Die Schweiz macht Strom in Italien: Teil I

«Wir wissen nicht, mit wem wir es zu tun haben»

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Story - 19. Juli, 2012
Gaskombikraftwerke sollen die Schweizer Atomkraftwerke ersetzen. Doch die will hier keiner. In Italien jedoch stehen schon länger welche – an vielen sind Schweizer Energiekonzerne beteiligt. Ein Augenschein im wilden Süden des Mezzogiorno.

Von René Worni, freier Journalist

Strom aus Gas anstatt erneuerbare Energien? In Italien bauen Schweizer Energiekonzerne seit Jahren Gaskombikraftwerke. Doch was tun die Konzerne dort genau? Soll dieser «dreckige» Strom (Gaskombis sind CO2-Schleudern) den Atomausstieg in der Schweiz überbrücken helfen? Auf den Spuren der Pläne der Energiekonzerne reiste Greenpeace im Mai nach Süditalien und stiess dabei auf zwielichtige Geschäftemacher, denen Profit wichtiger ist als Umweltschutz. Wir trafen aber auch visionäre Umweltaktivisten, die sich diesen Plänen entgegenstellen. Daraus entstand die Süditalien-Reportage, welche wir in fünf Teilen während der Sommerpause jeweils donnerstags (Start am 19. Juli) auf www.geenpeace.ch publizieren. Sie erscheint ausserdem leicht gekürzt am 21. August in unserem Magazin. Wir wünschen Euch gute Sommerlektüre!

 

Nach dem Supergau in den Kernkraftwerkanlagen von Fukushima vor 15 Monaten planen Staaten wie Deutschland, Belgien oder die Schweiz den Atomausstieg. Obwohl Japan seine AKWs ungeachtet massiver Proteste der Bevölkerung eins ums andere wieder hochfährt, will die Schweiz bis 2035 alle Anlagen abschalten. Geht es nach dem Bundesrat, sollen unter anderem Gaskombikraftwerke die Lücke schliessen. Doch sie sind keine echte Alternative wie Wind- oder Sonnenenergie, denn Gaskombikraftwerke haben einen enormen CO2-Ausstoss. Die grossen Schweizer Energiekonzerne Alpiq, RePower, BKW oder die Axpo-Tochter EGL* bauen seit einem Jahrzehnt solche Kraftwerke im Ausland. Allein in Italien sind sie an 16 Gaskombikraftwerken beteiligt und planen fünf weitere. Greenpeace hat sich auf eine Reise nach Süditalien begeben um sich ein Bild von den Schweizer Projekten zu machen. Ob diese Kraftwerke auch einmal für den Schweizer Markt produzieren werden, ist offen.

«Wenn das hier jemals bewilligt werden sollte, gibt es Krieg», sagt Pina Negro. Pina ist Anwältin, Umweltaktivistin und eine der zentralen Figuren des Widerstandes gegen ein geplantes Gaskombikraftwerk in der Ebene von Venafro. Sie steht am Rand einer saftigen Wiese, wo das Werk entstehen soll. Das gleichnamige Städtchen ist kaum sieben Kilometer entfernt. Wir befinden uns im  Valle del Volturno, im Westen der Region Molise, der kleinsten der zwanzig Regionen Italiens. Hier beginnt die Erkundungsreise zu den Gaskraftwerken der Schweizer Stromkonzerne.

Pina Negro, Anwältin und Umweltaktivistin

© Rene Worni

 

Auf beiden Seiten der Wiese stehen Olivenhaine. Die Stämme der Olivenbäume sind massiv, die Bäume alt. Kein Lüftchen regt sich. Bis vor einem Jahr wollte hier der Schweizer Energiekonzern EGL ein Gaskombikraftwerk der neuesten Generation bauen. Mit 780 Megawatt Leistung, zum Preis von etwa 300 Mio. Euro. Ein neben dem Kraftwerk geplanter kleiner Wald sollte im Wettrennen mit dem CO2-Ausstoss Sauerstoff produzieren. Doch die enorme Abwärme des Kraftwerks würde die Gegend aufheizen. Die Ebene von Venafro ist bloss zehn Quadratkilometer gross. Die umstehenden Berge machen sie zu einer grossen Arena, in der die Luft immer wieder längere Zeit stillsteht – und mit ihr die Schadstoffe aus den benachbarten Industriebetrieben. Ein Kraftwerk würde diesen Smog potenzieren. Erst vor einem Jahr hat das Komitee besorgter Mütter, die Mamme per la Salute, wegen Dioxinspuren in Fleischprodukten Alarm geschlagen. Tumore und Erkrankungen der Atemwege seien unter den Bewohnern ein ständiges Thema, sagt Pina Negro. Ein kontinuierliches Schadstoffmonitoring gibt es nicht. Ein neues Kraftwerk wäre für die Gegend verheerend.

