Drei Schiffe

Drei Welten: Teil 3

Story - 10. August, 2010
Ein eisiger Nordwind weht über die Ostsee. Eine Seemeile vor der Küste, südlich von Kopenhagen, liegt die «Beluga II». Sie hat ihren Anker direkt in der Anflugschneise des Flughafens geworfen. Am hinteren Mast, von Seeleuten «Besan» genannt, flattert ein gigantisches Banner mit dem Aufruf: «STOP CLIMATE CHANGE HERE». Die Aktion basiert auf der Hoffnung, dass die zur Klimakonferenz einfliegenden Politiker beim Anflug aus den Fenstern gucken. Reisende tun dies immer, denn ein Blick nach unten gibt Hinweise, wie es am Zielort aussieht und wie das Wetter dort ist.

Norderney, 30.07.2010 - Greenpeace Schiff Beluga II in der Nordsee vor Norderney Greenpeace ship Beluga II in the North Sea off Norderney. © Bente Stachowske/Greenpeace

Autor: Thomas Jucker

Die «Beluga II»: Das Meerschiff, das auch mal Berlin besucht

Die Crew der «Beluga» hat heute Glück: Der Wind weht ablandig und die Strecke zwischen dem Strand und dem Bug des Schiffes ist kurz, weshalb die Wellen keine Zeit haben, sich richtig aufzubauen. Jedenfalls ist auf dem schweren, 33 Meter langen Stahlschiff von ihnen nichts zu spüren. Ganz anders fühlt sich das auf dem Schlauchboot an, mit dem Katrin Ganswindt und Timo Werner den Besucher im fünf Seemeilen entfernten Hafen Brondby abgeholt haben. Das mit zwei 90 PS starken Aussenbordmotoren bestückte Boot macht ein paar wilde Hüpfer, und die 28-jährige Steuerfrau muss mehrfach die Gashebel ruckartig zurücknehmen, damit das Schiff nicht abhebt. Auch wenn die Situation völlig harmlos ist, gibt sie eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen mag, wenn Greenpeace-Aktivisten in meterhohen, eisigen Wellen sich zwischen die japanischen Wahlfänger und die Meeressäuger manövrieren, in der Hoffnung, dass der Mann an der Harpune nicht abdrücken wird.

Hasserfüllte Walfänger gibt es vor Kopenhagen keine, nur ein dänisches Kriegsschiff liegt etwas weiter draussen und bewacht den Anflug der Spitzenpolitiker. Die Küstenwache hat sich darum längst beim Kapitän der «Beluga» über deren Pläne informiert, und auch die Fahrten des Schlauchbootes müssen angemeldet werden.

Die «Beluga» ist schneebedeckt, und die Decksausrüstung vereist. Doch in der modernen, hellen Messe, in der sich auch der Kartentisch und die Navigationsinstrumente befinden, ist es gemütlich. Die Kaffeetassen werden nachgefüllt und es gibt selbst gebackenen Kuchen. Die Stimmung ist fröhlich. Ernst schaut nur Ilse Vormann aus ihrem Bilderrahmen, der über dem Niedergang zum Laderaum hängt. Sie hatte einen Teil ihres Vermögens Greenpeace vermacht und damit den Bau des Schiffes ermöglicht. Damit ist die «Beluga II» das erste Schiff, das speziell für Greenpeace entworfen und gebaut wurde. Alle bisherigen Schiffe waren ältere Konstruktionen, die den Bedürfnissen der Organisation angepasst und dafür mehr oder weniger stark umgebaut wurden.

Auf den ersten Blick wirkt das in Mecklenburg gebaute und 2003 in Dienst gestellte Schiff ziemlich altmodisch. Seine Linien sind am erprobten holländischen Schiffstyp, der Klipperaak angelehnt, einem traditionellen Segler mit dem schon vor hundert Jahren Fracht transportiert wurde.  Bei näherer Betrachtung zeigt das traditionelle Design aber viele Details, die das Schiff für Greenpeace-Einsätze besonders tauglich machen. So hat die «Beluga» dank ihrer aufholbaren Seitenschwerter nur einen Tiefgang von 1.6 Metern, wodurch sie auch im flachen Wattenmeer einsetzbar ist. Und sie kann, dank ihres völlig flachen Rumpfes, auf Sandbänken trocken fallen, ohne dass sie Schaden nimmt. Zudem hat das Schiff 22 Tonnen Wasserballast in mehreren riesigen Tanks, die beim Segeln für das aufrichtende Moment  sorgen, die für Fahrten auf Flüssen aber leer gepumpft werden können, womit sich der Tiefgang des Schiffes sogar auf 1.2 Metern verringert. Und schliesslich lassen sich die beiden Masten aufs Deck klappen, wodurch auch Passagen unter Brücken, die sich nicht öffnen lassen, kein Problem sind.

