Denn sie wissen nicht, was sie glauben sollen

Story - 23. November, 2012
Im Oktober war Florian Kasser gemeinsam mit einer Greenpeace-Expertengruppe für Strahlenschutz im Distrikt Fukushima unterwegs, um unabhängige Messungen vorzunehmen. Das Fazit des Schweizer Atomexperten: Die japanische Regierung informiert nach wie vor schlecht über das Strahlenrisiko und setzt bei der Dekontaminierung die falschen Akzente. Die Bevölkerung ist verunsichert. Aber die Katastrophe hat auch neue Formen des Engagements hervor gebracht.

Fukushima City. Ein Auto fährt vor. Eine Familie mit vier Kindern steigt aus. Gleich neben dem Auto, in der Nähe einer Wasserrinne, beginnen die Kinder zu spielen. Genau da, wo Mitglieder des Strahlenschutz-Teams kurz zuvor massiv erhöhte Werte gemessen haben. Noch Wochen später, zurück bei Greenpeace Schweiz, ist Florian Kasser schockiert von dieser Szene, die sinnbildlich steht für die Situation in den durch die Atomkatastrophe von Fukushima betroffenen Gebieten. „Die Menschen wissen zu wenig über die tatsächliche Strahlenbelastung und kennen die elementarsten Verhaltensregeln nicht, um sich zu schützen“, empört sich der Atom-Experte. „Mit dem Wasser werden radioaktive Partikel transportiert, die sich dort sammeln, wo das Wasser abfliesst. Kein Ort für Kinderspiele!“

Freitag, 23. November 2012 Strahlenmessung am Spielplatz.

© Greenpeace

 

Im Oktober war Florian Kasser mit der internationalen Strahlenschutz-Gruppe von Greenpeace in Fukushima City und weiteren radioaktiv belasteten und teilweise evakuierten Gebieten unterwegs. Ihre Mission: Radioaktivitätsmessungen vornehmen und Orte identifizieren, wo die Verstrahlung besonders gross ist – so genannte Hot Spots. Ihr Fazit: Die Regierung beruhigt die Bevölkerung mit tiefen Werten von offiziellen Mess-Stationen, die an dekontaminierten Standorten in der Stadt aufgestellt worden sind. Aber nur zwanzig Schritte davon entfernt steigt die Radioaktivität – und die Verunsicherung der Menschen, die nicht wissen, wem sie vertrauen und was sie glauben sollen. „Das Reaktionsspektrum reicht von Resignation bis Eigeninitiative“, schildert Florian Kasser seine Eindrücke, die er aus zahlreichen Gesprächen gewonnen hat.

Neue Sympathien für Greenpeace in der japanischen Bevölkerung

Die schleichende radioaktive Verseuchung ist vielerorts Tabu. Man sieht, riecht und hört sie nicht. Und so fliesst das Leben zumindest äusserlich wahrnehmbar ruhig weiter. Für Kasser ist die japanische (Des-)Informationspolitik verantwortungslos: „Es braucht breite Aufklärungskampagnen und dabei ein verstärktes Augenmerk auf die Risikogruppen: Kinder, Schwangere, Bauern, Gärtner, Reinigungspersonal.“

Freitag, 23. November 2012 Die Radioaktivität ist unsichtbar aber überall.

Radiation Monitoring in Fukushima © Jeremie Souteyrat / Greenpeace

 

In evakuierten Regionen – ausserhalb von Fukushima City und näher am Reaktor dran – hat das Strahlenschutz-Team von Greenpeace viele Dekontaminierungs-Arbeiten gesehen. Dabei wird verseuchte Erde abgetragen – in den hügeligen und bewaldeten Landschaften eine wahre Sisyphos-Arbeit. Denn das Wasser bringt aus höher gelegenen Regionen immer neue Radioaktivität. „Die Anstrengungen zur Dekontaminierung müssen auf dicht besiedelte Gebiete wie Fukushima City konzentriert werden, Da ist die Dringlichkeit und Wirksamkeit am grössten“, fordert Atomspezialist Florian Kasser.

