Fernando Pereira

Infoseite - 27 Dezember, 2010
Am 10 Juli 1985, 10 Minuten vor Mitternacht, wurde Fernando Pereira ermordet. Der Vater von 2 kleinen Kindern und freiberufliche Fotograf für Greenpeace war gerade 35 Jahre alt geworden. Fernando war in seiner Kabine unter Deck an Bord der Rainbow Warrior im Hafen von Auckland, Neuseeland, als zwei Sprengsätze, angebracht von Agenten des französischen Geheimdienstes, die Schiffswand aufrissen. Durch die zweite Explosion verlor er das Bewusstsein und ertrank.

Fernando Pereira, freiberuflicher Fotograf für Greenpeace, wurde bei dem Sprengstoffanschlag auf die Rainbow Warrior getötet. © Greenpeace

Ich bin bald wieder daheim

Seine Tochter Marelle erinnert sich, wie sie ihrem Vater drei Monate zuvor am Flughafen zum Abschied nachwinkte. Damals war sie acht Jahre alt und hat noch im Ohr wie er sagte:"Pass gut auf deine Mama auf, ich mache meinen Job und bin bald wieder daheim". "Wie konnte ich denn ahnen, dass ich ihn zum letzten Mal sah." Sie sieht ihn vor sich "wie er hinter den großen Eingangstüren verschwindet", und erinnert sich an den Spaziergang im Wald danach. "Wenn ich Flugzeuge über mich und meinen Bruder hinweg fliegen sah, habe ich jedem Flugzeug zugewinkt, weil es genau das sein könnte, in dem mein Dad war."

Fernando war in Hawaii an Bord der Warrior gekommen, um zu einer Tour aufzubrechen, die von den Marshall Islands im Nordpazifik zum Mururoa Atoll im Südpazifik führen sollte. Die Tour sollte dazu beitragen, die USA und Frankreich zu demaskieren: als zwei Atommächte, die sich mit offensichtlicher Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt der Pazifikinseln und der Gesundheit ihrer Bewohner auf die Entwicklung neuer Atomwaffen stürzten. 1985 baten die Bewohner der Insel Rongelap Greenpeace um Hilfe bei der Umsiedlung in ein neues Zuhause. Ihre Insel war durch den radioaktiven Niederschlag oberirdischer Atomwaffentests verseucht worden.

Marelle Pereira mit einem Bild ihres Vaters Fernando, der bei dem Sprengstoffanschlag auf die Rainbow Warrior getötet wurde als sie acht Jahre alt war.

Rainbow Warrior Removals Gmbh

Schließlich war die schwierige Umsiedlung beendet. Am 10. Mai hatten Schiff und Besatzung zum ersten Mal seit langem einen freien Tag, gleichzeitig war es Fernandos Geburtstag.

Fernando Pereira wurde in der kleinen portugiesischen Stadt Chavez bei Lissabon geboren. Um nicht zum Militärdienst eingezogen zu werden, flüchtete er später aus seinem Geburtsland: Er wollte nicht für die Salazar-Diktatur in Angola kämpfen. Er durchquerte Spanien, wo die Franco-Diktatur politischen Flüchtlingen gegenüber alles andere als freundlich reagierte, und setzte seine Reise fort bis in die Niederlande. Dort blieb er und schlug eine Laufbahn als Fotograf ein. Er heiratete, wurde holländischer Staatsbürger und Vater von zwei Kindern: Marelle und Paul.

Erinnerungen an meinen Vater

Wenn Marelle nach den Erinnerungen an ihren Vater gefragt wird, hellt sich ihr Gesicht auf. "Ich erinnere mich daran, wie ich und mein Bruder im Wald auf Bäume klettern. Da wo wir damals wohnten, gab es einen kleinen Fluss hinter dem Haus, der im Winter zufror. Er ging mit uns Schlittschuh laufen, er war zwar Portugiese, aber er konnte Schlittschuh laufen."

"Ich sehe ihn vor mir, wie er uns anzieht und zur Schule bringt. Er hatte einen Alfa Romeo. Wie liebevoll er mit uns umgeht, wie er sich Zeit nimmt für das gemeinsame Essen, am Wochenende schöne Sachen mit uns macht, aber auch wie er weg ist und arbeitet."

