Drei Schiffe

Drei Welten: Teil 1

Story - 10. August, 2010
Schiffe, so behaupten Seeleute, haben eine Seele. Menschen, die eine pragmatische Beziehung zu Wasserfahrzeugen haben, gestehen diesen zumindest einen eigenen Charakter zu. In Kopenhagen machten während dem Klimagipfel im Dezember 2009 drei Greenpeace-Schiffe fest. Beste Gelegenheit für Greenpeace-Autor und Profi-Segler Thomas Jucker, ihr Wesen genauer zu betrachten. Eine Serie in drei Teilen.

Autor: Thomas Jucker

Rainbow Warrior II – Ein Kutter hat Segeln gelernt

Die Rainwow Warrior ist das legendärste Schiff von Greenpeace.  Als erstes Kampagnenschiff, war die “Rainbow Warrior I” von 1978 bis zum Bombenanschlag im Juli 1985 im Einsatz. Die Erfahrene, leicht in die Jahre gekommene “Rainbow Warrior II”, ist seit 1989 im Auftrag für die Umwelt unterwegs.

Rainbow Warrior II

The Greenpeace flagship the "Rainbow Warrior" beginning the first leg of the "Choose Positive Energy" Tour in the North Sea, Denmark. 2002 © Greenpeace / Martin Zakora


Es schneit in dicken Flocken. Die „Rainbow Warrior II“ liegt längsseits in Reefshaleoen, einem verwahrlost wirkenden Stück Hafen im Osten Kopenhagens. Der erste Eindruck: Stahl – Segelschiff – Dreimaster. Ansonsten ist das Schiff nicht leicht einzuordnen. Seine Proportionen sind seltsam, der Rumpf wirkt sehr schlank, die Takelage (Masten und Segel) ungewöhnlich.

Frage an Mike Fincken, den Kapitän: Ist die „Rainbow Warrior II“ überhaupt ein richtiges Segelschiff, oder nur ein Motorboot mit Masten?

„Natürlich ist sie ein Segelschiff! Sie segelt wirklich gut. Wir erreichen unter Segeln bis zu elf Knoten; mit der Maschine hingegen nur acht.“ Und Mike lobt die Segeleigenschaften: „Wir machen bei längeren Seereisen, etwa wenn wir einen Ozean überqueren, die Hälfte der Strecke unter Segeln.“ Die „Rainbow Warrior II“ könne gut sechzig Grad an den Wind gehen – dies ist der Winkel zwischen der Windrichtung und dem Kurs des Schiffes beim Aufkreuzen. Beim Versuch also, in einem möglichst kleinen Winkel gegen den Wind zu fahren.

Die heutige „Rainbow Warrior II“ wurde 1957 als Nordsee-Fischkutter gebaut. Sie hiess „The Grampian Fame“ und war 45 Meter lang. Der Kutter wurde schon bald um zehn Meter verlängert, damit sein Laderaum mehr Fisch aufnehmen konnte. Dazu schnitt man das Schiff vor dem Steuerhaus quer durch und schweisste einen neuen Mittelteil ein. Segeln habe das Schiff erst bei  Greenpeace gelernt, als ihr die 42 Meter langen Masten ins Deck gesetzt wurden. Sie tragen 460 Quadratmeter Segel, erzählt Mike bei einer Tasse Tee im gemütlich warmen Steuerhaus. Während draussen die dänischen Polizisten das Schiff argwöhnisch mustern, und auf der Hafenseite Polizeiboote langsam im Schneegestöber vorbeiziehen, erzählt der drahtig wirkende Kapitän von den Reisen des Schiffes. Der 42-jährige Südafrikaner mit der ruhigen Ausstrahlung scheint die Polizisten gar nicht wahrzunehmen – zumindest interessieren sie ihn nicht besonders.

Frage: Hat dich die „Rainbow Warrior II“ je im Stich gelassen, wenn’s knifflig wurde?

