Informationsseite - 1. Februar, 2006
Überfischt, überhitzt und verschmutzt. Gedankenlosigkeit und Gier haben die Meere zu Krisenherden gemacht. Greenpeace hat deshalb zwei Schiffe auf Reise geschickt. Das Ziel der einjährigen Expedition «SOS Weltmeer» ist ein umfassendes Netz von Meeresschutzgebieten.
Dieser Artikel erschien im Greenpeace Magazin 1/2006.
Vom Weltall aus gesehen ist die Erde ein blauer Planet. Drei Viertel ihrer Oberfläche bestehen aus Wasser. Auch vom Strand aus gesehen erstreckt sich ein schier endloser Wasserteppich. Ein Paradies für Ruhesuchende und Hort der grössten, farbigsten und bizarrsten Lebewesen, die es gibt. Das Meer bedeckt die höchsten Berge und die tiefsten Täler der Erde. Es lässt riesige Eisberge treiben und gigantische Korallenriffe entstehen. Wale, Delfine und Pinguine finden darin ihren Lebensraum, ebenso Anglerfische, Doktorfische und farbenprächtige Anemonen. Doch der Schein trügt. Zwischen Strand und Horizont geschehen täglich Verbrechen gegen die Meere und deren Bewohner. Überfischung, Ausbeutung, Verschmutzung und Klimawandel verwandeln die blühenden Unterwasseroasen in leblose Wüsten. Die Aorta allen Lebens der Erde steht kurz vor dem Kollaps.
Greenpeace hat deshalb im Dezember die grösste und längste Expedition ihrer Geschichte gestartet. Die beiden Schiffe «Esperanza» und «Arctic Sunrise» fahren bis im Februar 2007 in die entferntesten Winkel unseres Planeten. An Bord sind etwa 60 Menschen aus der ganzen Welt, zeitweise auch Schweizer AktivistInnen. Ihr gemeinsames Ziel: die Schaffung eines weltweiten Netzwerks von Schutzgebieten, insgesamt rund 40 Prozent der Meeresfläche, in denen jeglicher Eingriff verboten ist.
Die UNO hat angekündigt, bis Ende 2006 einen Plan vorlegen zu wollen, wo diese Schutzgebiete liegen könnten. Die Umsetzung wird aber länger dauern. Denn viele Regierungen wollen wegen des kurzfristigen Fischereiprofits nicht handeln. Darum macht Greenpeace nun den ersten Schritt: Am Ende der Reise wird auf einer Internetkarte eingezeichnet sein, wo Meeresschutzgebiete sein sollten und warum. Die Expedition dauert über ein Jahr und führt unter anderem ins Mittelmeer, nach Indien, Papua-Neuguinea, Südamerika und in die Antarktis. Sie soll einerseits die Schönheit des Ökosystems Meer dokumentieren, andererseits aber deren Zerstörung aufzeigen. Greenpeace sucht für diese Reise Menschen, die mit ihrem Namen für den Schutz der Meere einstehen. Denn es gibt viel zu tun.
Die Krisenherde der Meere:
- Obwohl der kommerzielle Walfang verboten ist, töten Japans Walfänger in der Antarktis nach wie vor jährlich gegen 1000 Wale. Unter dem Deckmantel des wissenschaftlichen Walfangs jagen sie neu auch stark gefährdete Arten wie den Finnwal und den Buckelwal. Im Rahmen von «SOS Weltmeer» hatte die Crew der Greenpeace-Schiffe direkten Kontakt zur Walfangflotte der japanischen Fischereibehörde. Mit ihren Schlauchbooten konnten die AktivistInnen etliche Wale vor den Harpunen der Walfänger retten. Dafür riskierten sie ihr Leben, denn die japanischen Walfänger kennen kein Gewissen: Sie feuerten haarscharf über ein Greenpeace-Schlauchboot hinweg und fügten der «Arctic Sunrise» durch ein Rammmanöver einen Bugschaden zu. Zudem tankten sie ihre Schiffe mitten in einem Schutzgebiet auf und nahmen damit extreme Umweltschäden in Kauf. Die deutsche Aktivistin Regine Frerichs hat das alles miterlebt: «Wir haben viele Wale sterben sehen, wir haben aber auch gesehen, wie Wale entkommen sind! Wir konnten die Jagd aufschieben und somit etliche Wale schützen.» Weil Reserven, Treibstoff und Kräfte schwanden, musste Greenpeace schweren Herzens abdrehen. Um Druck auf die Walfänger auszuüben, laufen nun weltweit Verhandlungen mit Firmen, die an der japanischen Walfangindustrie beteiligt sind.
- Drei Viertel aller Fischarten sind überfischt: Gigantische Schiffe mit subventionierter Hightechausrüstung können Fischschwärme heute schnell orten. Sogenannter Beifang, unerwünscht gefangene Arten wie Delfine oder Schildkröten, wird tot ins Wasser zurückgekippt oder an den Meistbietenden verkauft, weltweit jährlich über 30 Millionen Tonnen. Weil die oberen Meeresschichten praktisch leer gefischt sind, dringen die schwimmenden Fischfabriken nun mit tonnenschweren Schleppnetzen in die Kinderstube vieler Fischarten vor, die Tiefsee. Diese wird komplett abgegrast. Und Piratenfischer rauben einigen der ärmsten Regionen der Welt die dringend benötigten Nahrungs- und Einkommensquellen.
- Aquakulturen werden oft als zukunftsweisend gepriesen. Doch Shrimps-Farmen sind vielleicht die weltweit zerstörerischste, am wenigsten nachhaltige und ungerechteste Art der Fischzucht. Berichte über Mangroven-Kahlschlag, die Zerstörung traditioneller Fischfanggebiete, Mord und die Vernichtung der Lebensgrundlagen der einheimischen Bevölkerung häufen sich. Die Lachsindustrie ist ein weiterer Beweis, dass Fischfarmen keine Lösung sind: Etwa vier Kilo Wildfisch müssen extra abgefischt werden, um ein Kilo Zuchtlachs zu produzieren.
- Der Klimawandel führt zu höheren Wassertemperaturen. Dadurch steigt der Meeresspiegel, und die Meeresströmungen verändern sich. Tropische Arten tauchen plötzlich in nördlichen Gewässern auf, die Korallenbleiche lässt ganze Riffe absterben. Methangas beginnt auszuperlen und heizt das Klima zusätzlich an.
- Die Meere sind stark verschmutzt. Die augenfällige Ölverseuchung nach Tankerunfällen macht nur einen kleinen Teil der Schadstoffeinträge aus. Andere Quellen der Verschmutzung sind Haushalts- und Gewerbeabwässer, städtische und industrielle Abflussrohre, Freisetzungen durch Unfälle oder Explosionen, Verklappung auf See, Rückstände aus dem Bergbau, Dünger und Pestizide aus der Landwirtschaft, Abwärme und radioaktive Einleitungen.
Die Meere rufen SOS und brauchen jede Hilfe. Denn nur wenn grosse Gebiete der Meere geschützt werden, bleibt der riesige Wasserteppich auch unter seiner Oberfläche eine blühende Oase des Lebens.