"Ich kann mich gut erinnern, dass ich als achtjähriges Mädchen wusste, dass mein Dad bei Greenpeace für eine gute Sache kämpft; dass sie sich dafür einsetzen, dass die Robben am Leben bleiben. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass Greenpeace Protestaktionen in der Antarktis durchführte und die Felle der Robben mit Farbe bemalte. Ich wusste schon, wozu mein Dad Fotos machte."

Schreckliche Nachricht vom anderen Ende der Welt

"Im Sommer waren wir im Zeltlager. Ich spielte gerade Ball mit meinen Freunden, da kam eine unserer Lehrerinnen zu mir und bat mich mit ihr mitzukommen, weil sie mir etwas sagen müsse.

Meine Mutter war auch da und das kam mir alles sehr merkwürdig vor. Während ich hinging, überkam mich ein komisches Gefühl, ich wusste, dass irgendetwas mit meinem Dad war. Als ich bei meiner Mutter ankam, weinte sie."

"Am selben Nachmittag packten wir unsere Sachen und sie brachte mich nach Hause. Wir warteten auf Nachricht und schließlich erfuhren wir, dass mein Vater gefunden worden war, tot."

Es sollte keine Toten geben

Die Agenten des französischen Geheimdienstes DGSE hatten Anweisung aus Paris, die Rainbow Warrior zu "neutralisieren". Greenpeace sollte daran gehindert werden, weitere Protestfahrten zum Mururoa Atoll zu unternehmen und dort gegen Frankreichs Atomwaffentestprogramm aufzutreten. Es war nicht beabsichtigt, dass Fernando in dieser Nacht starb. Niemand sollte sterben, zumindest laut Aussage von Captain Dominique Prieur, einer der beiden Agenten, die unmittelbar nach dem Anschlag festgenommen worden waren. In ihrem Buch über den Bombenanschlag schrieb sie: "Es wäre einfacher gewesen, die Rainbow Warrior auf See zu sprengen. Aber wir hatten von Anfang an eine klare Regel: Es sollte niemand getötet werden!"

Cpt. Dominique Prieur alias "Sophie Turenge", eine der zwei französischen Geheim­dienst­agentInnen, die wegen des Spreng­stoff­anschlags auf die Rainbow Warrior angeklagt und verurteilt worden sind.

Sie kehrten nach Frankreich zurück und wurden wie Helden empfangen

Die Regierung Mitterand leugnete wiederholt jegliche Verwicklung in das Bombenattentat, obwohl das Gegenteil durch zwingende Beweise auf der Hand lag. Schließlich übernahm sie dann doch die Verantwortung und versprach sogar "Gerechtigkeit auf höchstem Niveau".

20 Jahre später stellt Marelle allerdings fest: "Viele der Geheimdienstagenten kamen davon. Sie haben nur Dominique Prieur und Alain Mafart strafrechtlich verfolgt. Die wurden auf eine kleine Insel verbannt, wo sie 10 Jahre bleiben sollten, aber sie waren nur 3 Jahre dort. Dann kehrten sie nach Frankreich zurück und wurden wie Helden empfangen. Sie erhielten sogar Auszeichnungen. Das war unglaublich für meine Familie. Leute werden dafür belohnt, dass sie andere umbringen, dass sie einen Menschen töten, der nur seinen Job gemacht hat."

Mit jedem Tag, jedem Jahr, setzt sich das alles ein bisschen mehr

"Was ich gern hätte? Gerechtigkeit für uns, für die Familie. Wenn sie nur die Wahrheit sagen würden, wäre das schon ein Anfang. Und dann Mitterand mit seinem Versprechen von Gerechtigkeit auf höchstem Niveau. Wenn es gerecht sein soll, so viele französische Agenten ohne Gefängnisstrafe davonkommen zu lassen, dann ist das keine Gerechtigkeit, jedenfalls nicht in den Augen meiner Familie und ich hoffe auch nicht in den Augen der Weltöffentlichkeit."

Fernando Pereira mit seiner achtjährigen Tochter Marelle 1985. © Photo by kind permission of Marelle Pereira

"Meine Familie und ich haben weitgehend akzeptiert, was 1985 geschehen ist, aber das heißt nicht, dass wir es verzeihen und vergessen. Mit jedem Tag, jedem Jahr, setzt sich alles ein bisschen mehr, bist du ein bisschen besser in der Lage, mit der Vergangenheit zu leben. Aber das heißt nicht, dass ich nicht jeden Tag an meinen Dad denken würde. Oder an manchen Tagen um ihn weinen würde und mich daran erinnere, wie gern ich ihn hatte, meinen Dad, den Dad meines Bruders."

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