Das ist doch mein Leben!

Aus: Greenpeace Member 02/2011

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Story - 28. Juli, 2011
Er ist ein «Textiler» der alten Schule. Ein «Patron», dessen Sohn in der eigenen Firma arbeitet. Doch 1990, nach Jahrzehnten in der konventionellen Textilindustrie, nach einer Kindheit als Sohn eines Textilhändler in Ägypten und im Sudan, begann der Unternehmer Patrick Hohmann etwas, wofür er damals ausgelacht wurde. Hohmann wurde grün. Sehr sogar. Seit 2005 produziert sein Betrieb nur noch Bioware. Ein hartes Geschäft, voller Tücken, Betrüger, Preisschwankungen. Doch Hohmann liebt das Ringen. Man müsse Werte haben in diesem Geschäft, sagt der Firmengründer, der mittlerweile an Partizipation glaubt und eine ganz eigene Unternehmensethik entwickelt hat.

Von Hannes Grassegger

Patrick Hohmann mit indischen Feldarbeitern: «Der Bioanbau bedeutet ungeheures Ringen. Das Vorspielen von Einfachheit — das macht die Gentechnik».
© Florian Jaenicke / www.greenpeace-magazin.de

Greenpeace: Sie verrieten mir kürzlich bei einer Besichtigung Ihrer Biobaumwollfelder in Indien, dass sich der Anbau finanziell kaum mehr lohne. Doch Sie hätten ein Versprechen gegeben, spürten Verantwortung. Wurde aus dem Geschäftsmann ein Visionär?

Patrick Hohmann: Auch als reiner Geschäftsmann war ich Visionär. Ich wollte viel verdienen, Karriere machen. Aber wie das Leben so spielt: Man begegnet Menschen, hat Familie, Kinder. Mit fortlaufendem Alter gehen die Augen immer weiter auf. Mit 40 Jahren dachte ich: Diese Wirtschaftsform, die ich bisher erlebt habe, ist doch einfach Unfug. Ich sah, wie die Textilindustrie sich änderte. Da wollte ich einen Serviceanbieter gründen, der allen nützt.

Wie viele Menschen arbeiten im Produktionsnetzwerk, das Remei betreut?
Es sind 54 Betriebe, die wir koordinieren, und damit etwa achtzig- bis hunderttausend Menschen.

Ursprünglich war Remei ein konventioneller Betrieb. Wie kamen Sie auf Bio?
Da lag eine Werbung des WWF auf meinem Tisch, in der für handgepflückte Baumwolle geworben wurde. Etwa 1990. Das suggerierte, handgepflückt sei etwas Gutes. Was auch stimmte, weil nicht durch Entlaubungsmittel geerntet wurde. Ich sagte mir aber: Wenn schon, dann richtig!
Eigentlich war das Pflücken von Hand nur in Amerika etwas Besonderes. Siebzig Prozent der Baumwolle wurden ja handgepflückt. Ich ging etwas später zu meinen Spinnereien in Indien und fragte meine Zulieferer, woher denn eigentlich ihre Baumwolle komme. «Von weit her.» Da fragte ich: «Warum nicht von hier, vor der Haustür? Warum nehmen wir nicht Bio?» Ich wurde erst einmal ausgelacht. Damals gab es noch keine Bio-Bewegung. Neun Monate später stellte ich die gleiche Frage dem Spinner der Maikaal-Spinnerei. Und der sagte: «Lass uns das machen.»

Hinter Remei stehen Sie. Sie sagten einmal, Sie seien ein Patron. Ihr Unternehmen scheint kein revolutionäres Modell zu sein.
Fast alle Mitarbeiter sind beteiligt (hält ein Aktionärsregister hoch). Ein Unternehmen mit Namenaktien! Habe ich wirklich Patron gesagt? Nun, ich führe relativ breit, versuche, ein guter Patron zu sein, und frage meine Mitarbeiter.
Ich koordiniere ein Führungsteam mit sechs Leuten. Mit mir und meinem Sohn sind nur zwei Männer in der Führungsetage.

