Bekleidungsindustrie: Existenzen in Trümmern

Löhne unter der Armutsgrenze

Newsartikel - 21 Oktober, 2013
Südwind-Mitarbeiterinnen berichten von einem Lokalaugenschein in Bangladeschs Bekleidungsindustrie, Clean Clothes Kampagne startet Aktionswoche zu existenzsichernden Löhnen.

 

Am 24. Oktober ist es ein halbes Jahr her, dass beim Gebäudeeinsturz von Rana Plaza über 1.100 NäherInnen starben, am 24. November jährt sich das Feuer der Tazreen-Fabrik, bei dem über hundert ArbeiterInnen verbrannten. Zigtausende Menschen wurden bei diesen Katastrophen in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka verletzt oder verloren Angehörige. „Viele Menschen haben sich zwar vor dem Feuer und den Trümmern aus den Textilfabriken retten können, müssen seitdem aber tagtäglich um ihr Überleben kämpfen“, beschreibt Christina Schröder von Südwind die Situation der ArbeiterInnen nach einem Lokalaugenschein in Bangladesch heute bei einem Pressegespräch in Wien.

Nach den Katastrophen von Rana Plaza und Tazreen haben nun über 100 Unternehmen ein rechtlich bindendes Sicherheitsabkommen mit der bangladeschischen Regierung, Gewerkschaften und Unternehmerverband verhandelt und unterschrieben. Dieses sieht eine systematische Erfassung, Kontrolle und Verbesserung der Textilfabriken vor. „Das Sicherheitsabkommen wartet allerdings noch auf seine Umsetzung und es beinhaltet nicht die nun so dringenden und noch immer ausstehenden angemessenen Entschädigungszahlungen- außerdem bieten die Hungerlöhne keinerlei Existenzsicherheit“, so die Südwind-Mitarbeiterin Ines Zanella, die ebenfalls vor Ort in Bangladesch war.

Bericht einer Betroffenen

„Ich habe immer noch Angst, wieder in eine Fabrik arbeiten zu gehen. Ich habe Angst bei Geräuschen“, erzählte ihr die 25jährige Yasmin, die in Rana Plaza Bekleidung für europäische Unternehmen genäht und sich mit schweren Verletzungen am Arm aus den Trümmern von Rana Plaza befreit hatte. 160 Euro habe sie, als eine von wenigen, als Entschädigung bekommen – damit konnte sie gerade einen Teil der Arztkosten bezahlen. Kranken,-unfall- oder sozialversichert war sie nicht, 48 Euro hatte sie im Monat verdient: für 11 Stunden Arbeit pro Tag, an sieben Tagen die Woche. Nur weil ihr Mann ein kleines Fischgeschäft hat und sie mit ihrem kleinen Sohn in einem 9m2 Zimmer in der Wellblechhütte einer Verwandten jetzt mietfrei leben dürfen, seien sie noch nicht verhungert, erzählte Yasmin, „Mit meinem Lohn habe ich mir für Notsituationen wie jetzt nie etwas ansparen können.“

Ines Zanella von Südwind: „Nur mangelhaft medizinisch behandelt und mit schweren psychischen Beeinträchtigungen, wurden und werden immer wieder von einen Tag auf den anderen tausende NäherInnen und ihre Angehörige ihrer Existenzgrundlage beraubt – das sind keine Unfälle, sondern das Resultat von Ausbeutungsmechanismen, von denen Fabrikbesitzer in Bangladesch, die Regierung sowie vor allem europäische Unternehmen profitieren.“

Löhne unter der Armutsgrenze

Nirgends auf der Welt sind die Mindestlöhne in der Bekleidungsindustrie so niedrig wie in Bangladesch. Mit ca. 30 Euro liegt er sogar weit unter der Armutsgrenze. Außerdem profitieren Unternehmen, von H&M bis Zara und C&A bis KiK von der zollfreien Einfuhr von Textilien in die EU, die der Status Bangladeschs als LDC-Land, also eines von der UN deklarierten „am wenigsten entwickelten Länder“, ermöglicht.

Bangladesch ist aber nicht das einzige Land, in dem NäherInnen ausgebeutet werden. Unter dem Slogan „NäherInnen verdienen mehr. Existenzlohn für alle!“ startet die Clean Clothes Kampagne (CCK), die sich für faire Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsproduktion weltweit einsetzt, heute eine europaweite Aktionswoche. „Ein existenzsichernder Lohn ermöglicht es einer Näherin, sich selbst und ihre Familie zu ernähren, die Miete zu zahlen, für Gesundheits-, Kleidungs-, Mobilitäts- und Bildungskosten aufzukommen sowie für unerwartete Ereignisse oder Notfälle ein wenig Geld zu Seite zu legen“, erklärt Michaela Königshofer, Koordinatorin der CCK den Begriff Existenzlohn.

Der aktuelle Mindestlohn von rund 30 Euro im Monat in Bangladesch entspricht nur elf Prozent von den 259,80 Euro, die die Asia Floor Wage Alliance, ein Zusammenschluss von asiatischen Gewerkschaften und Arbeitsrechtsorganisationen, als existenzsichernden Lohn für das Land berechnet hat. Ähnlich die Situation in anderen textilproduzierenden Ländern. In Kambodscha deckt der Mindestlohn 21 Prozent von den Ausgaben, die für ein menschenwürdiges Leben nötig wären.

Petition für existenzsichernde Löhne

In der internationalen Bekleidungsindustrie liegt der Lohnanteil bei T-Shirts im Schnitt bei ca. 1 Prozent. „Würden die Lohnkosten pro produziertem T-Shirt beispielsweise in Indien um 27 Cent angehoben werden, könnten die Arbeiterinnen und Arbeiter ein menschenwürdiges Leben führen. Ein existenzsichernder Lohn ist ein Menschenrecht und darf nicht an 27 Cent scheitern!“, zeigt sich Königshofer überzeugt und verweist auf die Petition unter www.cleanclothes.at/existenzlohn, mit der KonsumentInnen sich der Forderung nach einem existenzsichernden Lohn für NäherInnen anschließen können.

Quelle: Südwind

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