Fakten zu Fukuhsima

Infoseite - 23 Februar, 2012
Am 11. März 2011 kam es zu einem Erdbeben der Stärke 9,0 vor der Küste Japans, gefolgt von einem Tsunami, der weite Teile der östlichen Küste, zahlreiche dort liegende Ortschaften und das Leben von tausenden Menschen zerstörte. Das Ereignis führte zur größten Atom- Katastrophe seit Tschernobyl 1986 und legte die zahlreichen Probleme im Umgang mit der Atomkraft in einer Unfallsituation - sogar für ein hochtechnologisches Land wie Japan - offen.

Kernschmelze

Durch das Erdbeben kam die externe Stromversorgung des AKW Fukushima Daiichi, ein Standort mit sechs Atomreaktoren, zum Erliegen. Der nachfolgende Tsunami überflutete das Kraftwerk und zerstörte die Back-up-Diesel-Generatoren, die normalerweise der die Notstromversorgung dienten. Ein kompletter Verlust der Stromzufuhr war die Folge und damit ein Ausfall der Kühlsysteme. Ohne die notwendigen Kühlsysteme wurde der  Kernbrennstoff beschädigt und es kam zu Kernschmelzen in den Reaktoren # 1, # 2 und # 3.

Fukushima I (Daiichi) Erdbeben/Tsunami Zerstörung davor/danach

davor
danach

 

Aufgrund des beschädigten Brennstoffs sammelte sich Wasserstoffgas in den Reaktorgebäuden an. Weil die Gebäude dem stärker werdenden Druck nicht stand hielten, kam es zu Wasserstoff-Explosionen in den Reaktorgebäuden # 1, # 2 und # 3, die darüber hinaus die Containment-Struktur in Reaktor # 4 beschädigten.

Die nukleare Katastrophe wurde mit Stufe 7  auf der International Nuclear Event Scale (INES) bewertet. Dies ist die höchstmögliche Einstufung. Bisher gab es nur eine Reaktorkatastrophe der Stufe 7 – 1986 in Tschernobyl. Die japanische Behörde für Atomsicherheit schätzt, dass die Freisetzung von Cäsium durch die Explosionen bei der Reaktorkatastrophe in Fukushima  168 Hiroshima Atombomben entspricht.

Bereits seit 2008 wurde über die Möglichkeit einer Kernschmelze in Folge eines Tsunamis diskutiert. Die Tokyo Electric Power Company (TEPCO), der Eigentümer der Anlage, war sich der Möglichkeit bewusst, dass ein Tsunami die Auslegung des AKW Fukushima überfordern könnte – die Einrichtung wurde dennoch nie verstärkt oder nachgebessert. Stattdessen ignorierten die Regulatoren und TEPCO die Gefahr. Das Versagen rechtzeitig in Sicherheitsmaßnahmen zu investieren, hat zur Fukushima Katastrophe entscheidend beigetragen.

Evakuierung

Mehr als 150.000 Menschen flohen aus den verstrahlten Gebieten rund um die Anlage Fukushima. Die 20km-Sperrzone ist immer noch tabu. Experten erwarten, dass sie für Jahrzehnte unbewohnbar sein wird. Die meisten Menschen, die aus anderen Gebieten evakuiert wurden, haben massive Ängste vor der radioaktiven Strahlung, der drohenden Arbeitslosigkeit und haben daher beschlossen, nicht mehr zurückzukehren.

Kontamination

Eine Studie der Woods Hole Oceanographic Society sagt, dass der Fukushima Unfall „zur größten unbeabsichtigte Freisetzung von Strahlung in das Meer in der Geschichte der Menschheit" geführt hat. Im April 2011 wurden die Cäsium-137-Werte an der Küste vor der Fukushima Daiichi Anlage gemessen. Sie waren 50 Millionen Mal höher als vor dem Unfall.
Wissenschaftler warnen, dass sich die gesamten Auswirkungen der radioaktiven Strahlung auf das Ökosystem erst in einigen Jahrzehnten zeigen werden. Messungen und Probeentnahmen, die von Greenpeace am Meer durchgeführt wurden, zeigten einen erhöhten Gehalt an radioaktivem Cäsium in Seetang und Fisch. Eine Analyse von Asahi News basierend auf Daten von TEPCO zeigte, dass 462 Terabecquerel radioaktives Strontium in den Pazifischen Ozean gelangten. Wenn dieses Strontium in die Nahrungskette gerät, reichert es sich im Knochen an und kann zu Leukämie und Knochenkrebs führen.In Japan wurde Kontamination von Reis, Rindfleisch, Obst, Gemüse, Milch und Babynahrung festgestellt. Darüber hinaus wurden die Landwirtschaft und Teile der japanischen Wirtschaft massiv in Mitleidenschaft gezogen.

Im Januar 2012 räumte das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) ein, dass radioaktives Material wie Kies oder Schotter verwendet worden war, um neue Häuser,  Wohnungen und ebenso für Straßen, die durch das Erdbeben beschädigt waren, zu bauen. Bisher wurden keine Vorschriften entwickelt, um die radioaktive Strahlung in Steinen und Kies zu überwachen.

Wohnhäuser, Schulen und kommunale Gebäude müssen einer umfangreichen Dekontaminierung unterzogen werden, doch auch der Boden selbst ist betroffen. Alleine in der Präfektur Fukushima müssen 29 Kubikmeter des radioaktiven Bodens entfernt werden. Dieser Vorgang ist extrem aufwendig und bis jetzt gibt es keine Lösung, wohin mit der verseuchten Erde.