Ein guter Patron? Was sind denn Ihre unternehmerischen Werte?
Ich möchte Qualität und Preisgerechtigkeit. Qualität heisst, wirklich das Beste aus dem Produkt herauszuholen. Preisgerechtigkeit heisst, so zu arbeiten, dass jeder, der am Geschäft beteiligt ist, sich auch damit entwickeln kann und seinen Teil kriegt. Nicht einer sehr viel und der andere sehr wenig.
Wenn man wie ich mit Tausenden Partnern zusammenarbeitet, kann man das nicht eins zu eins lösen, sondern muss Regeln aufstellen. Darin liegt die Schwierigkeit: Regeln so aufzustellen, die Mitarbeiter so zu sensibilisieren, dass sie diese Regeln anwenden wollen. Das ist der Schlüssel. Dass ich eine Unternehmung schaffen möchte, in der diese Regeln lebendig, in Bewegung bleiben. Wir überlegen uns bei Zahlen in den Bilanzen: Wie wirkt sich unser Handeln auf die Bauern aus?

Sie denken für andere mit?
Ja! Für Farmer und für Endkunden.

Sie sagen, Ihre heutige Unternehmensethik besteht darin, für Zulieferer wie Abnehmer so nützlich zu werden, dass Remei einen Wert darstellt und nicht nur Kosten.

Ich glaube nicht, dass Ethik und Wirtschaft sich widersprechen. Die unethische Wirtschaft läuft aus dem Ruder. Die ethische Wirtschaft balanciert aus. Zu ethisch ist nicht wirtschaftlich. Zu unethisch ist nur noch wirtschaftlich. Die Balance, die man zwischen Angebot und Nachfrage schaffen muss, ist etwas Verbindendes, Wertschaffendes. Daraus soll der Ertrag unserer Firma kommen. Der Nutzen unseres Unternehmens für die Kunden besteht darin, dass die Partner etwas mitnehmen können.

Sie experimentieren mit biodynamischen Methoden. Was bedeutet Ihnen Anthroposophismus?
Im Anthroposophismus fand ich Gedanken, die eine überkulturelle Zusammenarbeit ermöglichen. Etwa, dass jeder frei ist, seiner Denkwelt zu folgen. Und jeder ist dem Anderen zugewandt, es hat keinen Sinn, Wirtschaft nur für sich zu machen, sondern es ist immer auch für den Anderen. Drittens: Vor dem Gesetz ist jeder gleich, es gibt Regeln, die für alle gelten. Hält man sich daran, kann man weltweit wirtschaften, ohne zu unterdrücken oder Regeln aufzuzwängen. Wir bieten Biodynamisch als Option, zwingen das aber den Bauern nicht auf.

2009 begann eine Krise in der Biocotton-Branche. Zu allem Unglück traf Sie auch noch ein schwerer gesundheitlicher Rückschlag. Wie fanden Sie die Kraft, wieder
in die Firma zurückzukehren?
Das ist doch mein Leben! Ich kann es mir nicht vorstellen ohne dieses Ringen um Bio oder eigentlich noch um viel mehr: um eine soziale Wirtschaft. Ich will das hinkriegen, wirtschaftlich und nachhaltig zu arbeiten. Ich möchte, auch wenn das nicht immer möglich scheint, dass die Menschen, die mit mir zusammengearbeitet haben, einen Vorteil aus dieser Zusammenarbeit ziehen können. Ich habe gesehen, das ist noch nicht fertig. Das muss auf viel breitere Schultern, auf viel mehr Menschen, nicht einfach auf einen Patron gestellt werden. Diese Ideen des partizipativen Zusammenarbeitens, das müssen wir wirklich noch weitertragen, das muss Formen finden über eine lange Kette, so dass der Bauer bis zum Retailer durchkommt. Das alte, horizontale Wettbewerbsmodell Weber gegen Weber ist tot.

