Chinas Kinder werden «Hoffnung» und «Wind» heissen

Aus: Greenpeace Magazin 03/2011

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Story - 26. September, 2011
Aktivismus in China: Greenpeacer Tom Xiaojun kämpft in seinem Land gegen unökologische Investoren. Und um das Idyll seiner Kindheit.

Von Tom Xiaojun Wang, Greenpeace East Asia, Peking

Tom Wang
© Greenpeace

Ich heisse Tom Wang. Tom ist mein englischer Name. Ich habe mich so genannt, als ich Englisch lernte, weil meine britische Lehrerin den Namen Xiaojun nicht aussprechen konnte. Xiaojun bedeutet «Soldat, der in der Morgenröte geboren wurde». Wenn die Leute in China meinen Namen hören, wissen die meisten, dass ich in den 70er-Jahren geboren bin, denn als Soldat unser Land zu schützen, war damals  die grösste Ehre für jeden jungen Chinesen. Offensichtlich wünschten sich meine Eltern, dass ihr Kind zu einem Soldaten heranwachsen und sie stolz machen würde.

Als ich 2005 meiner Mutter erzählte, dass ich meine Arbeit als Journalist aufgegeben hatte, um für Greenpeace zu arbeiten, war ihre erste Reaktion: «Was ist Greenpeace?» Und dann: «Warum?» Zuvor war ich immer ihr ganzer Stolz gewesen, obwohl ich nicht zum Militär gegangen und Soldat geworden war. Stattdessen wurde ich Lehrer an einem College und später Journalist. Beide Tätigkeiten schienen ihr sinnvoll und machten sie stolz. Als ich Lehrer am College war, prahlte sie in ihrem Freundeskreis damit, dass ich, ihr Sohn, der jüngste und begabteste Lehrer am ganzen College sei und von meinen StudentInnen und KollegInnen respektiert würde. Als ich Journalist wurde, prahlte sie dann vor ihren Freundinnen und Freunden damit, dass ich, ihr Sohn, Interviews mit wichtigen Leuten aus Wirtschaft und Politik führe.

Tägliche Zensur

Greenpeace? Nichtregierungsorganisation? Was ist das? Meine Mutter war nicht die Einzige, die mir diese Fragen stellte. 2005 waren Nichtregierungsorganisationen in China nur wenigen ein Begriff, und noch weniger Menschen kannten Greenpeace. Wenn sie etwas über Nichtregierungsorganisationen wussten, dann dachten sie, das seien alles Freiwillige, die unter der Woche im Büro arbeiteten und am Wochenende beim Strassenaufräumen oder Bäumepflanzen halfen. Falls sie etwas über Greenpeace wussten, war das einzige Bild, das ihnen dazu einfiel, ein kleines Boot im Südpazifik, das einen japanischen Walfänger aufzuhalten versucht. Sie dachten, Greenpeace sei eine westliche Organisation von Verrückten und Radikalen mit langen Haaren, die sich vor Bulldozer stürzen. Die Leute runzelten angesichts dieser «Verlierer» die Stirn, da sie «Unruhe stifteten» und den «ehrbaren Regierungs- und Geschäftsleuten» das Leben schwer machten.

Im heutigen China, wo die meisten Ressourcen von der Regierung kontrolliert werden, ist die Umschreibung «Nichtregierungs-» mehr oder weniger gleichbedeutend mit «Antiregierungs-». Deshalb möchten die meisten Beamten nichts mit Greenpeace zu tun haben. Als Kommunikationsbeauftragter für Ostasien bei Greenpeace bin ich jeden Tag mit Zensur konfrontiert. So wird etwa Zeitungen verboten, über Greenpeace-Projekte zu berichten, und auf Websites wird Greenpeace nie erwähnt, obwohl man auf dem zum Artikel gehörigen Bild sieht, wie meine Kollegen vor einem Kohlekraftwerk ein Transparent hochhalten.

Ein Dollar pro Tag

Wenn ich mit dem Rad zum Greenpeace-Büro in Peking fahre, überlege ich mir, wie man in China mehr Verständnis für meine Arbeit wecken könnte. Wir sind hier, um Chinas Umwelt zu schützen, damit die Chinesen ihre Lebensqualität steigern und kommenden Generationen Boden zum Nahrungsanbau, saubere Luft zum Atmen und sauberes Wasser zum Trinken hinterlassen können.