„Nein, im Gegenteil. Sie hat uns in schwierigen Situationen schon sehr geholfen. Beispielsweise als uns ein Polizeiboot in Rotterdam während der Fahrt den Bug seitlich brutal wegschob, bis wir schliesslich in flachem Wasser auf Grund sassen. Da habe ich mich frustriert gefragt: Wie kommen wir hier je wieder weg?“ Die  Antwort bot das Schiff. Mike setzte die Segel: Und der Wind, der zum Glück günstig stand, schob den schweren Dreimaster Millimeter um Millimeter seitwärts, weg von der Untiefe.

Überhaupt sei die „Rainbow Warrior II“ eher gutmütig. Sie habe nicht mehr Macken als jedes andere Schiff auch. So sei sie mit der Steuerbordseite im Hafen einfacher anzulegen. Die meisten Schiffe hätten bei diesem Manöver eine bessere und eine schlechtere Seite. Dies ergebe sich aus der Drehrichtung des Propellers: „Aber sonst, Macken? Nein.“

«An Bord dieses Schiffes fühlen sich alle Menschen sofort heimisch».

Maite Mompo

Während auf Deck die Masten, Winschen und Umlenkrollen davon zeugen, dass die „Rainbow“ ein Segelschiff ist, dominiert unter Deck eher eine Atmosphäre, wie sie Frachtern eigen ist. Vom Deck kommend windet sich ein langer, enger Korridor zum Heck des Schiffes. Er ist beidseitig mit vielen Fotos bestückt, die vom Leben an Bord, früheren Einsätzen und der Geschichte der Greenpeace-Schiffe erzählen. Kabine reiht sich an Kabine. Dann folgen die Türe zum Funkraum und schliesslich die sogenannte Messe. Würde man die Kommandobrücke als Hirn der „Rainbow Warrior II“ bezeichnen, so wäre die Messe wohl ihr Herz: Ein – für Schiffsverhältnisse – auffallend geräumiger Ess- und Wohnraum, in dem die Nervenstränge des sozialen Lebens an Bord zusammenlaufen. Der Raum ist gemütlich. Wer sich an einen der Tische setzt, würde am liebsten gleich bleiben, mitfahren auf der nächsten Reise, in ein anderes Land, an eine andere Küste und zu neuen Ankerplätzen.

„An Bord dieses Schiffes fühlen sich alle Menschen sofort heimisch“, erzählt Maite Mompo. Die 42-jährige Spanierin fährt seit über drei Jahren auf der „Rainbow Warrior II.“ Sie ist eine so genannte Deckhand, eine der Matrosinnen, die eine Reihe von Aufgaben ausfüllen: Wache stehen, Segel hissen und bedienen, Leinen festmachen beim Anlegen. Dazu kommen die nie endenden Unterhaltsarbeiten wie entrosten, schleifen, malen. Maite übernimmt auch meist die Führungen der Besuchergruppen. Dies mit einer mitreissenden Begeisterung für das Schiff und für Greenpeace. Der Umgangston an Bord ist generell von einer angenehmen Ruhe und von Herzlichkeit geprägt. Die Mitglieder der 15-köpfigen Crew geben auch flüchtigen Besuchern das Gefühl, an Bord willkommen zu sein.

Am Ende der Besichtigungstour über und durch die „Rainbow Warrior II“ stehen wir wieder im Ruderhaus. Es schneit in immer dichteren Flocken. Der Kapitän steht am Kartentisch und liest in einem Rapport. Bei der Beantwortung der Frage nach den schönsten Momenten an Bord der „Rainbow Warrior II“, muss Mike nicht lange überlegen: „Der Anblick der Eisberge in der Antarktis.“

Und welches waren die schwierigsten Momente? Mike denkt nach, scheint die Frage aber nicht gerne zu beantworten: „Nun, es ist der Stress bei Aktionen. Wenn wir beispielsweise ein Kohle-Terminal blockieren wollen und mit dem Schiff in einen Hafen einfahren ohne genau zu wissen, was und wer uns dort erwarten könnte. Da bin ich schon sehr angespannt. Wegen der Verantwortung für die Menschen – und für das Schiff.“

Unter der Spezialausgabe Act finden Sie weitere Informationen über die Geschichte der Rainbow Warrior: www.greenpeace.at/act-magazin.html

 

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