Bei seiner Arbeit auf den Strassen der Präfektur-Hauptstadt hat der überzeugte Umweltschützer auch Positives erlebt. „Die Menschen waren interessiert an dem, was wir tun, und sind dankbar für unser Engagement.“ Vor der Atomkatastrophe sah das anders aus. Mit der Meeresschutz-Kampagne genoss Greenpeace wenig Sympathien in der japanischen Bevölkerung und wurde von Fischern sogar heftig bekämpft. Das Schicksal will es, dass es heute gerade diese sind, die von Greenpace grosse Unterstützung erfahren. Spezialisten testen den Fang auf Radioaktivität, um den Fischern zu helfen, ihre Existenzgrundlage zu sichern.

Das Kerngeschäft von Greenpeace, sich öffentlich einzustehen für eine Sache – das war bislang mit der japanischen Volksseele schwer vereinbar. Als Kind der Katastrophe ist aber eine neue Protestbewegung geboren. Ihr zuzuschreiben ist es, dass noch immer jeden Freitag vor dem Regierungsgebäude in Tokyo demonstriert wird: gegen die Resignation, für ein Japan, das seine Bevölkerung informiert und schützt, und für einen konsequenten Atomausstieg.

Ein Mann, eine Solaranlage

 

Einer, der seinen persönlichen Weg aus der Katastrophe sucht, ist Satoshi Nemoto. Der Bauer ist mit seinen Berufskollegen auch schon nach Tokyo gefahren, um zu protestieren. Unterstützt von Greenpeace, führte ihn seine Reise im vergangenen Frühling sogar bis in die Schweiz. Er kam, um zu berichten, was ein Atomreaktor anrichten kann. Nun hat Florian Kasser ihn auf seinem Bauernhof besucht, der ungefähr 20 Minuten von Fukushima City entfernt liegt. Der Atom-Campaigner war tief beeindruckt, mit welcher inneren Stärke Nemoto der schwierigen Situation begegnet.

Aus der kontaminierten Zone weg ziehen? Das war für den Familienvater nie ein Thema. Zu sehr fürchtet er um die Gemeinschaft, wenn immer mehr Menschen gehen. Obwohl es auch für ihn gute Gründe gäbe: Die gesundheitliche Belastung, die bedrohte Existenzgrundlage. 60 Prozent ihres Einkommens haben die Reis- und Gemüsebauern eingebüsst. Die Marke „Fukushima“ lässt sich nicht mehr verkaufen. Nur die regionale Bevölkerung hält zu ihren Bauern. Als Präsident des lokalen Bauernverbandes sagt Satoshi Nemoto der Hoffnungslosigkeit den Kampf an und leistet Hilfe zur Selbsthilfe. Denn die Japanische Regierung überlässt die Bauern mehr oder weniger ihrem Schicksal. Einerseits berät Nemoto die Landwirte im Umgang mit Radioaktivität: Im Landwirtschaftszentrum von „Nomiren Fukushima“ bietet er Tests für Lebensmittel an. Längst nicht alle Ernten sind verseucht, da der Transfer von Radioaktivität in Pflanzen je nach Art ganz unterschiedlich ausfällt. Es gibt Bauern, die zum Beispiel Reis fast radioaktivtätsfrei produzieren können.

In seiner persönlichen Überzeugung bestärkt

Freitag, 23. November 2012 Anti Atom Protest gabs nicht immer in Japan

Japanese "No Nukes" Public Protest © Jeremy Sutton-Hibbert / Greenpeace

Andererseits unterstützt Satoshi Nemoto seine Kollegen dabei, mithilfe von Fördergeldern auf kontaminiertem Land Solaranlagen zu bauen, um sich mit der Produktion von Strom einen neuen Erwerbszweig zu erschliessen. Durch die Katastrophe beschleunigt, wurde in Japan im August diesen Jahres eine kostendeckende Einspeisevergütung eingeführt, die ähnlich wie das Schweizer Modell funktioniert. Bereits gibt es erste Umsetzungserfolge in der Bauerngemeinschaft von Nemoto. Aber auch Grosskonzerne wittern nun das lohnende Geschäft mit der Sonnenenergie. Das Hightech-Unternehmen Toshiba etwa plant in der evakuierten Zone eine gigantische Anlage. „Für Nemoto die falsche Entwicklung“, erzählt Florian Kasser: „Er ist überzeugt, dass die Energieversorgung jetzt dezentralisiert werden muss und in die Hände von Einzelnen statt von grossen Energieunternehmen gehört. Die Bevölkerung muss die Energiewende mitgestalten.“