Wie wichtig ist es, an seinen Werten festzuhalten, wenn man in der Biobranche arbeitet?
Ich glaube, Werte sind eminent wichtig.

Wenn es um Werte, um Glauben geht, wie kann dann Kritik an Bio – etwa aus den Medien – eine produktive Rolle einnehmen?
Ich bin kein Besserwisser. Und ich habe manchmal Mühe mit Kritik. Aber ich nehme das auf und denke immer: Es könnte etwas dran sein. Kritik wird bei uns hoch angesehen. Wir versuchen, sie für unsere Performance zu nutzen. So war das auch, als 2010 Berichte über gentechbelastete Bioware erschienen. Darauf haben wir unser Kontrollsystem noch mal verschärft. Und wir haben festgestellt: Wir müssen noch viel besser werden, um Gentech die Stirn bieten zu können.

Sie haben in Ihrem Jahresbericht bereits 2009 auf schwere Unregelmässigkeiten hingewiesen. So ehrlich wie bei Hohmann war Bio vordem nie. Was hat es Ihnen gebracht?
Es ist mir wurscht, was die anderen dazu sagen. Wer die Wahrheit sagt, muss sich nachher nicht daran erinnern, was er gesagt hat. Der Bioanbau ist keine einfache Sache. Er bedeutet ungeheures Ringen. Das Vorspielen von Einfachheit, das macht die Gentechnik. Das ist nicht lebendig. Wenn man lebendig arbeitet, hat man Widerstände. Wenn man will, dass der Andere teilnehmen kann, muss man ihm die Wahrheit erzählen.

Nun hat Remei – vielleicht aufgrund ihrer aufwendigen Gentechkontrollen – Tausende Farmer verloren. Nehmen Sie die Gentechnik vielleicht zu ernst?
Die Gentechnik kann man gar nicht zu ernst nehmen. Sie ist empirisch gedachter Anbau. Zuerst kam die grüne Revolution, dann gab es zu viele Unkräuter. Man vernichtete sie und damit starben die nützlichen Insekten aus. Also musste man die Pflanzen spritzen. Dann haben sich die Schädlinge unter den Blättern verteilt. Dann musste man die ganze Pflanze vergiften. Gentech: Es gibt keine Ruhe in diesem System. Auch sozial nicht: Erst haben sich die Bauern mit uns entschuldet. Dann kehrten sie zur Gentechnik zurück – und haben wieder Schulden. Wir müssen die Balance finden. Das geht nicht, indem man ganze Flächen vergiftet. Wir müssen anders denken! Bioanbau setzt Kräfte ins richtige Verhältnis zueinander. Ich bin zu alt, um noch an die Gentechnik glauben zu können. Ich sehe zu viele Widersprüchlichkeiten darin.

Sie haben geringere Profite durch den Mehraufwand, den Sie für die ethischen Praktiken in Kauf nehmen.

Es geht uns gut, vor allem wenn ich mich mit anderen Textilunternehmen vergleiche. Wir sind in sehr schwarzen Zahlen. Doch es geht nicht nur um Profit. Profit ist nur eine Notwendigkeit. Wir müssen gut verdienen, um sozial zu sein. Wir wollen gut verdienen und haben da unsere Ziele, aber wir wollen mehr.

Mit Patrick Hohmann, Gründer des Biotextilpioniers Remei, sprach Hannes Grassegger.

Der Textilhersteller Remei aus Rotkreuz nahe Luzern ist ein klingender Name in der Biotextilwelt. Rund 7000 Farmer in Indien und Tansania produzieren Baumwolle im Auftrag von Remei, der sich als Netzwerkmanager versteht. Durch ein vielstufiges Produktionssystem gelangen Remei-Kleider schliesslich in die Regale von Monoprix, Coop und Mammut. Auch Greenpeace setzt auf Remei.

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