Das Greenpeace Magazin / Dezember 2012

Wald in Gefahr

© Markus Mauthe / Greenpeace

Rumänien verfügt über eines der letzten intakten Urwaldgebiete Europas. Doch die zunehmende Nachfrage nach Holz übt immer mehr Druck auf die wertvollen und schützenswerten Buchenwälder aus.
Von Birgit Bermann

Holz-Ratgeber Gute Hölzer, schlechte Hölzer

 

Rumänien verfügt über Waldschätze, die am Rest des europäischen Kontinents zum allergrößten Teil bereits verloren gegangen sind. Draculas Heimat ist mit 6,5 Millionen Hektar zu rund einem Drittel bewaldet, darunter befinden sich auch die letzten unberührten Buchen-­Urwälder des alten Kontinents. Sie geben noch heute seltenen Tieren wie Braunbären, Wölfen und Wildkatzen eine Heimat und konnten sich jahrhundertelang ungestört von menschlichen Eingriffen entwickeln. Ihr ökologischer Wert ist daher besonders groß. Natürlich gewachsene Wälder weisen eine eindrucksvoll hohe Artenvielfalt auf und sind auch in Bezug auf ihre Kohlenstoff-Speicherfähigkeit klassischen Forstwäldern weit überlegen.

Doch wer hofft, dass Rumänien mit diesem wertvollen Erbe sorgsam umgeht, wird enttäuscht. Im Land der Ostkarpaten wird viel zu viel geschlägert – verbotenerweise auch in National- und Naturparks und in Natura-2000-Gebieten. Doch wie viele Bäume tatsächlich der Kettensäge zum Opfer fielen und in welchen Regionen am meisten gefällt wurde, darüber fehlte lange Zeit eine genaue Dokumentation.

Angesichts der dramatischen Lage startete Greenpeace in Rumänien 2011 eine Waldkampagne. Eines der ersten Projekte war die Erstellung ­einer genauen Kahlschlag-Karte, um die Öffentlichkeit zu informieren und auf die verantwortlichen Behörden gezielt Druck ausüben zu können. Nach monatelanger akribischer Satellitenrecherche kombiniert mit zahllosen Vor-Ort-Checks war es vergangenen Frühling so weit: Die Datenlage zum rumänischen Waldbestand wurde veröffentlicht – und löste ein gewaltiges Medienecho aus. Nicht nur, weil der Waldschutz generell ein sensibles Thema ist, sondern vor allem, weil das Ergebnis dramatischer war als befürchtet: Jede Stunde verschwinden in Rumänien drei Hektar Wald von der Bildfläche! „Die Resultate waren überraschend, obwohl wir natürlich mit Verschlechterungen gerechnet hatten", sagt Doina Danciu, Leiterin der Waldkampagne in Bukarest. „Zudem liegen 48,9 Prozent der abgeholzten und zerstörten Wälder in Schutzgebieten", fasst sie die alarmierenden Ergebnisse zusammen. In dem untersuchten Zeitraum von 2000 bis 2011 ist insgesamt eine Fläche von 280.108 Hektar Wald verschwunden.

Abholzung in Rumänien 2000 - 2011

Greenpeace Rumänien suchte sich einen sehr guten Zeitpunkt aus, um mit diesen bestürzenden Nachrichten an die Öffentlichkeit zu gehen. Kurz nach dem Ende einer Regierungskrise im Frühling setzte Greenpeace die neue Regierung mit der Veröffentlichung erfolgreich unter Zugzwang. Der Chef der rumänischen Forstbehörde Romsilva wurde bald nach Veröffentlichung der Kahlschlag-Daten ausgetauscht. Welche weiteren Schritte Greenpeace Rumänien in seiner Kampagne setzen wird, entscheiden die nächsten Wochen, wenn sich die neue Regierung nach den Wahlen Ende November konsolidiert – und sich in die Karten schauen lässt, wie sie es mit dem Waldschutz hält. Denn eines ist sicher: Rumäniens Wälder brauchen dringenden, umfassenden und vor allem schnellen Schutz. Sonst sind die letzten Urwälder des Kontinents bald Geschichte.