Serie DANACH* (Folge 2): Japans Jugend setzt
 auf politisches Aufbegehren statt Resignation

Nach Fukushima ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen nachhaltig geschädigt. Intellektuelle und AkivistInnen, aber auch normale BürgerInnen suchen nach neuen Wegen für ihr Land.

Story - 3. Januar, 2013
Die jungen Menschen im Seminar an der Städtischen Universität Nagoya machen erstaunte Gesichter, als ich ihnen im Wintersemester 2011/12 die Aufgabe stelle, eigene Recherchen zur Katastrophe vom 11. März 2011 anzustellen und einen Essay zum Thema zu verfassen. Kaum jemand der rund sechzig Studierenden in drei Seminarkursen weiss mit dieser Vorgabe zunächst etwas anzufangen. «Fukushima» ist unter den Zwanzigjährigen im Hunderte Kilometer entfernten Nagoya kein Thema, wie es scheint.

Von Judith Brandner

Japanische Frauen beschirmen Polizisten, während sie gegen
den Neubetrieb des AKW Ohi in der Präfektur Fukui protestieren.
© Greenpeace / Megumi Ikeda

 

Die meisten sitzen müde in der Veranstaltung, erschöpft von ihren schlecht bezahlten McJobs, die ihnen das Studium finanzieren helfen. Viele widmen sich bereits intensiv der Arbeitssuche für die Zeit nach dem Studium, im Wissen, dass nur ein Bruchteil eine feste Anstellung finden wird in einem Land, wo rund ein Drittel aller Beschäftigten in einem prekären Arbeitsverhältnis stehen. Die meisten Studierenden versuchen die Katastrophe zu verdrängen und sich einzureden, sie seien von den Folgen nicht betroffen. Doch nach und nach wird klar, wie verunsichert die jungen Menschen sind, wie wenig sie über die Folgen der Nuklearkatastrophe wissen und wie gering ihr Vertrauen in die Informationen von Regierung, Behörden und Medien ist.

Dieser Vertrauensverlust in die Institutionen spiegelt die Gesamtstimmung in der japanischen Gesellschaft – und das nicht erst seit dem 3.11.11. Seit Japan unter Premier Koizumi einen neoliberalen Kurs eingeschlagen hat, öffnet sich die soziale Kluft immer mehr und spaltet die einst harmonische Mittelstandsgesellschaft. Die Katastrophe zeigt dies verstärkt. Heute befindet sich Japan in der grössten Krise der Nachkriegszeit, so der Befund politischer Beobachter.

Seit Jahren beteiligen sich nur wenig über die Hälfte der Stimmberechtigten an nationalen Urnengängen. Als die Wahlbeteiligung 2009 bei den Unterhauswahlen 69 Prozent erreichte, galt dies als Rekord. Anfang August 2012 ergab eine Meinungsumfrage der liberalen Zeitung Asahi Shimbun, dass 79 Prozent der Befragten kein oder nur geringes Vertrauen in die Sicherheitsmassnahmen der Regierung bezüglich der Atomenergie haben. In derselben Umfrage befanden 81 Prozent die Diskussion über die Atomenergie und die künftige Energiepolitik für unzureichend. Kein Wunder – ein Plan, in welche Richtung Japans Energiepolitik gehen wird, fehlt auch fast zwei Jahre nach Erdbeben, Tsunami und der dreifachen Kernschmelze im AKW Fukushima.

Ein Grund für den Vertrauensverlust sind die Verflechtungen zwischen Politik, Industrie und Medien, die der kritische Atomwissenschafter Hiroaki Koide vom Reaktorforschungsinstitut der Universität Kyoto in Bezug auf die Atomindustrie als «Genjimura» bezeichnet, als verschworene Atomgemeinschaft aus Politikern, Wirtschaftsverbänden, Energiewirtschaft und Industriekonzernen, die Atomkraftwerke herstellen, Wissenschaftern, die die Atomenergie ausbauen wollen, und den Massenmedien, in denen aus Rücksicht auf die Inserenten keine kritische Berichterstattung vorkommt.

Junge Menschen wie die StudentInnen im Seminar in Nagoya verlassen sich schon lange nicht mehr auf die herkömmlichen Medien und informieren sich lieber übers Internet, über Twitter oder Mixi, das japanische Pendant zu Facebook. Im Seminar wollen viele wissen, wie die Medien in Europa über die Katastrophe berichtet haben, vor allem über den Unfall im AKW und die Folgen.

