20 Jahre Greenpeace Österreich

Infoseite - 7 Juni, 2003
Wolfgang Pekny, Greenpeacer der ersten Stunde, berichtet über 20 Jahre voll Herausforderungen, Tatendrang, Rückschlägen und einem unermeßlichen Glauben an eine gute Sache.

Wolfgang Pekny rekonstruiert, wie alles begann

Das Jahr 1982: Die Raumfähre Columbia pendelt als Beweis westlicher Überlegenheit zwischen Erde und All. Im Kino schlägt "E.T." Brücken zwischen den Welten. Im wirklichen Leben führen die Briten Krieg gegen Argentinien. In den USA befehligt der Schauspieler Ronald Reagan über zehntausend Atombomben. Am anderen Ende der geteilten Welt hält der todkranke Leonid Breschniev den roten Knopf in der Hand. Für den atomaren Präventiv-Gegenschlag mit mehr als dreißigtausend Atomsprengköpfen. Das Gleichgewicht des Schreckens.

Dem zum Trotz hat ein neues Logo weltweit Bekanntheit erlangt. "Greenpeace" - ein Name wie ein Geheimcode, ein Zeichen für Aufbruch und Hoffnung. Wer hat nicht schon von den verrückten Walschützern gehört, die ihr Leben riskieren, ein wankendes Schlauchboot zwischen Harpune und bedrohte Kreatur lenken. Im Fernsehen sind sie zu bewundern, wie sie den Kopf hinhalten, bei Protesten gegen Atomtests oder gegen Giftmüllverklappung, wie sie oft eine drauf kriegen, sich aber nie wehren. Gewaltfreie Proteste als Programm und Waffe.

 

Taten statt Worte

Das bewegt und interessiert nicht nur die Medien, auch Gleichgesinnte. So hat die Idee weltweit zahlreiche Nachahmer gefunden. Neben dem Geburtsort Vancouver gibt es Greenpeace-Gruppen in den USA, in Australien, Neuseeland und seit Ende der 70er auch in England, Frankreich, Holland und Dänemark. In Deutschland sind die Regenbogenkrieger seit einem Jahr aktiv, und nun endlich wollen auch wir Österreicher "unser" Greenpeace gründen. Hierzulande sterben die Wälder an saurem Regen, die Fische verenden in den vergifteten Flüssen. Dafür versprechen die Macher der Südost-Tangente in Wien "Nie mehr Stau", und die wachsenden Müllberge sollen durch "saubere" Müllverbrennung beseitigt werden.

Im Hintergebirge will die VOEST einen Schießplatz für ihre Kanonen einrichten. Die Gewerkschaft beschimpft den Alpenverein für seine Nationalpark-Ideen. Gegen so gut wie jeden Missstand formiert sich eine Bürgerinitiative, und Alexander Tollmann gründet die "Vereinten Grünen Österreichs" (VGÖ). Allen gemeinsam mangelt es an politischem Durchsetzungsvermögen. Die Situation für die Umweltbewegten ist höchst unbefriedigend. Zu den Unzufriedenen gehören auch der Wiener Student Michael Undorf, der bereits seit Zwentendorf aktionistisch tätig ist, der WU-Dozent und "Friends of the Earth Österreich"-Begründer Gernot Neuwirth und die deutsche Studentin Jasna Sonne, die mit Greenpeace-Infomaterialien aus Hamburg punkten kann. Alle gemeinsam träumen davon, als Regenbogenkrieger in die einflussreiche Greenpeace-Familie aufgenommen zu werden.

 

Tatendrang vs. Bürokratie

Doch aller Anfang ist schwer. Der schleppende Briefverkehr mit der Greenpeace-Zentrale im Süden Englands verschreckt die Interessenten. Um irgendwo zu beginnen, wird der Verein "Freunde von Greenpeace" gegründet. Die Pioniere verbinden ihren Urlaub mit Besuchen der Greenpeace-Büros in Vancouver, London und Hamburg. Doch die Reisenden kehren ernüchtert zurück: Das große Greenpeace zeigt wenig Interesse an der Arbeit in Österreich. Zu klein, zu unwichtig, zu chaotisch.

Aus Sicht der Österreicher wieder wirkt die internationale Organisation abschreckend hierarchisch. Die Gruppe reagiert im Trotz und nennt sich "Global 2000" in Anspielung an den 1.500 Seiten starken Bestseller dieser Tage.