Ende Oktober ist der in Zürich lebende Westschweizer von seiner Japan-Reise zurückgekehrt. Was hat sich für ihn durch seine Eindrücke verändert? „Ich habe ein viel differenziertes Bild über die aktuelle Lage in Japan erhalten. Es gibt keine schnellen, einfachen Lösungen für die Menschen vor Ort. Vor allem aber bin ich in meiner persönlichen Überzeugung bestärkt worden, dass wir uns grundsätzlich und schnellstmöglich von der Atomenergie verabschieden müssen. So etwas darf nie wieder passieren!“

 

Fünf Fragen an Florian Kasser

Montag, 26. November 2012 Florian Kasser, Atomcampaigner

 

1. Du bist seit 2012 Mitglied des internationalen Strahlenschutz-Teams von Greenpeace. Was ist genau Eure Aufgabe?

Die Gruppe besteht aus Experten aus der ganzen Welt und kommt überall zum Einsatz, wo es erhöhte Radioaktivität gibt: also nicht nur an Schauplätzen grosser Atomkatstrophen wie Fukushima oder Tschernobyl. Wir gehen für unsere unabhängigen Messungen auch in Uranabbau-Gebiete, an Orten mit Uranmüll-Problematik wie zum Beispiel der marode Wiederaufbereitungsanlage im russischen Majak.

2. Hattest Du Angst, in die verstrahlten Gebiete von Fukushima zu reisen?

Ich habe mich entschieden, bei Greenpeace als Atomexperte zu arbeiten. Dazu gehört, nicht nur am Schreibtisch zu sitzen, sondern auch Orte des Geschehens zu besuchen. Die Strahlenschutz-Gruppe geht sehr sorgfältig und professionell vor. Ich habe mich gerade Mal eine Woche in verstrahlten Gebieten aufgehalten, in denen Menschen tagtäglich arbeiten, essen, leben. Nein, ich hatte keine Angst.

3. Was passiert jetzt mit Euren Mess-Resultaten?

Wir haben sie am Ende unseres Aufenthalts in Tokyo an einer Pressekonferenz vorgestellt. Vergangene Woche hat die japanische Regierung zugegeben, dass fast 700 Mess-Stationen in Fukushima City im Vergleich zur Umgebung zu tiefe Werte anzeigen. Sie hat angekündigt, diese zu überprüfen und neu zu positionieren. Ein toller Erfolg.

4. Was ist Deine Einschätzung: wird es in Japan tatsächlich zum Atom-Ausstieg kommen?

Die Regierung spürt klar den Druck der Bevölkerung und ist jetzt, vor den Wahlen, auf Ausstiegskurs. Gemäss Kennern der politischen Szene ist es aber sehr gut möglich, dass es nach den Wahlen zu einer Abschwächung der atomkritischen Politik oder sogar zu einem Kurswechsel kommt.

5. Du hast Dich auch mit Vertretern der japanischen Anti-AKW-Bewegung getroffen.

Ja. Sie sind sehr daran interessiert, wie wir in der Schweiz und Deutschland den Ausstieg anpacken wollen. Die japanische Regierung behauptet, sich von der Atomenergie zu verabschieden sei ein Ding der Unmöglichkeit. Dabei liegt der Atomanteil tiefer als in der Schweiz, nämlich bei 30 Prozent. Momentan sind nur zwei Kraftwerke am Netz – und Japan hat Strom. Auch dank dem grossen Einsatz im Effizienzbereich, den die Bevölkerung freiwillig leistet.

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