Nach und nach weicht die Resignation einem politischen Aufbegehren. Intellektuelle, AktivistInnen, aber auch einfache Bürger suchen nach neuen Wegen für ihr Land. Der 1971 geborene Hiroki Azuma, Professor an der Universität Waseda und einer der jüngeren Intellektuellen im Land, bittet seit der Katastrophe unterschiedlichste KünstlerInnen und Intellektuelle zum Diskurs in der von ihm gegründeten Kulturzeitschrift Genron. Die Ausgabe mit dem Titel «Japan 2.0» befasst sich mit der Frage nach der japanischen Identität im Anschluss an den 11. März 2011: «Die Welt rückt enger zusammen, bald umspannt das Netzwerk den ganzen Planeten – was bedeutet es vor diesem Hintergrund, in einer Inselnation im Fernen Osten zu leben?» Japan stehe an einem Scheideweg, es sei klar, dass die Katastrophe das Land verändert habe, Reformen seien dringend notwendig, so die wichtigste Botschaft. Ein klares Bild des künftigen Japan vermögen jedoch auch die AutorInnen von «Genron» nicht zu zeichnen.

Die Rolle der neuen Grünen Partei ist noch unklar


Die japanische Anti-AKW-Bewegung, die es schon lange gibt, deren Stimme bislang aber zu leise war, bekommt immer mehr Zulauf. Den Anfang machten spontane Kundgebungen und Proteste, die mittlerweile zu einer regelmässigen Einrichtung geworden sind: Seit vielen Wochen wird jeden Freitag vor dem Sitz des Premierministers gegen die Atomenergie demonstriert. Es sind friedliche Demonstrationen, wo Alt und Jung nebeneinander stehen. Kenzaburo Oe, der Literaturnobelpreisträger von 1994, der immer wieder als Gewissen Japans auftritt, ist Mitbegründer und einer der führenden Köpfe der Anti-Atom-Plattform Sayonara Genpatsu, die den Abschied von der Kernenergie im Titel trägt. Der Gruppe gelang es im September 2011, rund 60 000 Menschen zu einer riesigen Kundgebung in Tokio zusammenzubringen. Ende Juli 2012, nachdem zwei Reaktoren des AKW Oi in der Präfektur Fukui am japanischen Meer wieder ans Netz genommen worden waren, fanden sich 150 000 Menschen ein, die bei einer der grössten Demonstrationen seit den 1960er Jahren ein Ende der Atomenergie verlangten: eine beachtliche Zahl in einem Land, in dem keine ausgeprägte Demonstrationskultur besteht.

Tokyo, 29. Juli 2012 Junge Anti-Nuklear Demonstrantinnen im Hibiya Park im Zentrum von Tokyo. Immer häufiger protestiert die japanische Bevölkerung gegen das politische System. © AP Photo/Greg Baker

 

Auch in die Parteienlandschaft, jahrzehntelang von der rechtsgerichteten LDP dominiert, ehe sie 2009 von der DPJ abgelöst wurde, ist Bewegung gekommen. Im Sommer 2012 formierte sich eine neue, landesweite grüne Partei. Welche Rolle sie künftig spielen wird, bleibt abzuwarten. Eine Gruppe Abgeordneter von LDP, DPJ und SPJ hat sich zur überparteilichen Plattform Genpatsu Zero no Kai zusammengefunden und tritt für einen vollständigen Ausstieg aus der Atomenergie ein.

Angesichts des Vertrauensverlusts in die Institutionen verwundert es kaum, dass auch im Kampf gegen die radioaktive Belastung immer mehr Menschen zur Selbsthilfe greifen. Eine von ihnen war die Besitzerin eines Waldorf-Kindergartens in Fukushima-Stadt. Die rund sechzig Kilometer vom havarierten AKW entfernte Stadt gehört nicht zur Sperrzone. Dennoch ist die radioaktive Belastung in manchen Bezirken so hoch, dass immer mehr Menschen wegziehen. Auch über dem Areal des Kindergartens ist die radioaktive Wolke niedergegangen. Tatkräftig unterstützt von Greenpeace, schritt die Kindergärtnerin im Mai 2011 selber zur Dekontaminierung von hundert Quadratmetern Spielplatz, bis sie einsehen musste, dass die Radioaktivität so nicht in den Griff zu bekommen ist. Mittlerweile ist auch sie fortgezogen. Im ganzen Land haben NGOs und Freiwillige Messstationen eingerichtet, an denen besorgte BürgerInnen ihre Lebensmittel auf Radioaktivität testen lassen können.