In dem 1980 erschienenen "Bericht an den Präsidenten der USA" wird ein beängstigendes Bild der Zukunft gezeichnet. Lebensbedrohende Umweltkatastrophen stünden bevor - zumindest für den Fall, dass nicht rechtzeitig gehandelt würde. Und genau darum geht es. Zu handeln.

Taten statt Warten! Die Ungeduld gegenüber den Greenpeace-Oberen wächst. Ab Oktober gibt es trotzdem regelmäßige Treffen von Arbeitsgruppen. Chemie, Luftverschmutzung und Artenschutz sind die brennenden Themen. Viele Dutzend Ehrenamtliche engagieren sich an Infoständen und werben mit und für ein Greenpeace, das es hier noch gar nicht gibt. Im Dezember streicht der Verein "Freunde von Greenpeace" kühn das "Freunde von" und wird zu "Greenpeace Österreich". Rechtlich völlig ungedeckt, zum Glück bemerkt es niemand. Greenpeace und Global 2000 bleiben weiter eine Personalunion.

 

Das Jahr 1983

Nena lässt 99 Luftballons steigen, mein 8086 PC hat 512 Kilobyte Memory, und Bruno Kreisky wird nach 13 Jahren Alleinregierung von Fred Sinowatz abgelöst. Die Autos fahren ohne Katalysator, die Spraydosen sind selbstverständlich mit FCKW gefüllt und Atomkraftwerke sind unfehlbar.

Im Jänner besuchen die Wiener "Greenpeacer" den kanadischen Konsul. Ihr Anliegen: Lasst die Robben leben! Ihre Forderung: Importverbot für Felle von Babyrobben! Die Kampagne gehört europaweit zu den erfolgreichsten ihrer Zeit. Seehundstiefel, Seehundjacken, all dies wird angesichts der Bilder von blutigen Robbenbabys binnen kürzester Zeit unverkäuflich, die kanadische Robbenschlächter-Industrie bricht zusammen. Weil Greenpeace nichts von sich hören lässt, wird gemeinsam mit der deutschen Greenpeace-Abspaltung "Robin Wood" eine Aktionswoche zu saurem Regen geplant.

Anfang März ist es überraschend doch soweit. David McTaggart, der legendäre Macher von Greenpeace, kommt nach Wien. Sein Ruf eilt ihm voraus. David ist Vorsitzender von Greenpeace-International, der "Zentrale", die 1979 gegründet wurde, um die wild wuchernden nationalen Greenpeace-Büros zu koordinieren. David hat Greenpeace entscheidend mit aufgebaut und regiert nun mit eiserner Hand eine klar strukturierte Organisation.

Ganz anders der bunte Haufen, auf den er in Wien trifft. Bürgerinitiativler und Schlapfenträger Seite an Seite mit den aktiven Leuten von Global 2000. Allen gemeinsam ist ihr Hang zu nächtelangen Debatten vor jeder Entscheidung. Zuerst wird sehr trocken in der Wohnung von Ernst Steininger verhandelt. David befürchtet, die Organisation könnte sich verzetteln. In so gut wie jedem Land wollen sich eigene Sektionen gründen, alle wollen ihre Kampagnen mit dem Greenpeace-Gewicht aufwerten.

Wenn sich aber jeder Amateur so nennen würde, ginge das auf Kosten der Schlagkraft. "Wir wären bereits zerfallen, hätte wir den lokalen Interessen nicht eine hierarchische Struktur mit strengen Regeln entgegengesetzt", beschreibt er den Preis für die Professionalisierung. Unbändiges Engagement, globale Gesamtsicht und das Auftreiben von Spenden-Millionen wollen schließlich unter einen Hut gebracht werden. Kaum einer versteht, wovon er spricht. Wir wollen uns endlich Greenpeace nennen!

Der Reiz des Ostens

Zur rechten Zeit wird in die Bierklinik nach Hernals gepilgert. "Überhaupt ist Greenpeace eine Meeresorganisation" meint David. Binnenländer seien nicht vorgesehen! Was sollte denn unser Beitrag zur Gesamtorganisation sein? Der Osten kommt ins Spiel. Österreich liegt direkt am Eisernen Vorhang. Nur eine Autostunde weiter, in Bratislava, stehen russische Panzer. David ist fasziniert von der geografischen Nähe zur "anderen Seite". Er hat große Pläne. Die Russen rüsten auf und testen Atombomben, genau wie die Amerikaner und Franzosen.

