschaftsministerium zu Gesprächen eingeladen. Bei dem Treffen wurde zugesagt, die Subventionen für Cofiring schrittweise auf null zu reduzieren. Greenpeace wird dafür kämpfen, dass dieses Bekenntnis keine leere Versprechung bleibt! Auch auf EU-Ebene muss es ein Subventionsverbot für Cofiring geben, damit unserer grünen Zukunft nicht durch Kohle­mogeleien ein Strich durch die Rechnung gemacht wird.