Uwe Linke ist seit zwei Jahren Kapitän der «Beluga». Der 44-jährige Deutsche kennt das Schiff aber schon seit Jahren, denn er war schon als  Bootsmann, noch bevor er die Seefahrtsschule absolvierte, Mitglied der Crew.

Darum auch an ihn die Frage: Was war die bisher härteste Reise auf diesem Schiff?

«Die erste Fahrt als Kapitän».

Warum?

«Weil der Anfang eben schwierig ist.»

Und was war die beste Reise?

«Wahrscheinlich die Nächste»,  - und Linke grinst verschmitzt.

Hat Dir das Schiff je einen Gefallen getan?

«Es tut mir immer einen Gefallen, wenn es segelt - eben weil es segeln kann.»

Die «Beluga» ist das Binnenschiff der Greenpeace-Flotte. Sein Aktionsgebiet ist auf Flüsse und Kanäle sowie auf die Nord- und Ostsee beschränkt. «Wir haben einen Erlaubnisbereich der hoch bis Skagen und nach Westen bis Brest reicht», präzisiert der Kapitän. Die Einsatzmöglichkeiten des Zweimasters sind vielfältig, nicht zuletzt weil das Segelschiff über einen Laderaum verfügt, der einen kleinen Container aufnehmen kann. So wird die «Beluga» für wissenschaftliche Untersuchungen oder Protest-Aktionen eingesetzt, für Hafenblockaden wie auch für PR-Veranstaltungen, so genannte «Open Ship». Das Interesse bei solchen «Tagen der offenen Tür» ist enorm. «Auf Norderney hatten wir an einem einzigen Tag 1200 Besucher», erzählt Linke, «da hat man abends kaum Mehr Farbe auf dem Deck.» Und Birte Lohmann erinnert sich schmunzelnd: «beim Open-Ship-Tag in Berlin war ich der einzige Seemann an Bord. Die Leute haben mich richtig belagert: ich glaube, sie wollten einfach mal eine Greenpeace-Crew anfassen.»

Birte ist das zweite vollamtliche Crewmitglied der «Beluga». Alle weiteren Positionen an Bord werden mit Freiwilligen besetzt. «Zu zweit können wir nur die absoluten Basis-Segel hissen, also das Grosssegel und die Baumfock», erzählt Birte. Die beiden Berufsseeleute fahren darum nur kurze Strecken in der Minimalbesetzung. Dauert die Fahrt länger als zehn Stunden wird die Crew auf mindestens vier Mitglieder erhöht. Sehr oft sind darum fünf oder mehr Leute an Bord, was vom Raumangebot her keine Probleme bietet: Das Schiff verfügt über zwölf Kojenplätze.

Zum Abschluss des Besuchs offeriert Birte eine Führung über das vereiste Deck. Geduldig erklärt die  39-Jährige - die 13 Jahre lang Buchhalterin war, bevor sie zur Seefahrt wechselte -  die hydraulischen Winden und die Aufgaben der massiven Drahtseile, mit denen die Segel gesetzt und die Schwerter bedient werden. Im Gegensatz zu den anderen Schiffen der Greenpeace-Flotte weist die «Beluga» durchaus Züge einer Segelyacht auf. In den Details unterscheidet sie sich aber stark von ihren meist viel kleineren Verwandten: Die Systeme an Bord der «Beluga II» sind alle unglaublich massiv und schwer. Und bedingt durch die Grösse der Segel und das Gewicht der Beschläge brauchen die Seeleute auf diesem Schiff auch einiges an Muskelkraft. Dass auch die freundlich lächelnde, eher sanft wirkende Birte, hart zupacken kann, sieht man schon an der Art wie die 1.86 m grosse Frau über das vereiste Deck zum Bug geht – und nebenbei eine etwas unordentlich liegende, hartgefrorene Trosse in Form drückt.

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