Im Jahr davor gab es die erste Greenpeace-Aktion auf sowjetischem Boden, im Hafen von Leningrad − gegen Atomtests natürlich. Als erste westliche Organisation will er in Moskau eine Zweigstelle eröffnen, kündigt er prophetisch an. Umweltschutz kennt keine Grenzen. Umweltschutz soll Grenzen überwinden, Mauern niederreißen. "Go east, young men!" lautet sein Auftrag. Bis weit in die Früh werden Visionen gesponnen. In uns hat er Verbündete gefunden. Anfang April erlebt Österreich die ersten echten Aktionen in Greenpeace-Manier. Das Pärchen Susanne Kratochvil und Gottfried Kalkstein besteigt den giftspeienden Schlot der Entsorgungsbetriebe Simmering und wird erst nach fünf Stunden von der Feuerwehr geborgen. Tags darauf wird aus Protest gegen den sauren Regen ein Fernheizwerk in Kufstein erklommen. Auf dem Transparent steht allerdings "Global 2000". In Ermangelung einer offiziellen Erlaubnis, den "Markennamen" Greenpeace zu verwenden, haben sich etliche bereits mit der Idee angefreundet, als Global 2000 die Welt zu verbessern.

Am 15. April erregt Michael Undorf mit seiner waghalsigen, ja verrückten Besteigung des Wiener Stephansdomes erstmals österreichweites Aufsehen. Saurer Regen wird zum Tagesthema, und Global 2000 ein Begriff − oder auch nicht. Für viele ist es eine Greenpeace-Aktion. Was soll's. Im Mai steht einem Lizenzvertrag mit Greenpeace International nichts mehr im Wege. Davids "Report on Austria" ist unerwartet positiv ausgefallen. Obwohl bekennender Cola-Rum Fan hatte er sich vom Charme des Bierlokals und der Begeisterung der Menschen beeindrucken lassen. Greenpeace Österreich ist zum Greifen nahe.

Doch halt: Ist das Kleingedruckte nicht die reinste Versklavung, nur Pflichten und kaum Rechte? Der Markenname ist so streng geschützt wie Coca-Cola oder IBM. Ist doch schon das Business wichtiger als der Umweltschutz? Es kommt zum Streit und zum endgültigen Bruch unter den Greenpeace-Jüngern. Michael, Obmann von Greenpeace und zugleich Wortführer der Kritiker, tritt zurück und setzt mit Ingmar Höbarth, Jasna Sonne und den meisten "Greenpeacern" auf Unabhängigkeit. Sie werden ihren kleinen, aber dafür völlig unabhängigen Verein Global 2000 weiterbetreiben. Schließlich finden sich vier Unbeirrbare, die sich vom Paragraphengewirr nicht abschrecken lassen und ihren Traum verwirklichen wollen. Herbert Witschnig, Toni Gschöpf und Christl und Klaus Palich, ein geschiedenes Lehrerehepaar, unterschreiben und bilden den neuen Vorstand des Vereines. Es ist die offizielle Geburtstunde des "echten" Greenpeace.

Neubeginn

Doch ist das wirklich Greenpeace? Die Spaltung in der Szene geht tief. Zwar nicht ganz so dramatisch wie in Deutschland, wo sich die Autonomiebefürworter als "Robin Wood" von Greenpeace losgesagt haben und nun mit Schimpftiraden über die "Bürokraten" von Greenpeace herziehen. Aber auf große Unterstützung kann das junge Greenpeace nicht zählen. "Es war fast ein Anfang bei Null" erinnert sich Herbert. Das erste Vereinslokal ist ein Klassenraum im WUK, ein einziges Telefon, dafür eine laute Druckmaschine. Einziger Trost: viele, ja, sehr viele Interessenten.

Rasch lernen wir, dass die "Kontrolle" durch die Zentrale wohl nur auf dem Papier besteht. Wir können eigentlich tun und lassen, was wir wollen, solange wir nicht "Pro Walfang" oder "Pro Atomtests" sind. So dezent die Kontrolle, so gering ist leider auch die Unterstützung. Außer einem kleinen finanziellen Vorschuss, der Herbert erlaubt, einen Aktion-8000-Job als erster Angestellter von Greenpeace anzutreten, gibt es kaum Hilfe. So geraten unsere ersten Aktivitäten zu Lehrstunden.

