Informationsseite - 19. Juni, 2005
Weltweit sind Korallenriffe durch Umweltverschmutzung, Übernutzung und Klimawandel bedroht. Im kleinen Rahmen können sie gerettet werden, indem sie intensiv gepflegt werden. Besonders erfolgreich sind solche Projekte, wenn sie von der lokalen Bevölkerungmitgetragen werden.
Schutzmassnahmen können erfolgreich sein: Ein Riff im Meeresschutzgebiet Apo Island vor den Philippinen.
© Greenpeace / Newman
Die Gärtner der «Coral Gardens Initiative» auf Fidschi erscheinen in Tauchanzügen zur Arbeit. Umsichtig schweben sie über dem Riff, entfernen wuchernde Algen, sammeln räuberische Seesterne ein und dünnen aus: An Stellen, wo die Korallen so eng stehen, dass sie sich gegenseitig am Wachsen hindern, entnehmen sie Polypenstöcke. Diese werden in kleine Sprossen zerteilt, auf Drahtnetzen befestigt und in geschützten Buchten mit sauberem Wasser grossgezogen. Nach etwa einem Jahr sind sie gross genug, umingeschädigten Riffgebieten wieder ausgesetzt zu werden.
Der Meereswissenschaftler Austin Bowden-Kerby von der Organisation Counterpart International hat das Projekt 1999 in Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen entwickelt. «Korallen zu vermehren, genügt natürlich nicht», sagt er, «das ist nur ein Teil unseres Schutzprogramms, in dem es auch darum geht, die Überfischung einzudämmen und die Verschmutzung des Wassers durch die Dörfer und die Hotelanlagen zu minimieren.»
Das ist heutzutage besonders wichtig. Denn lokale Faktoren wie Wasserverschmutzung und Überfischung verschlechtern die Chancen der Korallen, mit dem Klimawandel fertig zuwerden. Sterben die Korallen ab, sind auch alle anderenTiere und Pflanzen bedroht, die im und am Riff leben und jagen. Und das sind viele: In keinem anderen Lebensraum findet man eine so grosse Artenvielfalt wie in Korallenriffen – die nicht umsonst «Regenwälder des Meeres» genannt werden.
Grundsätzlich ist die Idee der Korallenfarm nicht neu. Seit über dreissig Jahren wird vor allem von Meeresaquarianern die Tatsache genutzt, dass Korallen unter günstigen Bedingungen hervorragend wachsen und das Abtrennen kleiner Kolonieteile, im Fachjargon «fragmentieren» genannt, problemlos tolerieren. Neu ist allerdings die Einbindung der Küstenbevölkerung, die es ermöglicht, die Riff-Rehabilitierung langfristig und zum Nutzen aller zu organisieren.
In Polynesien sind die Voraussetzungen besonders gut: Die Dörfer an den Küsten haben schon immer ihre eigenen Fischereigründe verwaltet, und es existierte eine alte Tradition der schonenden Nutzung mit Hilfe von Tabuzonen und saisonalen Fangbeschränkungen; so war es auf einigen Inseln üblich, nach dem Tod eines Stammeshäuptlings hundert Tage nicht zu fischen.
Diese Traditionen werden nun im Sinne des Naturschutzes wiederbelebt: Die Dorfbewohner erhalten Unterricht im Riffmanagement und reservieren einen Teil ihres selbstverwalteten Gebiets als Meeresschutzgebiet. Die Korallenfarmen bieten auch Einkommenschancen für Menschen, die bisher vom Verkauf lebender Korallen an den Aquariumhandel gelebt haben – neben dem Fischen mit Dynamit über Jahrzehnte der schwerste menschliche Eingriff in die Riffe der Region. Wegen seines umfassenden Ansatzes wurde das Coral Garden Programm vom International Coral Reef Action Network (ICRAN) der Vereinten Nationen als Modellprojekt ausgewählt, und entsprechende Programme auf den Philippinen, in Thailand und in Singapur werden von der Europäischen Union gefördert.
Die Fidschianer in den Dörfern an der Küste wissen Bowden-Kerbys Arbeit zu schätzen, denn die neuen Riffe bescheren ihnen mehr Fische im Netz. Nur ein Jahr nach der Einrichtung der ersten Tabuzone vor dem Dörfchen Ucunivanua stiegen die Fänge ausserhalb des Schutzgebietes so stark an, dass die Nachbardörfer aufmerksam wurden. Denn die Raubfische, die bevorzugt verzehrt und auch auf dem Markt verkauft werden, ernähren sich von kleineren Fischen, die in den Korallen leben und im Riff ihre Nahrung finden. Inzwischen ist die Zahl der lokal betreuten Schutzgebiete auf 270 gestiegen.
Ob allerdings mit der Wiederaufforstung allein die Riffe der Weltmeere gerettet werden können, ist mehr als zweifelhaft. Denn in Regionen, in denen die Korallen dauerhaft abgestorben sind, werden sich Setzlinge auch nicht besser entwickeln. Die Riffe um Fidschi sind in einem vergleichsweise guten Zustand. Die Probleme hier sind: Überfischung, Verschmutzung sowie der Eintrag von Sand und Erde, die mit dem Regenaus den Zuckerrohrfeldern in die Riffe gespült werden. Sie haben lokale Ursachen, die durch das Schutzprogramm teilweise zurückgedrängt werden konnten.
Gegen die globale Erderwärmung kann vor Ort nur wenig getan werden. Und der Treibhauseffekt könnte dazu führen, dass schon bis Mitte dieses Jahrhunderts ein Grossteil der Riffe verschwunden sind. Bei höheren Wassertemperaturen sterben die winzigen einzelligen Algen ab, die in und mit den Korallen leben. Diese verlieren dadurch nicht nur ihre bunte Färbung und bleichen aus, sie müssen auch auf Nährstoffe verzichten, die die Algen liefern.
Ausserdem steigt mit dem Treibhauseffekt nicht nur der Kohlendioxidgehalt in der Luft, sondern auch der Kohlensäuregehalt im Wasser. Darin sind dann weniger Karbonate gelöst, die die Korallen für den Bau ihrer Skelette benötigen. Bereits jetzt ist der pH-Wert der Ozeane um dreissig Prozent gesunken.
Dieses Jahr arbeitet Bowden-Kerby in Belize. «Wir sammeln Korallen, die trotz Ausbleichens gesund geblieben sind, und vermehren sie. Vielleicht können wir herausfinden, warum sie besonders widerstandsfähig sind.» Die Riffe der Weltmeere könnten trotzdem die ersten Lebensräume sein, die am Klimawandel zugrunde gehen.