Tschernobyl − das Ende der Naivität

Infoseite - 25 April, 2012
Am 26. April 1986 gab es im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl eine gewaltige Explosion. Die aufsteigende radioaktive Wolke verseuchte weiträumig die Region und zog in abgeschwächter Form auch über Nord- und Westeuropa hinweg. Die Katastrophe geschah durch menschliches Versagen - wie es immer und überall geschehen kann.

Verrostete kontaminierte Boote bei Pripyat, verwahrlost nach dem nuklearen Desaster von Tschernobyl.

© Greenpeace / Steve Morgan

Das fatale Experiment

Am 25. April 1986 sollte in Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl ein Experiment stattfinden. Man wollte überprüfen, ob die Turbinen bei einem kompletten Stromausfall im Kraftwerk noch genügend Strom liefern könnten, um die Notkühlung des Reaktors bis zum Anlaufen der Notstromdieselgeneratoren zu gewährleisten.

Für den Test wurde die Leistung heruntergefahren. Noch während des Herunterfahrens kam vom Lastverteiler Kiew die Anordnung, das Experiment zu verschieben, da der Strom benötigt würde. So wurde der Reaktor etwa neun Stunden lang im Teillastbereich gefahren.

Der Reaktortyp in Tschernobyl durfte unter 20 Prozent der Leistung nicht betrieben werden. Wie kritisch die Situation im unteren Leistungsbereich aber tatsächlich sein würde, ging aus der damals existierenden Dokumentation nicht hervor und war der Bedienungsmannschaft nicht bekannt.

© Greenpeace / Steve Morgan

Auf dem Weg zur Katastrophe

Bei der Fortsetzung des Experiments um 23:50 Uhr wurde schließlich der vorgesehene Leistungsbereich unterschritten. Um die Nennleistung wieder anzuheben, entfernten die Operatoren Bremsstäbe, mit denen die atomare Kettenreaktion kontrolliert werden konnte. Dabei unterschritten sie die zulässige Minimalgrenze von 28 Stäben.

Damit war der Reaktor noch schwerer zu beherrschen und in einem gefährlichen Zustand. Dennoch befahl der stellvertretende Chefingenieur des Kraftwerks, Anatolij Djatlow, mit dem Experiment zu beginnen. Die Operatoren mussten die Kühlwasserpumpen hinzuschalten, um die Trägheit der auslaufenden Turbine optimal zu nutzen, so dass der mit wenig Leistung arbeitende Reaktor das ihn umfließende Wasser nicht mehr verdampfen konnte.

Das Wasser begann zu kochen und erste hydraulische Schläge waren zu hören. Akimow, der Schichtleiter, und sein Mitarbeiter Toptunow wollten den Test abbrechen, doch Djatlow trieb sie weiter an. Dabei sprach er die inzwischen historischen Worte: "Noch ein, zwei Minuten und alles ist vorbei! Etwas beweglicher, meine Herren!" Es war 1:22:30 Uhr.

Als die Bedienungsmannschaft den Dampfzufluss zur Turbine unterbrach, erhitzte sich das Kühlwasser erneut. Der Reaktortyp von Tschernobyl (RBMK 1000) hat aber die Eigenschaft, dass sich bei Dampfblasen die Reaktivität erhöht (Positive void coefficent), und war daher nun in einem äußerst kritischen Zustand.

Greenpeace Aktion vor dem AKW Bohunice zum 7. Jahrestag von Tschernobyl, 1991.

© Greenpeace / Veronika Leitinger

Der Super-GAU

Die Bedienungsmannschaft hatte davon keine Kenntnis. Als Schichtleiter Akimow den sprunghaften Leistungsanstieg im Reaktor bemerkte, löste er um 1:23:40 Uhr manuell die Notabschaltung aus. Sofort wurden alle Bremsstäbe, die sich nicht in der aktiven Zone befanden, eingefahren - über 200 Stück.

Doch genau an diesem Punkt entblößte der RBMK-Reaktor weitere Konstruktionsfehler. Die Einfahrgeschwindigkeit der Brennstäbe stellte sich als viel zu gering heraus. Die Graphitköpfe, die sich an der unteren Spitze der Bremsstäbe befinden, beschleunigten die Kettenreaktion zunächst noch. Daher erhöhte sich die Leistung innerhalb kürzester Zeit auf den unvorstellbaren Wert von über 300.000 Megawatt (100-fache Nennleistung durch prompte kritische Kettenreaktion).

Das war der Todesstoß für den außer Kontrolle geratenen Reaktor. Um 1:23:58 Uhr zerriss eine mächtige Explosion den Reaktor und alles, was ihn umgab. Ein großer Teil des radioaktiven Inhalts wurde nach außen geschleudert. Der Reaktor brannte zehn Tage lang. Jeden Tag wurden große Mengen radioaktiver Substanzen in die Luft geschleudert. Nur der heldenhafte Einsatz der Feuerwehrleute verhinderte eine noch größere Katastrophe.

 

© Greenpeace / Vitaly Barzdyka

Die Opfer

In den folgenden Monaten kamen so genannte Liquidatoren nach Tschernobyl, Soldaten, Studenten und Freiwillige. Sie führten die Dekontaminierungsarbeiten durch, versuchten weitere Gefahrenquellen einzudämmen und bauten schließlich den Sarkophag, der heute den explodierten Block 4 umschließt.

Die Zahlenangaben zu den eingesetzten Personen schwanken zwischen 600.000 und 1,2 Millionen Menschen. Ebenso schwer ist es, eine (vorläufige) Opferbilanz zu ziehen, da nur sehr wenige Liquidatoren der akuten Strahlenkrankheit erlagen.

Die meisten Todesfälle sind auf die Spätfolgen der Verstrahlung zurückzuführen. Dazu gehören Krebserkrankungen, Immunschwäche-Krankheiten (so genanntes Tschernobyl-Aids), Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen (Selbstmord). Je nach Standpunkt der Betrachter schwanken die Zahlen über alle Tschernobyl-Opfer heute zwischen 10.000 und über 250.000.

In Europa, vor allem in den am meisten betroffenen Gebieten in Weißrussland und der Ukraine, sterben noch heute Unbeteiligte an den Folgeschäden von Tschernobyl. Vor allem die Krebs- und Kindersterblichkeitsraten steigen in den stark verstrahlten Gebieten explosionsartig an. Der medizinische Zustand der Kinder, die heute auf den verstrahlten Böden aufwachsen, ist erschreckend. Zudem werden die Folgen sich nicht auf die heutige Generation beschränken. Tschernobyl ist eine Katastrophe, die niemals endet.

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