Der Protest vor der brasilianischen Botschaft gegen den Walfang interessiert hauptsächlich die Polizei. Eine Aktion bei der russischen Botschaft gegen Atomwaffen nicht einmal diese. Auch der große Papp-Wal zur Fischereikonferenz bleibt hauptsächlich als Bastelstunde in Erinnerung. Doch dann treffen wir erstmals den medialen Nerv. Das Schreckgespenst "Dioxin", diese supergiftige Chemikalie, ist seit der folgenschweren Katastrophe von Seveso in aller Munde. Auch in Österreich, bei der 2-4-5-T-Produktion der Chemie Linz fällt dieses Gift in Mengen an.

Die Aktion bei der Chemie Linz im September wird zum ersten Testfall der Gewaltfreiheit. Die Aktivisten werden getreten und beschimpft. Die Arbeiterschaft, aber auch das Management und die Politik sind in Sachen Umweltschutz noch völlig unbedarft. Es ist der Beginn einer jahrelangen, vergifteten Debatte zwischen Greenpeace und der Chemischen Industrie, geprägt vom vermeintlich unüberwindbaren Widerspruch von Umweltschutz und Arbeitsplätzen. Für uns besteht nie der geringste Zweifel, wer sich am Ende durchsetzen wird. "We are on the right side", bringt David unser Erfolgsgeheimnis auf den Punkt.

 

Das Jahr 1984

Die Welt erfährt erstmals von einem Virus namens HIV, im indischen Bhopal ersticken 2.000 Menschen bei einem Chemieunfall. Die Ostblockstaaten boykottieren die Olympischen Sommerspiele in Los Angeles und STS preisen ihr "Fürstenfeld".

Wir beziehen das erste eigene Büro − Stiege 5, im WUK. Ein Schreibtisch, zwei Telefone − ein blaues und ein grünes − und ein Fernschreiber, groß wie eine Heimorgel. Der Anschluss an das beginnende Medienzeitalter. Die Bedienung ist so umständlich, dass sich jeder Hinweis auf Kurzhalten erübrigt. Nach Monaten der Vorbereitung beteiligen wir uns im April an der ersten länderüberschreitenden Schornsteinaktion. "STOP SAUREN REGEN" lautet die Botschaft in acht Ländern. Die österreichischen Klettermaxe werden sogar in den "Club 2" geladen. Und die NEWAG verkündet in der Folge die baldige Schließung des veralteten Werkes.

Die nächste Kampagne ist erheblich schwieriger. Als einzig wirksame Sofortmaßnahme gegen die Abgase des Autoverkehrs fordern wir Tempo 80/100. Verkehrsminister Ferdinand Lacina lässt uns auflaufen. "Natürlich sei er sofort dafür, das Tempo zu reduzieren, gibt er zu erkennen, … wenn die Bevölkerung davon zu überzeugen wäre." Diesen Job überlässt er natürlich uns. Die Emotionen laufen heiß. Gerade haben wir genug Förderer, um finanziell unabhängig walten zu können, da drohen die ersten auch schon mit Austritt. Robben und Wale schützen: ja, aber auf der Autobahn schleichen: niemals! Zahlreiche Aktionen und eine Unterschriftenliste resultieren in einem ministeriellen Aufruf zur freiwilligen Tempobeschränkung. Traurig wenig, die heilige Kuh bleibt unangetastet.

Intern wogt ein ständiger Kampf zwischen den "Visionären", die alles wollen und das sofort, und den "Bürokraten" die die Organisation verwalten und festigen müssen. Diese innere Auseinandersetzung stärkt unser Selbstbewusstsein. Wer sich ständig mit den Argumenten der internen Kritiker auseinandersetzen muss, braucht externe Kritiker nicht zu fürchten. So gehen auch mediale Verrisse wie jener in der Zeitschrift "Wiener" − "Sieger sehen anders aus" − am Punkt vorbei. Letztlich ermöglicht gerade jene verpönte, weil professionell angelegte Mitglieder-Werbung die Unabhängigkeit der groß angelegten Kampagnen. Und die hierarchische Entscheidungsstruktur erleichtert rasches Handeln und medienwirksame Aktionen. Im "Wiener" kritisieren Michael und Jasna noch den Weg der Greenpeacer. Jahre später werden die beiden als Mitarbeiter von Greenpeace erfolgreich diesen Weg mitgehen.

