Das Jahrhundertprojekt von Tschernobyl

Ein neuer Sarkophab

Infoseite - 25 April, 2012
Von drinnen entweicht radioaktiver Staub in die Umwelt, von draußen dringt Regenwasser durch Risse und Löcher ins Innere - seit 26 Jahren rostet der Sarkophag von Tschernobyl vor sich hin. In diesen Tagen beginnt der Bau einer neuen Hülle für die Reaktorruine. Ein neuer Greenpeace-Report erklärt das Jahrhundertprojekt und seine Schwachstellen.

Zur Vorgeschichte

Strahlenmessung in Tschernobyl

© Jan Grarup / Noor / Greenpeace

Am 26. April 1986 explodiert Block 4 des AKW Tschernobyl und löst weltweit eine Schockwelle aus. Der Traum von der sicheren und friedlichen Nutzung der Atomenergie geht in Rauch auf. Eine eilig errichtete Stahlbetonhülle um die Ruine herum soll die Umwelt schützen. Schon nach wenigen Jahren zeigen sich die ersten Risse. Nur allernotwendigste Arbeiten werden ausgeführt, um den rostigen Koloss am Einstürzen zu hindern.

Das Projekt

Seit 26 Jahren arbeiten Nuklearfirmen aus West und Ost daran, die Situation um den strahlenden Trümmerhaufen zu stabilisieren. Nahezu die gesamte weltweite Nuklearkompetenz versammelt sich in dem Projekt, das Milliarden Euro aus 24 Geberländern verschlingt. Die Finanzierung ist trotz der immensen Summen nicht gesichert. Schon jetzt sind die Kosten dreimal so hoch wie ursprünglich veranschlagt.

Modell des Reaktors von Tschernobyl.

© Greenpeace / Steve Morgan

Der Bau der neuen Hülle - aber auch der Bau der Anlagen für die radioaktiven Abfälle der anderen Blöcke am Standort - hinkt aufgrund diverser Unwegsamkeiten gnadenlos hinter allen Zeitplänen her. Das entscheidende Problem, die Bergung des hochradioaktiven Kernbrennstoffs, ist bisher weder geplant noch finanziert. Die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe werden noch viele Jahrzehnte andauern.

Der neue Sarkophag - das größte mobile Bauwerk der Welt

Das New Safe Confinement (NSC) besteht aus einer bogenförmigen Metallrohrkonstruktion. Gewicht: 29.000 Tonnen; Höhe: 110 Meter; Länge: 164 Meter; Spannweite: 257 Meter. Eine doppelwandige Außenhaut soll den explodierten Reaktor mit seinen radioaktiven Materialien von der Außenwelt isolieren. Wegen der hohen Strahlung kann die neue Hülle nicht direkt über der Reaktorruine errichtet werden. Er wird etwas abseits gebaut und später mittels Schienen über den Reaktor geschoben.

Für die Schienen werden insgesamt 396 Pfähle mit einer Länge von 25 Metern und einem Durchmesser von einem Meter dicht an dicht in den Boden gerammt und die Zwischenräume mit Beton ausgefüllt. Dann wird alles mit Platten aus rostfreiem Stahl bedeckt. Zum besseren Gleiten werden die Schienen mit einem Schmiermittel bestrichen und unter der Stahlkonstruktion Teflonplatten befestigt.

Der alte Sarkophag von Tschernobyl - marode und gefährlich

Tschernobyl 2005

© Greenpeace / Steve Morgan

Während der Bau der neuen Hülle nur mühsam vorankommt, setzen Wasser und Feuchtigkeit dem alten Sarkophag weiter zu und beschleunigen den Verfall. Auch nach den Stabilisierungsarbeiten dringen jährlich ca. 2200 Kubikmeter Niederschlag durch die großen Öffnungen ein. Hinzu kommen etwa 1650 Kubikmeter durch Kondensation und 270 Kubikmeter durch das Staubunterdrückungssystem.

Inzwischen ist bekannt, dass die Staubmenge zunimmt. Die Menge radioaktiven Staubs wird heute auf etwa 1,5 Tonnen geschätzt. Beim Einsturz des Sarkophags könnten große Mengen diese Staubs freigesetzt werden und sich großräumig verteilen. Jeder schwere Sturm erhöht die Gefahr. Schon kleinere Erdbeben wären eine Katastrophe. Ein Waldbrand, der die Ruine erfasst, könnte sie weiter destabilisieren und zu erheblichen Freisetzungen führen.

Was Japan noch vor sich hat

Ein Greenpeace-Team führt 2011 Strahlenmessungen in der Nähe des AKW Fukushima Daiichi durch.

© Christian Åslund / Greenpeace

Die Probleme in Tschernobyl lassen ahnen, was Japan noch bevorsteht - technisch wie menschlich. Das dicht bevölkerte, technisch hochentwickelte Land befindet sich mitten in einer atomaren Katastrophe. Nach dem Erdbeben und dem Tsunami gerieten vier Reaktoren außer Kontrolle, noch heute gelangt Radioaktivität in die Umwelt.

Derzeit wagt niemand, den Ausgang der Katastrophe in Fukushima zu prognostizieren. Fest steht, dass die Menge von hochradioaktivem Kernbrennstoff in den zerstörten Reaktoren noch wesentlich größer ist als die Menge im Unglücksreaktor von Tschernobyl. Eine Bergung dürfte nicht einfacher sein.

Japan zeigt - wie damals Tschernobyl, wie auch Majak und Windscale und die vielen anderen Unfälle in Atomanlagen - dass Atomenergie eine nicht beherrschbare, eine menschenverachtende Energieform ist.

Die Energiewende ist überfällig, Konzepte liegen seit Jahren vor. Was fehlt, ist der Wille und Mut von Politik und Industrie, zügig und konsequent den Weg in eine Zukunft mit Erneuerbaren Energien zu gehen.

Greenpeace-Report: 26 Jahre nach Tschernobyl

Quelle: Greenpeace Deutschland (Autoren: Heinz Smital, Sigrid Totz)

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