Das Greenpeace Magazin / Dezember 2012

Noa gegen Goliath

Tonnen an tiefgefrorenen Fischen im Bauch der Fangschiffe ...

Tonnen an tiefgefrorenen Fischen im Bauch der Fangschiffe ...

© Greenpeace / Paul Hilton

Die Jagd auf Tunfische und Haiflossen im Indischen Ozean ist zu einem Raubzug geworden. Ein internationales Greenpeace-Team segelte mit der „Rainbow Warrior“ in den Gewässern Mosambiks, um die lokalen Behörden im Kampf gegen die illegale Fischerei zu unterstützen.
Von Melanie Aldrian

Die Fangmethoden Nachhaltig oder umweltzerstörend?

„Ich gehe unsere Fische retten", sagt Noa Senete morgens zu seinem Sohn, wenn er zur Arbeit geht. Noa ist Leiter der nationalen Fischereiaufsicht in Mosambik und hat sein Büro für zweieinhalb Wochen zu uns an Bord der „Rainbow Warrior" verlegt. Seit elf Jahren überwacht er die Fischereiaktivitäten in den Gewässern des ostafrikanischen Landes. Fragt man Noa nach seiner Arbeit, erzählt er von seiner persönlichen Mission. Er will verhindern, dass ­seine Enkel in Geschichtsbüchern nachlesen müssen, warum es hier keinen Fisch mehr gibt.

Verbrechen auf hoher See

Er beschäftigt sich täglich mit jenen Fällen, die immer häufiger werden und die Meere zunehmend an den Rand des Kollapses führen: Boote, die ohne Lizenz fischen, die Fangquoten überschreiten und Arten fangen, für die sie keine Berechtigung haben oder die unter Schutz stehen. Man muss nur genau hin­sehen, um sich die Konsequenzen ausrechnen zu können. „Die Fälle ­illegaler Fischerei nehmen zu, der Fischbestand schwindet", erzählt Noa, während sein sonst so breites Lächeln schwindet.

Noa ist in einer Fischereifamilie aufgewachsen und kennt den westlichen Teil des Indischen Ozeans so gut wie kaum jemand. Er erinnert sich an die einst ertragreichen Fänge der lokalen Fischer und hat ihre zurückkehrenden Fischerboote in den vergangenen Jahren leerer und leerer werden sehen. Eines der größten Sorgenkinder: Tunfisch. Was auf Pizza, in Pasta oder als Sushi auf unseren Tellern landet, ist zu einem großen Teil im Indischen Ozean aufgewachsen: 25 Prozent des weltweiten Fangs stammen von dort. Für internationale Fischereiflotten sind die Küstengewässer Ostafrikas daher finanziell höchst attraktiv.

Die massive Überfischung des letzten Jahrzehnts hat jedoch Spuren hinterlassen. Im Jahr 2007 hat der Tunfisch-Bestand des Indischen Ozeans seinen Tiefpunkt erreicht: Rund ein Drittel des Bestands ist verschwunden – zu einem Großteil in den riesigen und hungrigen Bäuchen asiatischer und europäischer Fischereiboote. Nachhaltige Fangmethoden oder geregelte Fangquoten werden konsequent ignoriert. Auf den zurückgehenden Tunfisch-Bestand reagiert man pragmatisch, mit Alter­nativen. Da der Tunfisch-Bestand schrumpft, wird verstärkt nach Hai gefischt. Die Nachfrage nach Haiflossen am asiatischen Markt ist groß und verspricht ein lukratives Geschäft. „Am Ende des Tages zählt der Ertrag. An morgen – an die Zukunft der globalen Fischbestände – denkt kaum jemand", erzählt Noa, während er nachdenklich auf das offene Meer blickt.

Fischen im Trüben

Zwei Boote und 50 Inspektoren patrouillieren bis zu 250 Tage im Jahr innerhalb mosambikanischer Gewässer – ein Gebiet, das mit 400.000 Quadratkilometern größer als Deutschland ist. Oftmals ein Kampf gegen Windmühlen, wie Noa erzählt. Er kennt die Grenzen seiner Arbeit nur zu gut, und wer einmal auf hoher See war, kann diese nachvollziehen. Die Distanzen sind groß, es vergehen oft viele Stunden, manchmal Tage, bis man in den unendlich wirkenden Weiten des Ozeans auf ein Schiff trifft. Die Kontrollorgane können die Fischereischiffe zwar am Radar orten und bekommen Hinweise von lokalen Fischern, aber mit den Räubern des Ozeans verhält es sich wie mit der Stecknadel im Heuhaufen. Wer hier auf hoher See gegen das Gesetz handelt und nicht gefunden werden will, hat meist leichtes Spiel.

„Wenn wir illegale Fischerei verhindern und unsere Fischbestände retten wollen, muss noch viel passieren auf nationaler und internationaler Ebene", fasst Noa zusammen. Er ist dankbar für jede Hilfe, die er bekommen kann. Die „Rainbow Warrior", ein Helikopter sowie die 56 Augen und Ohren, die Noa und sein Team während der Zusammenarbeit mit Greenpeace mehr zur Verfügung haben, sind ein erster Rettungs­anker. Auch für Greenpeace ist die Arbeit mit der nationalen Fischereiaufsicht von großer Bedeutung. Wir sind das erste Mal hier im Indischen Ozean und versuchen uns ein Bild zu verschaffen und die Grundsteine für unsere zukünftige Arbeit im ­Indischen Ozean zu legen.

