Das Greenpeace Magazin / Dezember 2012

Wo Russland im Öl versinkt

© Greenpeace / Daniel Mueller

Im Frühsommer startete Greenpeace weltweit mit einer groß angelegten Kampagne. Das Ziel: ein Verbot der arktischen Ölausbeutung und ein Schutzgebiet um den ­Nordpol. An vorderster Front der Arktis-Zerstörer steht neben Shell die russische Gazprom.
Von Hanna Schwarz

savethearctic.org Jetzt Petition unterzeichnen

In Klagenfurt, Graz und Wien und weltweit in Metropolen wie Sydney, London, Washington sowie an Sehenswürdigkeiten wie der Chinesischen Mauer oder dem Taj Mahal waren vergangenen Sommer Eisbären aufgetaucht – der heimatlos gewordene Eisbär wurde zur prominenten Kampagnen-Figur und zum Symbol für die Rettung der Arktis. In ganz Europa erkletterten die weißen Bären Shell-Tankstellen und warnten vor den drohenden Bohrungen des Ölkonzerns, die ihren ­Lebensraum in Gefahr bringen. Wenige Wochen nach dem Start der Kampagne war es dann Zeit, den zweiten großen Ölmulti ins Visier zu nehmen, der sehr konkrete Pläne für die Ausbeutung der Arktis verfolgt – der russische Energieriese Gazprom.

Russlands arktische Regionen mussten bereits schlechte Erfahrungen mit der Ölförderung machen. Ein Greenpeace-Team hat in der sibirischen Komi-Region, 2.000 Kilometer von Moskau entfernt, die Verwüstungen durch die Ölindustrie dokumentiert. Über 3.000 Bohr­löcher und abertausende Kilometer rostiger Pipelines prägen das nördlichste Russland. Ausgelau­fenes Öl bildet kleine Giftseen, ­erstickt den spärlichen Flechtenbewuchs, dringt in den Boden ein und gelangt ins Grundwasser.

Zerstörte Existenzen

Im Frühjahr sei es am schlimmsten, erzählt Kanev Vyacheslav Vaselyevich, ein 84-jähriger Rentierzüchter, den angereisten Umweltschützern. „Es ist Öl im Wasser, in der Luft, in der Nahrung – überall stinkt es nach Öl.“ Früher lebten die Komi von der Fischerei, der Jagd und der Fischzucht – durch das auslaufende Öl aus lecken Leitungen, die seit Jahren nicht erneuert worden sind, ist ihre Existenzgrundlage zerstört, das Leben zu einem tristen Dasein degradiert. Das Beispiel Komi zeigt eindringlich, wie die Zukunft der Arktis aussieht, wenn dort nach Öl gebohrt wird und sie nicht so schnell wie möglich zum Schutzgebiet erklärt wird.   

Doch auch in anderen Regionen ­Sibiriens ist die Lage düster, denn Russland nimmt einen Spitzenplatz bei Ölkatastrophen ein. Am stärksten betroffen sind die Gebiete rund um die großen Flüsse Ob, Tas und Jenissei. Das Öl, das täglich in diese Flüsse gelangt, lässt die Fische mit dem Bauch nach oben schwimmen und die Teller der Fischer leer. Bereits jetzt wird die Arktis durch die russische Ölindustrie schwer belastet: 500.000 Tonnen werden durch Flüsse in den Arktischen Ozean transportiert. Alleine 500 Millionen Tonnen werden Jahr für Jahr in Sibirien aus dem Boden geholt. Und noch ist die Gier nicht gestillt. Die Fördermenge, die Russland durch Bohrungen im offenen Arktischen Meer („offshore“) erreichen möchte: 13,5 Millionen Tonnen Öl pro Jahr.

Um dieses profitable Ziel zu erreichen, setzt Gazprom die Ölplattform „Prirazlomnaya“ ein. 2012 konnte sie aber noch nicht wie geplant zum Zug kommen. Wie Greenpeace Russland herausfand, war die fünfjährige Gültigkeit für einen Notfallplan bereits im Frühsommer abgelaufen. Zusätzlich hatte sich das Greenpeace-Schiff „Arctic Sunrise“ mit vielen Aktivisten und Greenpeace-Geschäftsführer Kumi Naidoo an Bord auf den langen Weg in den eisigen Norden aufgemacht, um die Bohrvorbereitungen zu vereiteln und die Plattform zu besetzen.

