Hormonell wirksame Chemikalien

Infoseite - 27 Dezember, 2010
Viele vom Menschen in die Umwelt gebrachte Chemikalien haben auf Menschen und Tiere Wirkungen wie Hormone

Am bekanntesten sind Stoffe, die wie Sexualhormone wirken. Sie zeigen z.B. Effekte wie das männliche Sexualhormon Testosteron und weiblichen Sexualhormone, die Östrogene. Die Wirkungsmechanismen sind vielfältig. Sie reichen von der Aktivierung und Verstärkung bis zur Hemmung der Östrogen- und Testosteronwirkung im Körper.

Hormone sind körpereigene Botenstoffe, die in Drüsen erzeugt werden und Vorgänge in bestimmten Organen steuern. So fördert das in der Bauchspeicheldrüse gebildete Insulin die Verarbeitung von Kohlehydraten in der Leber und in den Muskeln und steuert damit den Blutzuckerspiegel. Die Schilddrüsenhormone Thyronin und Thyroxin steuern den Grundumsatz und damit den Stoffwechsel. Während des Heranwachsens von Kindern beeinflussen sie die Reifung der Hirnrinde und damit die geistige Entwicklung.

Die Wirkung von Hormonen kann sehr vielfältig sein. So steuern Östrogene nicht nur die Entwicklung und Funktion der weiblichen und männlichen Sexualorgane, sondern beeinflussen auch die Entwicklung des Zentralnervensystems und des Immunsystems, Fett- und Kalziumstoffwechsel, Flüssigkeitsbilanz, Muskelbeweglichkeit und Knochenwachstum.

 

Effekte beim Menschen

Effekte beim Menschen sind hauptsächlich nach Unfällen oder durch die Arbeit mit hormonell wirksamen Umweltchemikalien dokumentiert.

In Japan hatten die Söhne von Frauen, die mit PCBs vergiftetes Speiseöl gegessen hatten, im Durchschnitt einen kleineren Penis als Vergleichsgruppen. Arbeiter, die in der Fabrikation oder in der Anwendung des Fungizids und Bodenbegasungsmittels DBCP (Dichlorbrompropan) gearbeitet haben, erlitten schwere Fortpflanzungsstörungen, bis hin zu andauernder Sterilität. Auch andere Untersuchungen größerer Gruppen von Landarbeitern ergaben Beeinträchtigungen der Fortpflanzungsfähigkeit.

In Deutschland wurden Zusammenhänge zwischen der Fruchtbarkeit von Frauen und der Schadstoffbelastung der Follikelflüssigkeit besonders mit dem Holzschutzmittel PCP gefunden. Bei In-vitro-Fertilisationen wurde ein Zusammenhang mit dem Schadstoffgehalt von Samen oder Follikelflüssigkeit und der Erfolgsrate der künstlichen Befruchtung beobachtet. Dass auch in Österreich beobachtet wird, dass besonders viele Bauern und Bäuerinnen in Beratungsstellen für Sterilitätsbehandlung kommen und unter den Männern mit schlechter Samenqualität besonders viele Bauern sind, ist ein deutlicher Hinweis auf die Gefährlichkeit vieler Pestizide.

Allgemein nimmt die Spermienzahl und -qualität (z.B. die Beweglichkeit) bei Männern in den industrialisierten Ländern in den letzten Jahrzehnten stark ab, zwischen 1950 und 1990 um ca. 40%. Einige Missbildungen und Krankheiten der Sexualorgane nehmen zu, dazu gehören Hodenhochstand, Harnröhrenmissbildungen (Hypospadie), Hodenkrebs bei jungen Männern und steigende Brustkrebserkrankungen bei Frauen. Endiometriose, eine Erkrankung mit Wucherungen der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter, nimmt vor allem bei jungen Frauen zu. Bei Mädchen tritt außerdem die Menstruation in immer jüngeren Jahren ein.