In den Wochen der gemeinsamen Arbeit liegen Motivation und Frustration manchmal sehr nahe beieinander. Gemeinsam scannen wir das riesige Gebiet, suchen, finden und inspizieren Fischereiboote, prüfen den Fang, dokumentieren die angewandten Fischereipraktiken und sprechen mit Crew und Kapitänen. Sprachliche und kulturelle Unterschiede erschweren die Kontrollen. Es dauert oft Stunden, bis man sich durch die Papiere gewühlt und die Lizenzen kontrolliert hat – dann erst kann man den Fang überprüfen. Das ist der schwierigste Teil der Inspektion, jener Part, der uns in die Gefrierräume des Schiffes führt und dessen Eindrücke mich noch lange begleiten werden.

„Haie sind
missverstandene Tiere"

Manuel Marinelli

Manuel Marinelli ist Meeresbiologe und Taucher und war Teil der Greenpeace-Expedition im Indischen Ozean. Seine Leidenschaft gilt den Haien.

 

Wie geht es den Haien im Indischen Ozean?

Täglich werden tausende Haie wegen ihrer Flossen gefangen, teils gezielt, teils als Beifang. Das Fleisch ist weniger wert, deshalb werden den Haien die Flossen abgeschnitten („Finning") und die Tiere dann noch lebend wieder zurück ins Wasser geworfen. Diese Grausamkeit ist nur schwer in Worte zu fassen.

 

Was fasziniert dich an Haien?

Sie sind die wohl am meisten missverstandenen Tiere. Viele denken bei Haien an blutrünstige Raubtiere, was so nicht stimmt. Ja, Haie sind Raubtiere, aber das sind wir am Ende auch. Wenn man bedenkt, wie viele (Anm.: Bis zu 73 Millionen Haie sterben pro Jahr durch „Finning") von Menschen getötet werden, erscheinen die Angriffe von Haie auf Menschen minimal.

 

Deine Befürchtungen?

Wenn Haie weiter so befischt werden, sind sie bald akut bedroht. Doch ohne Kontrolle von oben, ohne „Top-Räuber", kollabiert das Ökosystem. Haie jagen hauptsächlich schwache und verletzte Tiere. Das wirkt sich auf den Bestand positiv aus.

 

Was muss passieren?

Es müssen Fangquoten eingeführt, eingehalten und besser kontrolliert werden! Darüber hinaus braucht es Meeresschutzgebiete – großflächige Zonen, in denen nicht gefischt werden darf.

 

Was kann jeder Einzelne tun?

Viel! Das gilt nicht nur für Haie: Es wird gefischt und überfischt, weil die Nachfrage da ist. Man muss nicht ganz auf Fisch verzichten, aber was zählt, ist, sich zu informieren und bewusst einzukaufen.

Schrecklicher Anblick

Bei minus 60 Grad Celsius im Bauch des Schiffes stockt einem den Atem. Selbst unter den Schutzanzügen brennt die Kälte auf der Haut. Der Inhalt der Lagerräume lässt einem zusätzlich das Blut in den Adern gefrieren. Etliche Tonnen toter Fisch sind hier gelagert. Hauptsächlich Tunfisch, Schwertfisch und Haie. Wertvolle Nahrungsquelle und einst prächtiges Leben des Ozeans liegt hier fahl und achtlos auf einen Haufen geschmissen. Ein Bild, das mir unter die Haut geht. Noa ist den Anblick gewohnt, er weiß, wonach zu suchen ist. Er kennt die illegalen Praktiken und die Tricks der Fischereiflotten. Und doch sind ihm oftmals die Hände gebunden. Er weiß, dass der illegal gefangene Fisch längst zuvor auf hoher See umgeladen worden sein oder irgendwo an Bord gut versteckt liegen könnte. Hinzu kommen gesetzliche Graubereiche und schwammige Regelungen, die erfolgreich genutzt werden, um Strafen zu entgehen.

Was lässt einen in diesen Stunden des Zweifels weitermachen, frage ich ihn. „Der Ozean bedeutet für mich Leben", antwortet Noa und spricht mir damit aus der Seele. Wir sehen auf den Ozean hinaus: Eine unserer wichtigsten Nahrungsquellen entspringt aus ihm. Meeresalgen produzieren die Hälfte des Sauerstoffs der Erde. „Lassen wir zu, dass unsere Meere weiterhin geplündert werden, berauben wir uns selbst und vor allem die nächsten Generationen."

Nachhaltige Fischerei auf den Malediven mittels Angelrute und Leine ist nicht nur möglich, sondern löst auch viele Probleme: Die Bestände werden geschont, und mehr Arbeitsplätze werden geschaffen. Im Indischen Ozean wird Haifang und "Finning" betrieben. Der österreichische Meeresbiologe und Aktivist Manuel Marinelli (siehe Kasten) setzt sich dageben ein.