Serie DANACH* (Folge 1): «Wir sind zu einer Gesellschaft von Fachidioten verkommen»

Tomáš Sedláček ist ein Philosoph unter den Ökonomen. Er erlöst die Wirtschaft vom Pathos, wertfrei zu sein, und entlarvt ihre moralischen Prämissen. Inspiration für seine Analysen und Vorstösse holt er sich im Alten Testament genauso wie in «Matrix».

Story - 28. Dezember, 2012
Käme die Ökonomie daher wie Tomáš Sedláček, sie wäre eine bunte und sinnliche Wissenschaft. Der 35-jährige Chefökonom der grössten tschechischen Bank trägt zu seinem hellorangen, widerborstigen Haar einen leuchtend violetten Pullover und Jeans.

Von Samuel Schlaefli

Zum Espresso bestellt er eine Cola und bei Gesprächsbeginn bietet er Zigaretten an. Sedláček ist ein passionierter und geduldiger Erzähler, der sich Zeit nimmt für sein Gegenüber. Dies, obschon er ständig unterwegs ist: Gestern von Prag nach Bozen für einen Vortrag am Transart Festival, morgen gehts in aller Frühe weiter nach München zu einem Termin mit dem Hanser Verlag, bei dem dieses Jahr die deutsche Übersetzung seines ersten Buchs «Die Ökonomie von Gut und Böse» erschien. Grundlage dafür war seine Doktorarbeit, die von der Karls-Universität in Prag einst abgelehnt wurde. Die tschechische Originalfassung schaffte es 2009 als erstes Non-Fiction-Werk in die Bestsellerliste und wurde darauf ins Englische übersetzt. 
Heute wird Sedláček an Festivals, zu Konferenzen, Fernsehshows und sogar auf Theaterbühnen eingeladen. In seinen Vorträgen ergründet er die Ursprünge und Ursachen für die jüngsten Perversionen unseres Wirtschaftssystems. Dabei bedient er sich bei Texten aus dem Alten Testament, Reden von Aristoteles, Theorien von Adam Smith, Dialogen aus «Matrix» und Fabeln aus «Lord oft the Rings».

Tomáš Sedláček: «Wachstumsverzicht wird uns helfen, von einer Schwergewichtsökonomie zu einer leichteren, wissensbasierten und umweltverträglicheren zu gelangen.»
© Anne Schoenharting / Ostkreuz

 

«Fachidioten» – Sedláček wiederholt das deutsche Wort mehrmals, der Begriff gefällt ihm. Ja, wir seien zu einer Gesellschaft von Fachidioten verkommen, meint er. «Stellen Sie sich einmal vor, unsere Welt würde von Zahnärzten regiert: Obligatorisches dreieinhalbminütiges Zähneputzen für alle, bei Regelverstoss Bestrafung – und die Gesundheit der Zähne wäre das Wichtigste für die Gesellschaft.» Bevor man über die Absurdität dieser Metapher lachen kann, holt einen Sedláček zurück auf den Boden: «See, that’s exactly what happened with the economists.»

Herr Sedláček, hat die Wirtschaft den gesunden Menschenverstand verloren?

Ja, und die ganze Mathematik hat wesentlich dazu beigetragen. Wenn sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort eingesetzt wird, hilft sie, Dinge zu erklären. Falsch eingesetzt, vernebelt sie aber den gesunden Menschenverstand. Mathematik ist eine Parabel und darf nur im passenden Kontext angewandt werden. Doch wir haben sie überall eingesetzt.

Wurde die Ökonomie durch ihren totalitären Erklärungsanspruch zu dem Monster, für das sie heute von vielen Menschen gehalten wird?

Sie wurde zur Religion und zum Fetisch. Wir haben damit die Kirche, das Recht, Familienbeziehungen und die Politik erklärt. Wir nutzen die «Rational choice»-Theorie (rationale Entscheidungen zugunsten des grössten persönlichen Nutzens) für fast alle Bereiche des Lebens. Kann man Liebe mathematisch erklären? Ja, wahrscheinlich könnte man das. Ist es pervers? Ja, absolut, also lassen wirs lieber sein.

Sedláček beginnt seine Vorträge gerne mit dem Befund, das heutige Wirtschaftssystem sei manisch-depressiv. Ein System mit der unangenehmen Angewohnheit, sich selbst immer wieder zu überhitzen. Eines, in dem nicht die Balance zählt, sondern der Kick. Er findet Vorläufer dafür bereits in einem der ersten schriftlichen Zeugnisse unserer Zivilisation: Im 4000-jährigen Gilgamesch-Epos aus Mesopotamien wendet sich Enkidu, eine Kreatur zwischen Mensch und Tier, von seiner Herde und der Natur ab und wird in der Stadt zur «zivilisierten» Person. Die Natur wird zur Ressource, Effektivität zum neuen Leitbild. Enkidus ursprüngliche Zufriedenheit weicht dem Drang nach Fortschritt und Spezialisierung. Von nichts sei unsere Gesellschaft dermassen besessen, ist Sedláček überzeugt, wie vom Glauben an Fortschritt und Wachstum. Produktionsmengen, Erträge und Konsum wurden zu Massstäben für die vermeintliche Zufriedenheit.