„Meine Kollegen und ich stehen hier stellvertretend für die über eine Million Arktis-Schützer“, sagte Kumi Naidoo, nachdem er die riesengroße Plattform „Prirazlomnaya“ erklettert hatte und mit eiskaltem Wasser aus den Schläuchen der Arbeiter bespritzt wurde. „Gazprom und Shell riskieren mit ihren Förderplänen ein einzigartiges Ökosystem. Früher oder später wird es in der Arktis zu einem Ölunfall kommen. Der einzige Weg, dies zu verhindern, ist ein generelles Verbot aller Bohrungen in der Arktis.“

Ein Ölunfall im höchsten Norden kann das Ende für den wohl prominentesten Arktis-Bewohner bedeuten – den Eisbären. Neun Monate lang herrscht hier härtester Winter, mit minus 50 Grad Celsius und meterhohem dickem Meereis. Ausgetretenes Öl zu beseitigen ist unter diesen Bedingungen unmöglich. Das scheinen auch die Gazprom-Verantwortlichen so zu sehen und die Notfallausrüstung der „Prirazlomnaya“ deshalb gleich im Vorhinein einzusparen: 15 Schaufeln, 15 Eimer und ein Vorschlaghammer stehen auf der Ölplattform zur Verfügung.

Eisbären in Moskau

Nach dem Einsatz von Greenpeace auf der Ölplattform inmitten der Petschorasee galt es, weiter medienwirksame Aktionen in Russland zum Schutz der Arktis durchzuführen. Anfang September kettete sich ein heimatloser Eisbär vor den Augen zahlreicher Moskauer Bürger an den Zaun vor der Gazprom-Zentrale in Moskau. In Russland ist eine solche Aktion ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, wie auch die österreichische Aktivistin Ina Vallant feststellen konnte, die vor Ort dabei war (siehe Interview rechts).

Die Greenpeace-Kampagne zum Schutz der Arktis zählt bereits wenige Monate nach ihrem Start über zwei Millionen Unterstützer, die „Arctic Defender“. Die gesamte Greenpeace-Welt wird erst ruhen, wenn ein Arktis-Schutzgebiet Realität geworden ist – auch im kommenden Jahr werden sich Shell, Gazprom & Co. also auf sehr viel Widerstand gefasst machen müssen.

Russisches (Öl-)Roulette

  • Fünf Millionen Tonnen Rohöl laufen pro Jahr aus lecken Ölleitungen – das entspricht sieben „Deepwater Horizons".
  • 500.000 Tonnen Öl landen über verschmutzte Flüsse in der Arktis.
  • 15.000 Kilometer Pipelines befinden sich in der russischen Komi-Region. Über 10.000 signifikante Rohrbrüche werden jährlich gezählt.
  • Durch das bei der Ölförderung­ unkontrolliert austretendeMethan und das Verbrennen von frei werdendem Gas entstehen Treibhausgasemissionen von insgesamt 130 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr. Das entspricht sieben Prozent der jährlichen russischen CO2-Emissionen.

„Ich will den Schutz der Arktis!"

Ina Vallant

Ina Vallant ist seit sechs Jahren für Greenpeace als Aktivistin im Einsatz – zuletzt vor der Gazprom-Zentrale in Moskau.

 

Warum setzt du dich für die Arktis ein?

Die Arktis ist ein so einzigartiges Naturparadies. Als ich hörte, dass Konzerne dort nach Öl bohren wollen, musste ich etwas tun. Wenn in der Arktis ein Unfall passiert, dann hat das riesige Auswirkungen. Ich will den Schutz der Arktis – für die Antarktis gibt es ihn bereits.

 

Du bist zu einer Aktion nach Russland gefahren. Hattest du keine Angst?

Nein. Mir persönlich fiel es schwer, in Österreich herumzusitzen, während der Lebensraum Arktis schwindet und von der Profitgier internationaler Ölkonzerne gefährdet wird. Vor der Zentrale der Gazprom in Moskau zu stehen und zu sagen: „Die Weltöffentlichkeit schaut auf euch! Lasst die Finger von der Arktis!", war sehr wichtig für mich. Aktionen bergen ein gewisses Risiko, aber im Leben gibt es gefährlichere Sachen, die gar nicht sinnvoll sind. Als wir aber mit unserer Aktion noch am gleichen Tag vor Gericht gelandet sind, habe ich doch sehr gestaunt.

 

Was motiviert dich, als Aktivistin für die Umwelt einzutreten?

Es ist das Feedback der Leute, besonders von Kindern. Neulich bekam ich einen Brief von einem Achtjährigen, der mir schrieb, wie gut er es findet, dass wir die Eisbären und ihren Lebensraum retten wollen. Dann weiß ich wieder, weshalb ich dafür kämpfe – für unsere Zukunft und für zukünftige Generationen.