Zäsur für Österreichs Umweltbewegung - Hainburg

In der allerersten Ausgabe der Greenpeace-Nachrichten im September wird eindringlich vor den Folgen eines Kraftwerkbaues bei Hainburg gewarnt. Noch ahnt keiner von uns, dass der Streit um dieses Kraftwerk die Umwelt-Debatte in Österreich revolutionieren wird. Im Dezember kommt es zur spontanen Besetzung der Kraftwerksbaustelle in der Stopfenreuther Au.

Erst sind es nur einige Autonome, dann ruft die ÖH zum Protest, der ÖGB zum Gegenprotest. Abertausende kommen. Greenpeace betreibt ein eigenes, "geheimes" Lager. Die Rolle vor Ort bleibt untergeordnet, doch das Transparent von der Donaubrücke macht Furore. "Natur statt Beton". "Greenpeace" steht nicht einmal drauf, doch wer sonst wäre wohl dazu in der Lage. Erstmals finden sich für Anliegen der Umweltschützer Mehrheiten in der Bevölkerung. Der Protest ist erfolgreich, die Auwälder werden zehn Jahre später zum Nationalpark geadelt, für die Umweltszene beginnt eine neue Epoche.

 

Das Jahr 1985

Die Wahl Michael Gorbatschows zum Parteichef startet ein Tauwetter in der sowjetischen Führung, und die Umweltminister der EG ringen um die stufenweise Einführung des Katalysators bei Kraftfahrzeugen. Bob Geldofs Afrika-Hilfe "Live-Aid-Concert" bringt das Who's Who der Popmusik nach London und Philadelphia. Vor der Küste Neufundlands wird das Wrack der Titanic gefunden. Greenpeace ist zu einer internationalen Umweltorganisation aufgestiegen.

Seit der ersten Fahrt gegen Atomtests in einem gecharterten Seelenverkäufer hat sich eine ganze Flotte von Aktionsschiffen angesammelt, die den Umweltsündern auch in den entlegensten Winkel auf die Finger klopft. Der Name verbreitet Schrecken unter Konzernen und Regierungen. Auch die französische Regierung fühlt sich durch die zunehmenden weltweiten Proteste gegen ihre Atomtests im Muroroa-Atoll bedrängt. Am 18. August versenken zwei Agenten des französischen Geheimdienstes das Greenpeace-Flaggschiff "Rainbow Warrior" im Hafen von Auckland. Das tragische Ereignis, bei dem der portugiesische Fotograf Fernando Peirera sein Leben verliert, verändert den Stellenwert von Greenpeace für immer. Wie bedeutend muss ein "Umweltverein" sein, wenn die "Grande Nation" ihre Agenten schickt, um sie zu bekämpfen?

Der charmante und wortgewaltige David McTaggart wird auch außerhalb der Szene weltberühmt. Kurz darauf nimmt David mit dem sowjetischen Reformer Michael Gorbatschow Kontakt auf, und die beiden Machtmenschen werden für den Rest ihres Lebens Freunde. Davids Lebenstraum, Greenpeace Sowjetunion, nimmt konkrete Formen an. Auch bei uns erlangt der Name Greenpeace eine große Aufwertung. Erstmals kommen Unterstützungsbeiträge in nennenswerter Menge und Höhe. Greenpeace kann sich die ersten permanenten Angestellten leisten. Eva Vessely, Florian Faber und Willi Goldschmid bekommen für ihre Tätigkeit ein Gehalt bezahlt. Umweltschutz als Brotberuf − eine Errungenschaft, die selbstverständlich auch Neider auf den Plan ruft.

Der durchschlagende Erfolg des Greenpeace-Labormessschiffes "Beluga" in Deutschland lässt die Idee eines vergleichbaren Labormessbusses entstehen. Ein kühner Plan, übersteigen doch die Kosten das geplanten Jahresbudget in Österreich. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, vertrauen wir auf die Inspirationswirkung unserer Idee und behalten Recht. Der Labormessbus, den Willi auf die Beine stellt und mit modernster Technik ausstattet, wird für Jahre das sichtbarste und aktivste Werkzeug von Greenpeace Österreich.