Mitten im meist windstillen Talkessel bei Venafro (zwischen den Industrieanlagen vorne und dem Zementwerk im Hintergrund) wollte die EGL (Axpo) ein Gaskombikraftwerk mit 780MW bauen.

© René Worni

 

Die Verantwortlichen von der EGL haben sich im Tal noch nie blicken lassen. Kontaktversuche blieben fruchtlos. «Auf unsere Emails hat niemals jemand reagiert», sagt Pina Negro und schüttelt den Kopf. Deshalb wussten die Talbewohner bis vor Kurzem nicht, dass sich die EGL aus dem Projekt wieder zurückgezogen hat. «Mit den bestehenden drei Kraftwerken haben wir das Ziel von 2000 Megawatt in Italien erreicht. Alle anderen Projekte für Gaskombikraftwerke sind damit ad acta gelegt und weitere sind derzeit nicht geplant», sagt Axpo-Mediensprecher Richard Rogers. Die EGL betreibt in Süditalien bereits je ein Gaskombikraftwerk in Sparanise (Kampanien) und Rizziconi (Kalabrien) sowie im norditalienischen Ferrara (Emilia Romagna).

Für die 10 000 Bewohnerinnen und Bewohner von Venafro und noch einmal so viele in den umliegenden Gemeinden ist mit dem Ausstieg der Schweizer noch nichts vorbei. Eine kleine Projektfirma namens Molisenergy, die zuvor der EGL gehört hatte, operiert praktisch aus einem Hinterzimmer in Neapel. Sie verfügt über keinerlei Erfahrung im Bau von Kraftwerken, jedoch, so wird vermutet, über Verbindungen auf höchster Ebene. «Dieses Unternehmen ist uns seit jeher suspekt, wir wissen nicht, mit wem wir es zu tun haben», sagt Alfredo Ricci. Er ist Gemeinderat von Venafro, sitzt im Parlament der Provinz und war als Anwalt für die Rekurse gegen das Projekt mitverantwortlich. Venafro und alle umliegenden Gemeinden sowie die gesamte Region von Molise lehnen das Projekt vehement ab. Doch der definitive Entscheid fällt in Rom. Wer der nächste Investor sein wird, den sich die Herren von Molisenergy angeln, weiss zurzeit niemand.

Im strukturschwachen Süden Italiens scheint trotz Wirtschaftskrise immer noch Goldgräberstimmung zu herrschen. Der seit Ende der 90er Jahre liberalisierte Strommarkt treibt nach wie vor wilde Blüten. Überall schiessen Kraftwerke, Wind- und Solaranlagen scheinbar planlos aus dem Boden. Nur wenige Kilometer von Venafro entfernt, im Dorf Presenzano in Kampanien, soll ein Gaskombikraftwerk mit 800 Megawatt der italienischen Edison entstehen. In Molise weiss man seit Zeiten, dass der Eigenbedarf an Energie längst gedeckt ist. Laut Angaben regionaler Umweltorganisationen rotieren auf den Hügelkämmen von Molise über 2000 Windturbinen, viele gehören ausländischen Stromkonzernen. Den Gemeinden fehlt es an Geld. Sie verpachten und verkaufen deshalb ihre Grundstücke. Den Strom nutzen die Industriemetropolen an den Küsten.

Im zweiten Teil der Serie geht die Reise weiter ins kampanische Hinterland in die Stadt Benevento, 90 Kilometer von Neapel entfernt. Dort wollen die Bernischen Kraftwerke BKW in einer naturgeschützten Zone ein Gaskombikraftwerk bauen. Nicht über alle Zweifel erhabene Geschäftsleute mischen tüchtig mit.

 

*Im Februar 2012 wurde die EGL vollständig von der Axpo Holding AG übernommen.

 


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