Endgültige Beweise dafür, welche dieser Effekte beim Menschen durch hormonell wirksame Umweltchemikalien verursacht werden, sind sehr schwierig und nur durch äußerst aufwändige und teure Forschungsprogramme zu erhalten. Die Zuordnung von Schädigungen zu bestimmten Schadstoffen ist, bei der Vielzahl von Umweltchemikalien denen wir ausgesetzt sind, kaum möglich. Im Sinne des vorbeugenden Gesundheitsschutzes müssen also Substanzen, die im Verdacht stehen hormonell wirksam zu sein, vermieden werden.

Sehr wenige, auch von den in großen Mengen hergestellten Chemikalien und deren Abbauprodukten, wurden bisher auf ihre hormonelle Wirksamkeit gründlich untersucht. Solche Untersuchungen müssen, wie andere toxikologische Untersuchungen, z.B. auf krebserregende Eigenschaften, rasch für alle am Markt befindlichen Chemikalien durchgeführt werden.

 

Beispiele für hormonell wirksame Chemikalien

Zu den Chemikalien, die hormonell wirksam sind, oder unter Verdacht stehen hormonell wirksam zu sein, zählen:

  • Polychlorierte Biphenyle (PCBs)
  • Bisphenol-A: Ein Ausgangsprodukt für die Erzeugung des Kunststoffs Polycarbonat (PC). PC wird als Spezialkunststoff für CDs, Babyfläschchen (ab Juni 2011 EU-weit verboten), Plastik-Milchflaschen, Kunststoff-"Glashäuser", Motorradhelme etc. verwendet.
  • Alkylphenole: Abbauprodukte industrieller Waschmittel, Kunststoff-Zusatzstoffe (etwa in PVC, Polyurethan (PU))
  • Phthalate: Weichmacher, die hauptsächlich in Weich-PVC verwendet werden
  • TBT(Tributylzinn): Gift gegen Schnecken, Muscheln und Algen in Schiffsanstrichen, Stabilisator für PVC.
  • Verschiedene Pestizide: Das Holzschutzmittel PCP, Insektizide wie DDT, Lindan, Chlordan, Dieldrin, Dicofol, sowie synthetische Pyrethroide, Herbizide wie die Triazine (z.B. Atrazin), Trifluralin oder 2,4D, zahlreiche Fungizide wie Hexachlorbenzol (HCB), Methoxychlor, Benomyl, Mancoceb, Zineb usw.. Pestizidabbauprodukte (z.B. DDE aus DDT oder Abbauprodukte des Fungizids Vinclozolin) können ebenfalls hormonelle Eigenschaften haben.

Viele der oben genannten Pestizide sind chlororganische Verbindungen und Dauergifte.

Bei Tieren hat man schon lange Effekte festgestellt, die mit hormonellen Eigenschaften von Umweltchemikalien in Zusammenhang gebracht werden.

  • Bereits 1950 veröffentlichten amerikanische Wissenschaftler eine Arbeit, in der sie nachwiesen, dass junge Hähne unter Einfluss von DDT nur sehr kleine Hoden und kaum einen Kamm ausbildeten. Schon damals wurden hormonelle Wirkungen von DDT vermutet. Weitere Effekte traten bei vielen Wildtieren auf.
  • Mit DDT bzw. seinem Abbauprodukt DDE belastete Möwen zeigten Veränderungen im Geschlechtsverhältnis, in der Folge nisteten Weibchen mit anderen Weibchen.
  • Alligatoren, die in einem See lebten, in den Dicofol und DDT "entsorgt" wurden, bekamen Nachkommen, die Zwitter waren oder deren männliche Nachkommen einen so stark verkleinerten Penis hatten, dass sie paarungsunfähig waren.
  • Unterhalb von Kläranlagen wurden männliche Forellen gefunden, die Dottereiweiß ausbildeten, eine normalerweise nur weibliche Eigenschaft. Alkylphenole z.B. aus Reinigungsmitteln könnten dafür verantwortlich sein.
  • TBT verursacht bei vielen Arten von Meeresschnecken schon in sehr geringen Konzentrationen Missbildungen der Sexualorgane und weibliche Schnecken bilden auch männliche Sexualorgane aus. Unfruchtbarkeit ist die Folge. Auch bei Säugetieren wie Delphinen und Seeottern werden Hormonstörungen durch TBT beobachtet.

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