Das neue Eldorado?

Aus: Greenpeace Magazin 03/2011

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Story - 7. Oktober, 2011
Zehn Milliarden Franken. So viel wirft der Schweizer Energiemarkt an Gewinnen, Zinsen und Steuern ab. Eine Goldmine, ein Eldorado? Steht uns ein Goldrausch im Bereich erneuerbare Energien bevor? Nur keine Euphorie, mahnt im Interview Matthias Fawer, einer der führenden Investment-Analysten in diesem Bereich. Kurzfristig liegen keine spektakulären Börsengewinne drin. Aber die Branche ist reifer geworden und erfreut sich langfristig bester Aussichten. Kein Wunder, denken KMU, Handwerker und Bauern immer grüner und nehmen Distanz zu economiesuisse & Co. Die Schweiz muss sich aber ranhalten, wenn sie in jenen Bereichen, wo sie noch gute Chancen hat, in den nächsten Jahrzehnten erfolgreich sein will.

Interview mit Matthias Fawer, Direktor Sarasin Sustainable Investment

Thermische Empfänger in der Schott Fabrik in Sanlucar La Mayor. Schott Solar ist eine der Welten Hauptlieferanten eines Schlüsselbestandteils für thermische Solartechnologie.
© Markel Redondo / Greenpeace

Greenpeace: Was hat sich auf dem Markt für nachhaltige Investitionen seit Fukushima verändert?

Matthias Fawer: Es gab einen kurzfristigen Hype an der Börse. Die Titel für erneuerbare Energien wurden unmittelbar nach dem 11. März enorm hoch gehandelt, um 5, 10, 20 Prozent mehr. Aber schon gegen Ende April musste man ernüchtert feststellen, dass die meisten unter dem Wert lagen, den sie vor Fukushima hatten.

Erstaunlich. Wie das?

Meines Erachtens haben sich zwei Stossrichtungen gegenseitig aufgehoben: einerseits die Euphorie, ausgelöst durch Fukushima, andererseits die Realität, an der sich wenig geändert hat. Die Erneuerbaren sind noch von Einspeisevergütungen und Förderprogrammen, also von der Politik, abhängig. Sie werden aber zunehmend kostengünstig und wettbewerbsfähig. Aus der Sicht der Investoren kommen die Gewinnmargen unter Druck. Die Börse sieht vor allem diesen negativen Aspekt. Zudem bestehen Überkapazitäten in der gesamten Wertschöpfungskette bei der Photovoltaik, aber auch bei den Windturbinen. Auch das drückt auf den Preis und auf die Marge.

Warum gibt es diese Überkapazitäten?

Die Erwartungshaltung war riesig. Der Markt boomt. In der Photovoltaik sind letztes Jahr die Installationen um über 150 Prozent gewachsen. Da liegt enormes Wachstumspotenzial. Aber die Industrie ist eben noch stark abhängig vom Fördersystem. Deutschland und weitere Länder haben die Einspeisevergütungen drastisch gesenkt. Gleichzeitig haben die Firmen investiert, speziell die Chinesen, die sehr schnell ins Geschehen eingegriffen haben.

Kurzfristig lassen sich also gar keine grossen Gewinne machen?

Das ist so. Eine neue Produktionslinie kostet Millionen. Es dauert 12 bis 18 Monate, bis sie installiert ist. Der Trend ist klar ein langfristiger. Momentan sind da einfach noch zu viele Firmen unterwegs. In ertragreichen Zeiten haben sich viele Akteure in dieses Geschäft bewegt. Heute sprechen wir aus Investorensicht von einer Phase der Konsolidierung.

Die Firma Win Pro Energy lässt Enercon Windkraftanlage E 70 4 errichten mit 2,3 MW Leistung, Blattlaenge 34 Meter. Techniker auf Montage schwindelfrei, abgesichert auf Nabenhöhe 98 Meter bei Arbeit am Maschinenhaus.
© Paul Langrock/Zenit/Greenpeace

Abgesehen von Veränderungen wegen Fukushima – wie sehen die Anlagechancen langfristig aus?

Wie für den ganzen Bereich Erneuerbare sehr zuversichtlich. Die globalen Treiber, die für erneuerbare Energien sprechen und bei denen die Länder sowieso etwas machen müssen, wirken immer deutlicher: Klimawandel, schwindende fossile Ressourcen, steigender Ölpreis, alternder konventioneller Kraftwerkspark. Letzteres hat sich durch Fukushima klar manifestiert.

In der Schweiz ist das Durchschnittsalter von AKWs am höchsten, nicht wahr?