Die Welt ist beeindruckt vom Wirtschaftswachstum, das China in den vergangenen drei Jahrzehnten erreicht hat. Der Preis dafür ist jedoch eine rasch fortschreitende Umweltzerstörung. Die Verschmutzung wird zu einer Bürde, die das Wirtschaftswachstum bremst und zu sozialen Unruhen führt. Das Wort «Umwelt» gehört in China zum universalen Wortschatz, wobei es eng mit «Geld» assoziiert wird.
Das wichtigste Wort heisst «Wirtschaftswachstum».

Da etwa 10 Prozent der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen, hat die Verbesserung der Lebensqualität in China oberste Priorität. Entsprechende Bemühungen werden anerkannt und geschätzt, doch nun muss China die Mentalität «Entwicklung und Verschmutzung zuerst, Aufräumen danach» aufgeben. Das Land kann es sich weder sozial noch wirtschaftlich leisten, so weiterzumachen. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass das von der Öffentlichkeit wie auch von politischen Entscheidungsträgern gehört und ernst genommen wird. Darum sprechen wir über die Kosten, welche die Umweltzerstörung verursacht, damit unsere Botschaft bei den Wirtschaftsplanern und Think-Tanks auf Resonanz stösst. Statt zu sagen: «Der Abbau und die Verbrennung von Kohle verschmutzen Chinas Luft, Wasser und Böden», sagen wir: «Die volkswirtschaftlichen Kosten, welche Abbau und Verbrennung von Kohle 
verursachen, machen jährlich etwa 7 Prozent von Chinas Bruttoinlandsprodukt aus.»

Protest vor einem Kohlekraftwerk
© Greenpeace / Alan Hindle

China ohne Kohle?

Die Arbeit von Greenpeace in China ist auch global betrachtet von Bedeutung, denn mit jedem Schritt, den China zur Förderung der Wirtschaft unternimmt, werden grosse Mengen an Treibhausgasen freigesetzt, welche Gletscher in der Arktis, Schneeberge in Zentraleuropa und das Wettersystem in Afrika bedrohen. Als weltweit grösster Produzent und Konsument von Kohle produziert China weltweit am meisten Treibhausgase, die für den Klimawandel verantwortlich sind.

Wenn ich meinen Freundinnen und Freunden in Peking und Shanghai erzähle, dass es Teil meiner Arbeit ist, China davon abzubringen, 
so viel Kohle zu verbrennen, denken sie, ich wolle mit Greenpeace den Fortschritt bremsen. 
So fragen sie: «Woher soll China ohne Kohle die Energie für all die Textil- und Elektronikfabriken nehmen, die so viel investiert haben?»

Unter dem Pfirsichbaum

Dann erzähle ich ihnen die Geschichte meiner Heimatprovinz Shanxi in Zentralchina, die von vielen HistorikerInnen für die Wiege der chinesischen Zivilisation gehalten wird. Früher war sie für ArchäologInnen aller Welt eine Fundgrube. Heute sind die meisten, die die Provinz besuchen, Investoren mit Geld. Sie kommen nur wegen der Kohle. In der Provinz Shanxi liegt ein Drittel des Vorkommens in China.

Tom Wang und seine Schwester © Greenpeace

Als ich klein war, nahm mich meine Schwester jeweils mit zum Fluss, um die Wäsche der Familie zu waschen. Mit meinem Grossvater stieg ich an Sommertagen auf einen Berg hinter dem Haus, wo wir seine Freunde besuchten. Am liebsten waren mir die Besuche bei dem, der einen Pfirsichbaum vor dem Haus hatte. Ich sass auf dem Baum und stopfte mir Pfirsiche in den Mund, während mein Grossvater und sein Freund bei einer Tasse Tee plauderten.

Hohle Berge

Mitte der 80er-Jahre begann die Regierung mit dem Bau breiter Strassen. Es kamen Lastwagen, um die Kohle aus den Bergen zu holen. Meine Eltern, ihre Freundinnen und Freunde freuten sich anfangs über die neuen Jobs. Einige meiner Verwandten wurden MinenarbeiterInnen, einige arbeiteten in Kraftwerken und Zementfabriken. Alle waren neidisch auf sie wegen dem vielen Geld, das sie verdienten. Meine Freundinnen und Freunde und ich waren zuerst auch aufgeregt, als wir die grossen Maschinen, die neuen Gesichter und die exotischen Spielzeuge sahen. Aber das dauerte nicht lange. Die Lastwagen brachten die Kohle in andere Teile Chinas und hinterliessen Kohlenstaub sowie stinkenden Smog. Die Kohleminen höhlten die Berge aus, bis Häuser und Tempel darauf einstürzten. Die Kraftwerke verbrauchten so viel Wasser, dass der Fluss nach fünf Jahren austrocknete. Die Zementfabriken hüllten die Stadt ständig in einen Staubschleier.