In die vom Tsunami zerstörten und zum grossen Teil immer noch nicht wiederaufgebauten Regionen zieht es nach wie vor viele freiwillige HelferInnen. Es sind vor allem junge Menschen ohne Job und ohne Zukunftsperspektive, die den Betroffenen Hoffnung und Mut geben und nicht zuletzt ihrem eigenen Leben mehr Sinn verleihen wollen.

Die Veränderungen in der japanischen Gesellschaft sind leise, aber spürbar. Es zeichnet sich ein Kampf ab zwischen denen, die an ihrer politischen und ökonomischen Macht festhalten, und denen, die ein neues Japan wollen – ein menschlicheres, sozialeres, ein umweltfreundlicheres Japan. Es geht um viel, gerade in der Energiepolitik. Denn der Atomenergie ganz abzuschwören, hiesse auch, auf die latente atomare Abschreckung zu verzichten – auf die Möglichkeit, Atomwaffen zu bauen. Dies erachten so manche in einer unruhigen asiatischen Region für notwendig, auch wenn es der japanischen Verfassung widerspricht.

Die Grünen wollen den Schritt in die
nationale Politik schaffen


Die japanische Politik wurde von 1955 bis 2009 praktisch ohne Unterbruch von der rechtskonservativen Liberaldemokratischen Partei LDP geprägt. Mit Unterbrechung 1993/94, und durch eine Koalition zwischen LDP und SDP, 1994– 96, stellte die LDP über 40 Jahre lang in Alleinherrschaft die Regierung. Die LDP ist traditionell verflochten mit Industrieund Wirtschaftsverbänden sowie Veteranenorganisationen. Bei den Unterhauswahlen 2009 wurde die LDP von der Demokratischen Partei Japan (DPJ) abgelöst. Die DPJ wird zumeist als Mitte-Links eingestuft, vereint jedoch ein breites Spektrum politischer Ansichten, in dem sozialdemokratische Inhalte ebenso Platz finden wie konservative. Das mag das Fehlen einer klaren Linie in der Atompolitik erklären. Die Sozialdemokraten der JSP, jahrelang die grösste Oppositionspartei im japanischen Nachkriegsparteiensystem, sind seit Jahren nur mehr eine marginale Kleinpartei. Ein Höhepunkt war die Rede des sozialistischen Premiers Murayama 1995 während einer Koalitionsregierung mit der LDP zum 50. Jahrestag des Kriegsendes mit der Entschuldigung Japans für die Gräueltaten in

Asien zwischen 1931 und 1945.
Die traditionell «grünen» Anliegen – Ausstieg aus der Atomenergie, Exportverbot von Atomenergie-Technologien, Förderung von erneuerbaren Energien, Reduzierung der CO2-Emissionen – werden heute am stärksten von der im August 2012 gegründeten grünen Partei Midori no To vertreten. Diese politische Vereinigung ist bis Redaktionsschluss noch nicht im nationalen Parlament, sondern lediglich auf kommunaler und Präfekturebene vertreten. Die Stimmung im Land spricht derzeit für eine Rolle der Grünen in Japans Parteienlandschaft. Da jedoch die Neuwahlen von 2013 auf Dezember 2012 vorverlegt wurden, war die Vorbereitungszeit für die junge Gruppierung diesmal zu kurz.

Judith Brandner, geboren 1963 in Salzburg, Radiojournalistin und Autorin. Studierte Japanologie an der Universität Wien. Seit 1987 Dutzende Male zu längeren Aufenthalten in Japan, zuletzt im Wintersemester 2011/12 als Gastprofessorin an der Städtischen Universität Nagoya. Bücher: «Ausser Kontrolle und in Bewegung», Reportage Japan, Picus 2012, und «Kratzer im glänzenden Lack», Reportage Japan, Picus 2011. www.judithbrandner.at

*Dieses Interview ist zuerst erschienen im Magazin von Greenpeace Schweiz, Ausgabe 4/2012, als Teil des Schwerpunkts "DANACH".

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