Der Freund aller Kinder, der Schrecken der Chemie und Zellstoffindustrie. Wo immer möglich, sind Österreichs Greenpeacer auch hinter dem Eisernen Vorhang aktiv. Eingeladen auf einer Umweltmesse in Budapest, präsentieren wir unsere Kampagnen. Größtes Streitthema in Ungarn: Die Donau-Staustufe Nagymaros, ein zweites Hainburg! Es kommt zum erfolgreichen Know-how-Transfer in Sachen Kraftwerksverhinderung. Erwischen sollte man sich dabei nicht lassen!

 

Das Jahr 1986

Der schwedische Premierminister Olof Palme wird ermordet, und ein Unfall beim Schweizer Chemiekonzern Sandoz vergiftet weite Teile des Rheins. Die US-Raumfähre Challenger explodiert kurz nach dem Start über Florida, und im sowjetischen AKW Tschernobyl kommt es am 26. April zu dem bislang folgenschwersten Atomunfall. Eine radioaktive Wolke verseucht halb Europa. Österreich ist besonders schwer betroffen, und die Emotionen gehen hoch.

Gemüse muss eingestampft werden und Milch wird entsorgt. Zumindest eine Debatte ist damit beendet: Atomkraft in Österreich. Seit das heimische AKW in Zwentendorf 1978 per Volksabstimmung auf Eis gelegt wurde, gab die Energie-Lobby die Idee nicht auf, das AKW wieder aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. 1980 unterschrieben sogar 421.282 Österreicher ein Pro-Zwentendorf Volksbegehren. Nun hat der Spuk ein Ende. Sogar der am Atomreferendum zerbrochene Bruno Kreisky revidiert seine Pro-Atom-Haltung und gibt den Kritikern post factum Recht. Die als fortschrittsfeindlich abgekanzelten Atomgegner sind rehabilitiert. Kassandra-Rufe werden beinahe salonfähig.

Dazu ist es auch allerhöchste Zeit. Die fortschreitende Zerstörung der Ozonschicht durch FCKW ist abseits der Wissenschaft noch fast unbekannt, der menschgemachte Treibhauseffekt ist nur ein Begriff aus der Gärtnerbranche. Es beginnen die Jahre der Warnungen und düsteren Prophezeiungen, der zugestopften Abwasserrohre, der erklommenen Schornsteine, der blockierten Fabrikstore, der überraschenden Erfolge − eben die Greenpeace-Story, wie man sie kennt.

Und immer wieder der Osten

Während sich in Österreich die Idee des Umweltschutzes durchzusetzen beginnt und die Grüne Alternative − Liste unter Freda Meissner-Blau erstmals mit acht Mandaten ins Parlament einzieht, bleibt der Osten ein dunkler Fleck. Zwar gründet David "Greenpeace in Moskau", aber an Kampagnen ist nicht wirklich zu denken.

Auch die Schrottreaktoren an Österreichs Grenzen scheinen für viele hinter dem Eisernen Vorhang unerreichbar. Doch bereits am ersten Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe verteilen wir Flugblätter in Budapest, Bratislava und Prag. In Prag erklimmen vier österreichische Aktivisten mit einem Banner sogar den Balkon des Museums am Wenzelsplatz, werden für 24 Stunden inhaftiert und danach zum Glück rasch ausgewiesen. Höchst geheime Kontakte zu Aktivisten der Charta 77 in der Tschechoslowakei decken neue, erschreckende Pläne auf: Mega-Baustellen von gewaltigen Atomanlagen in Mochovce und Temelin.

Wie im Fluge ...

November 89, der Fall der Mauer, markiert ein neues Kapitel der europäischen Geschichte. Und der Geschichte von Greenpeace. Umwelt kennt keine Grenzen, und die Folgen eines Atom-Unfalles genausowenig. Prag, Kiev, Moskau, Bratislava, Danzig, … David ist vor Ort aktiv, und wie selbstverständlich sind auch wir Österreicher an der Vorfront des Engagements im Osten. Niemand fragt mehr "Wozu Greenpeace in Österreich?", noch dazu wo wir große Erfolge zu verbuchen haben.

Die Entwicklung hat im Frühjahr 2001 mit der internationalen Aufwertung von Greenpeace Österreich zu "Greenpeace in Zentral- und Osteuropa" ihren Höhepunkt. Wenige Tage später verunglückt David McTaggart auf seinem Altensitz in Italien. Seine Idee lebt weiter. Sein Vertrauen in die Österreicher hat sich bezahlt gemacht. Seine Vision von "Go East!" ist wahr geworden.

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