Richtig, es liegt bei über 35 Jahren und in den westlichen Ländern bei über 25 Jahren. Nach Tschernobyl ist nichts mehr gebaut worden. Diese Kernkraftwerke sind richtige Goldesel. Sie sind von den Stromversorgern buchhalterisch schon lange abgeschrieben. Ihr Strom ist günstig. Ob das bei einem neuen Kernkraftwerk so sein wird, ist unklar. Im Gegensatz zu den Erneuerbaren, die zunehmend günstig werden, beobachten wir bei der Kernenergie eine so genannte negative Lernkurve. Wenn eine Technologie reifer wird, wird sie eigentlich auch billiger. Aber bei der Kernenergie – sogar eine französische Studie hat das gezeigt – bewirken neue Erkenntnisse und höhere Sicherheitsauflagen, dass sie teurer wird.

Gibt es einen Investitionsmarkt für kleinere Unternehmen, Start-ups, KMU, die sich jetzt im Bereich erneuerbare Energien mit neuen Konzepten oder Technologien profilieren und innovative Produkte anbieten? Können die sich auf dem privaten Markt mit Investitionen versorgen?

Das ist der sehr spannende Bereich von Private Equity oder nicht kotierten Unternehmen. Wir kriegen wöchentlich Geschäftspläne, Anfragen, bei denen uns interessante Unternehmen ihre Ideen und Geschäftsentwicklungen präsentieren.

Gibt es den idealistischen Anleger?

Ja. Im Bereich Privatkunden sagen sich immer mehr Leute: «Da möchte ich etwas Gutes tun. Ich unterstütze Unternehmen, die tolle, nachhaltige Ideen haben, besonders im Bereich erneuerbare Energien.» Da spielt es keine Rolle, ob das Investment in fünf oder erst in zehn Jahren Erfolg hat.

Und doch lässt sich damit Geld verdienen.

Erneuerbare Energien haben als Thema langfristig Bestand. Wenn das mit dem eigenen zeitlichen Investitionshorizont übereinstimmt, kann man entsprechende Investitionen sicherlich gut vertreten.

Wachstum der weltweiten Stromproduktionskapazitäten in Millionen Tonnen.
QUELLE: U.S. EIA, International Energy Outlook 2010, Bank Sarasin

Lockt hier nicht ein neues Eldorado mit extremen Wachstumsprognosen?

Ich wehre mich gegen Euphorien oder Blasen. Wir haben das bei den Erneuerbaren teilweise 2006/07 erlebt. Da sind diese Titel explodiert. Das gab damals eine Überhitzung, in der an der Börse enorme Renditen erzielt wurden. Und dann kam ein kleiner Crash, bei dem die Bewertungen auf ein normales Mass korrigiert wurden. Die Branche ist mittlerweile reifer geworden, dadurch sind auch die Gewinnerwartungen realistischer.

Noch mal zur Schweiz: Der Bundesrat hat den Atomausstieg beschlossen. Der Nationalrat hat nachgezogen. Ist die Schweiz für Investitionen in Erneuerbare plötzlich ein Thema?

Was die Forschung und Entwicklung betrifft, sind wir schon lange dabei, mit der ETH Lausanne, der EMPA und der Uni Neuchâtel. Ein bekanntes börsenkotiertes Unternehmen ist Meyer Burger, das Schneidemaschinen für Siliziumblöcke herstellt. Was die Solarmoduloder Zellproduktion in der Schweiz betrifft, denke ich, ist der Zug abgefahren.

Was müsste die Politik machen, um bessere Voraussetzungen für diese nachhaltige Industrie in der Schweiz zu schaffen?

Ich sehe hier vor allem Investitionen am Ende der Wertschöpfungskette, d.h., es müssten tatsächlich mehr Solaranlagen auf die Dächer montiert werden. Durch heimische Solarinstallateure und Solarprojektierer. Sie brauchen stabile politische Rahmenbedingungen. Das hat einen direkten Zusammenhang mit der Kostendeckenden Einspeisevergütung, der KEV. Da herrscht ein Ungleichgewicht zwischen Nachfrage und finanziellen Mitteln aus der KEV. Wenn dieser Deckel gehoben würde, könnte sich ein heimischer Endmarkt für erneuerbare Energien etablieren. Es gäbe Arbeitsplätze in einer Branche vor Ort, für Gewerbler, Solarinstallateure und Projektierer, die diese Solaranlagen auf unsere Dächer bauen – mit dem zusätzlichen Vorteil, dass wir dann auch lokal Strom produzieren würden.

Wird die Netzparität zwischen Atomstrom und erneuerbaren Energien irgendwann Tatsache sein?