Umgeben von dickem Smog, bewacht ein Securitas das Olympiastadion "Vogelnest"
© Greenpeace / Natalie Behring-Chisholm

Voller Hoffnung

Als Peking zu den Olympischen Spielen 2008 Besucher empfing, kehrte ich in meine Heimatstadt zurück, um die Veränderungen, welche die letzten 30 Jahre Kohleabbau und -verbrennung verursacht hatten, zu dokumentieren. Ich besuchte den Freund meines Grossvaters. Er gehörte zum Dutzend alter Leute, die noch 
im Dorf lebten. Die andern waren weggezogen, weil alle Häuser Risse hatten und jederzeit einstürzen konnten. Er nahm mich mit zum Pfirsichbaum und sagte: «An diesem Baum wachsen keine Pfirsiche mehr. Jeden Frühling bedeckt der Staub vom Kraftwerk die Blüten. Keine Früchte mehr.»

Als ich ihm erzählte, dass ich für Greenpeace, eine Umweltschutzorganisation, arbeite, 
lächelte er und meinte: «Das ist eine gute Arbeit, die ein gutes Karma verspricht. Wovon sollen denn die Kinder von morgen leben, wenn es so weitergeht? Wir müssen ihnen doch etwas hinterlassen.»
Ich höre diese Stimme jeden Morgen, wenn ich ins Büro komme. Ich erzähle diese Geschichte Highschool-StudentInnen in Peking, und wenn ich Tränen in ihren Augen sehe, erfüllt mich die Hoffnung, dass sie klüger als ihre Eltern sein und verantwortungsvoller mit unserem Planeten umgehen werden.
Sie werden ihren Eltern sagen, dass sie Strom sparen oder öffentliche Verkehrsmittel öfter benutzen sollen. Sie werden erwachsen werden und als IngenieurInnen für ein Windkraftwerk arbeiten. Sie werden ins Ausland gehen und Investoren aus den USA und Europa sagen, sie sollen in saubere Industrien investieren. 
Sie werden ihren Kindern Namen wie «Hoffnung» und «Wind» sowie schöne Träume geben, die wahr werden, wenn wir zusammenarbeiten.

Blogs und Tipps

Hunderttausende von Menschen in China möchten unsere Newsletter erhalten, noch mehr möchten direkt mit Greenpeace sprechen und helfen, unsere Berichte im Internet zu verbreiten und einem grösseren Publikum zugänglich zu machen. Meine Eltern gehören zu ihnen. Sie lesen meine Blogs und schicken mir Tipps, wie man mit dem chinesischen Volk spricht.

Greenpeace Ostasien unterstützt Highschool-StudentInnen, die JournalistInnen werden möchten, damit sie von ihren Beobachtungen und Sorgen betreffend die Umwelt sowie von ihren Plänen für eine sauberere Zukunft berichten können.

«Schmutzige Wäsche»

Die Vision, die Greenpeace von unserem Planeten hat, ist ähnlich wie das, was einer der berühmtesten Philosophen Chinas, Lao Tzu, vor 2500 Jahren dargelegt hat. Als ich ihn 2005 zitierte, um meiner Mutter zu erklären, was Greenpeace tut, verstand sie mich sofort. Es ist ganz einfach: «Wir müssen harmonisch mit der Natur zusammenleben; denn die Natur darf nicht ausgebeutet oder missbraucht werden, wir sollten mit ihr befreundet sein, statt sie zu erobern.»

Greenpeace hat im Juli den Bericht «Schmutzige Wäsche» veröffentlicht. Eigene Analysen zeigen, wie Zulieferer der Sport- und Trendbekleidungs-industrie in China die Flüsse verschmutzen. 
Das hat schlimme Folgen für die Umwelt und für die Bevölkerung, die das belastete Wasser 
aus den Flüssen trinken und im Haushalt verwenden muss. Greenpeace fordert von den Sportartikel-Herstellern, dass die Wasserverschmutzung im Süden gestoppt wird.

Aus: Greenpeace Magazin 03/2011

 

Trommeln gegen den Klimawandel - Während der Klimakonferenz in Kopenhagen, trommeln Aktivisten auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking.

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