Stand der Fukushima-Reaktoren

Im Dezember 2011 erklärte die Regierung und TEPCO, dass die Reaktoren einen Status erreicht hätten, der einem  sogenannten Cold-Shutdown entspricht. Und das, obwohl sie immer noch nicht die genaue Lage oder die Temperatur des geschmolzenen Brennstoffs benennen können. Es wird angenommen, dass der Kernbrennstoff durch den stählernen Boden des Reaktor-Druckbehälters und möglicherweise sogar durch den dicken Betonsockel des Sicherheitsbehälters durchgeschmolzen ist.

Die Regierung behauptete aus politischen Gründen den Cold-Shutdown erreicht zu haben, um eine frühere zeitliche Zusage, nämlich bis Ende des Jahres den Reaktor unter Kontrolle zu haben, zu erfüllen. In Wahrheit sind die vier Kernreaktoren in Fukushima Daiichi noch immer in keinem stabilen Zustand und die Freisetzungen radioaktiver Stoffe verunreinigen nach wie vor das Meer und auch das Grundwasser. Die Strahlungswerte sind nach wie vor zu hoch, so dass Arbeiter den inneren Bereich des Reaktorgebäudes nicht betreten können. Die Bemühungen mit einem Endoskop ein gesichertes Bild von innen zu erhalten, sind gescheitert.

Nachwievor müssen Arbeiter Stickstoff in die Reaktoren injizieren, um eine weitere Wasserstoff-Explosion zu verhindern. Um die Reaktoren zu kühlen, wurde hoch radioaktives Wasser verwendet. Derzeit lagern mehr als 100.000 Tonnen kontaminiertes Wasser im Keller der Anlage. Alle Kühlungsversuche sind bisher Notbehelfe. Die havarierten Reaktoren kontaminieren weiterhin die Umwelt und bleiben anfällig für weitere mögliche Schäden aus neuen Erdbeben, die in Japan häufig vorkommen.

Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass die Stilllegung der Fukushima Daiichi Reaktoren 40 Jahre dauern wird.

Kosten

Laut japanischen Wirtschaftsforschern dürften die gesamten Kosten für die Stilllegung der sechs Reaktoren in Fukushima und für die zu leistenden Entschädigungszahlungen zwischen 520 Milliarden und 650 Milliarden US Dollar betragen.

TEPCOs Verbindlichkeiten werden bald über die Vermögenswerte des Unternehmens hinaus gehen. Daher hat die japanische Regierung bereits zugestimmt, TEPCO 11,6 Milliarden US Dollar zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus hat das Unternehmen bereits um zusätzliche 9 Milliarden US Dollar angefragt. Diese Kosten beinhalten aber noch keine Beträge für Entschädigungszahlungen an die Opfer der Katastrophe.

Kompensation

Nur ein kleiner Teil der Menschen, die evakuiert wurden, hat eine Entschädigungszahlung erhalten. Das Entschädigungsverfahren das TEPCO entworfen hat, war kompliziert und restriktiv und führte zu einer sehr langsamen Umsetzung. Zunächst verlangt TEPCO von den Bewerbern, ein 58-seitiges Formular auszufüllen, das von einem 158-Seiten-Handbuch begleitet wird. Im Gegensatz dazu: Die von TEPCOs vorbereiteten Katastrophenpläne für einen Atomunfall waren gerade mal drei und sechs Seiten lang. Nach dem sich die Opfer darüber beschwert haben, wurde der Prozess leicht verbessert.

Politische und soziale Auswirkungen

Die Auswirkungen der Katastrophe waren auf der ganzen Welt zu spüren – auch außerhalb Japans. Unter dem Eindruck, dass ein hochtechnologisiertes Land wie Japan bei einer solchen Reaktorkatastrophe nicht in der Lage ist, seine Bevölkerung ausreichend zu schützen, haben viele Staaten ihre Sicherheitsansprüche an die eigenen Atomkraftwerke neu bewerten müssen. Deutschland hat einige seiner Reaktoren sofort abgeschaltet und hat den Ausstieg aus der Atomkraft eingeleitet, aber auch die Schweiz, Italien oder Belgien sind diesem Beispiel gefolgt und kehren der Atomkraft den Rücken.

Die Fukushima-Katastrophe brachte den Mythos von sicheren Atomkraftwerken endgültig ins Wanken. In Japan brachte der Vorfall erhebliche Korruptionsaffären in der Atomindustrie und der nahen Behörden ans Tageslicht, einschließlich der Bemühungen, die Öffentlichkeit irrezuführen, sowie wiederholte Beispiele von Vetternwirtschaft zwischen Energieversorgungsunternehmen und den Behörden, die sie regulieren sollten.

Die öffentliche Unterstützung in der Bevölkerung für die Kernenergie in Japan hat sich massiv  verändert. Derzeit sind über 90 Prozent der 54 Reaktoren Japans nicht am Netz. Aufgrund von Wartungsarbeiten werden in der kommenden Zeit auch die letzten Reaktoren vom Netz gekommen. Da es nach wie vor keine Genehmigungen zum Neustart gibt, wird noch vor Mai 2012 kein einziger Reaktor mehr am Netz sein. Viele lokale Regierungsbeamte haben erklärt, dass sie keine Zulassung für einen Neustart der Reaktoren ausstellen wollen. Im Gegensatz zur Panikmache der Atomindustrie, gab es keine signifikanten Probleme mit der Stromversorgung. Japan hat gezeigt, dass es ohne Kernenergie auskommen kann.

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