Beim Strom aus Windturbinen an Land ist sie schon nahezu erreicht. Der Vergleich mit Strom aus Gaskraftwerken kann durchaus schon positiv sein. Bei der Photovoltaik zählt zuerst die Netzparität aus Endkundensicht. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Produktion von Strom mit meiner Solaranlage gleich günstig ist wie der Bezug von Strom ab Netz. Wir sind da nah dran: Wenn die Preise bei den Solarmodulen in zwei, drei Jahren weiter sinken, lohnt es sich für einen Endkunden, den Strom selber zu produzieren.

Greenpeace plädiert für eine dezentrale Energieversorgung. Haben zum Beispiel Firmen, die Dachflächen mieten und darauf gebündelt Solarstrom produzieren, eine Chance auf dem Investitionsmarkt?

Das hängt erneut von den politischen Rahmenbedingungen ab. Der Investor will seine Anlage durchrechnen können: Er braucht hierzu noch die Verlässlichkeit einer Einspeisevergütung. Wenn das Umfeld stabil ist, investiert er. Ich denke, wir kommen in den nächsten zwei, drei Jahren um die Einspeisevergütungen nicht herum. Damit können die Kosten der Erneuerbaren weiter gesenkt werden, und schon bald sind wir so weit, dass wir einen Selbstläufer haben.

Jugendsolar installiert zusammen mit der Firma Solvatec eine rund 700m2 grosse Photovoltaikanlage auf einem Freilaufstall in Seewen SO.
© Greenpeace / Nicolas Fojtu

Wie sehen die Szenarien aus, wenn man auf 20, 30 Jahre hinaus rechnet?

Ich denke, da kommen interessante Investitionsmöglichkeiten an den Tag in den Bereichen intelligentes Netz, intelligente Strommessung und Stromübertragung.

Keine Blase, kein Goldrausch, eher eine Ernüchterung: Kann es sein, dass Fukushima den Investitionsmarkt für erneuerbare Energien aus dem Spekulativen in die Realität geholt hat?

Die Realität bedeutet: Die Erneuerbaren sind Wirklichkeit. Sie produzieren für uns einen wachsenden Teil an Energie. Auch die Firmen selbst stellen reale Produkte her. Daneben haben wir auch noch die Börsensicht, und die ist von den realistischer gewordenen Gewinnen geprägt. Die Wachstumsraten von Wind- und Solarenergie über die letzten zehn Jahre waren fantastisch. Wenn alles aber gleichzeitig günstiger wird, ist die Börsensicht nicht dieselbe. Um jedes Jahr den gleichen Umsatz zu generieren, muss ein Unternehmen jährlich fast doppelt so viele Module verkaufen.

Ist auch die Konkurrenz schärfer geworden? Viele neue Akteure mit neuen Ideen?

Das ist so. Der Konkurrenzkampf an der Preisfront ist riesig. Es gibt Firmen, die sich mit Premium-Produkten abzuheben versuchen. Wie das Megaslate-Modul von 3S, ein Solarmodul, das gleichzeitig Dachhaut ist. An der Schweizer Photovoltaik-Tagung in Fribourg im Frühling sprach jemand vom Dachdeckerverband. Ein toller, innovativer Typ. Er sagte: «Mein Grossvater ist von der Holzschindel zum Ziegel gekommen. Und ich will jetzt, dass nicht mehr Ziegel, sondern Solarmodule direkt vom Dachdecker montiert werden.»

Kein Wunder, stecken die Gewerbeverbände in einem Dilemma. Einerseits stehen sie politisch sehr rechts; andererseits spüren sie plötzlich diese neuen Perspektiven. Auch die Bauern mit ihren enormen Dachflächen erhoffen sich zusätzliche Einnahmequellen. Was geschieht an dieser Front in den nächsten Jahren?

Die wird aufbrechen. Mit energetischen Gebäudeerneuerungen, aber auch mit dem intelligenten Netz werden die kleinen Unternehmen enorm profitieren können. Wer von ihnen kann schon von einem AKW profitieren?

Das Interview wurde am 23.6.2011 geführt.
Aufgezeichnet von Matthias Wyssmann

Matthias Fawer…

…1963, ist seit Sommer 2000 Sustainability Analyst bei der Bank Sarasin. Seit seinem Eintritt ist er für den Energiebereich (Energieversorger und erneuerbare Energien) zuständig. Im Bereich erneuerbare Energien ist er neben Unternehmensbewertungen auch für die Markt- und Technologiebeobachtung und -bewertung zuständig, die unter anderem in die jährlich erscheinende Solarstudie der Bank Sarasin einfliessen.

Aus: Greenpeace Magazin 03/2011

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