Ist der Kapitalismus am Ende, hat er als wirtschaftliches Modell ausgedient?

Nein, wir stecken in keiner Kapitalismuskrise. Der Kapitalismus ist nicht perfekt, aber er hat viele Vorteile gegenüber anderen Systemen. Das Problem ist vielmehr der Wachstumskapitalismus.

Eine Marktwirtschaft ohne Wachstum wäre also möglich?

Absolut. Kein Staat geht wegen fehlenden Wachstums bankrott, sondern wegen exzessiver Schulden. Staaten können – vorausgesetzt, sie haben keine Schulden – auch ohne Wachstum über Jahrzehnte in einer guten Position verharren. Es braucht eine gewisse Umstrukturierung des Systems, damit auch für Arbeitslose und Arme gesorgt ist, aber gegen Armut und Arbeitslosigkeit gibt es wesentlich cleverere Mittel als Wachstum.

Da kommt Sedláčeks «Sabbatökonomie» ins Spiel, zu der er sich von der Geschichte im ersten Buch Mose inspirieren liess. Einen Tag der Zufriedenheit will er einführen, einen, an dem die Menschen unproduktiv sind und für einmal nicht versuchen, die Welt um sich zu verändern. «Gott hat am siebten Tag nicht geruht, weil er danach ein weiteres Universum bauen musste, sondern um sich ob dem Erreichten zu freuen.» Die stimmungsvolle Zimmereinrichtung, der ununterbrochen fliessende Strom, der aromatische Kaffee – alles Erscheinungen, über die wir uns von Zeit zu Zeit bewusst freuen sollten. «Nutzen ist eine Sache der Vergegenwärtigung und nicht der Leistung», sagt Sedláček und fordert weniger Arbeitsbelastung für den Einzelnen und mehr Arbeit für viele. Deshalb macht er sich in Tschechien für die Kurzarbeit stark. Zugleich kämpft er als Regierungsberater im Nationalen Wirtschaftsrat für eine restriktive Fiskalpolitik. Eine minimale Staatsverschuldung soll die neue Richtgrösse sein und nicht mehr wie heute das maximale BIP-Wachstum. Dafür hat Sedláček die «Josef-Regel» formuliert: Wachstum und Haushaltsdefizit eines Staates dürfen zusammen drei Prozent des BIP nicht übertreffen. Regierungen würden darüber hinaus verpflichtet, in guten Zeiten Rücklagen zu bilden, und könnten sich zum Ankurbeln der Wirtschaft nur noch in Defizitjahren zugunsten eines ausbalancierten Staatshaushalts moderat verschulden. Ähnliches riet schon Josef dem ägyptischen Pharao im altem Testament, als dieser sieben Jahre der Fülle und sieben der Verzweiflung vorhersah.

Ihre Vorschläge hören sich einfach an angesichts der Misere, in welche die globale Wirtschaftskrise viele Staaten und Menschen gebracht hat.

Wir haben in den vergangenen Jahren künstliches Wachstum geschaffen mit Geld, das wir nicht hatten. Das muss aufhören. Um das zu verstehen, braucht es keine Mathematik, keine Ökonometrie oder Theorien des Homo oeconomicus.

Kann eine Systemreform allein die Exzesse eindämmen?

Sie wollen wissen, ob Evolution oder Revolution? Ich habe den Kommunismus in der Tschechoslowakei noch erlebt. Dort brauchte es die Revolution, um sich vom alten System zu trennen. Trotzdem gehöre ich heute zu den Reformkapitalisten.

Gibt es keine Alternative?

Natürlich gibt es Selbstversorgungsinitiativen und Gemeinschaften mit eigenen sozialen Währungen, aber das funktioniert nur im kleinen Massstab. Sie und ich, wir können uns solchen Gemeinschaften jederzeit anschliessen. Da sehe ich den fundamentalen Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus: Letzterer erlaubt kommunistische Blasen, im Kommunismus ist das Umgekehrte nicht möglich.

Inwiefern würde eine Abkehr von der Gier nach Wachstum auch unsere Umweltprobleme lösen?

Wachstumsverzicht wird uns helfen, von einer Schwergewichtsökonomie zu einer leichteren, wissensbasierten und umweltverträglicheren zu gelangen. Erinnern Sie sich an das fiktive Land Mordor und die Siedlung Rivendell im Film «Lord of the Rings»?

Nein, weshalb?

In Rivendell wird praktisch nichts produziert, alles wird irgendwie vererbt, den Menschen und der Natur geht es gut. In Mordor hingegen gibt es eine Schwerindustrie mit Eisenöfen, Bäume werden gefällt und grosse Armeen unterhalten. Das BIP von Mordor muss um einiges höher sein als dasjenige von Rivendell. Doch in welcher der beiden Welten möchten Sie leben?

 

*Dieses Interview ist zuerst erschienen im Magazin von Greenpeace Schweiz, Ausgabe 4/2012, als Teil des Schwerpunkts "DANACH".

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