Fragen & Antworten

Gazprom und die Arktis

Story - 25. September, 2013

Der Kampf um die Öl- und Gasreserven der Arktis ist intensiver geworden und die Vertreter verschiedener Länder und Energiekonzerne diskutieren zurzeit an der Arktis-Konferenz, wem die grossen Öl- und Gasvorkommen im Polargebiet gehören. Doch was steht wirklich auf dem Spiel? Wir haben eine kurze Liste von Fragen und Antworten zum Thema zusammengestellt.

Mittwoch, 25. September 2013

Action Against Gazprom's Arctic Drilling © Denis Sinyakov / Greenpeace

 

 

Was ist geschehen?

Die russischen Behörden haben den Botschafter der Niederlande in Moskau zitiert (die Arctic Sunrise segelt unter niederländischer Flagge) und Greenpeace der Provokation beschuldigt. Das Greenpeace Schiff Arctic Sunrise ist geentert und beschlagnahmt worden. 

Um was geht es?

Der Protest wurde ausgelöst durch die Pläne von Gazprom, als erste Ölgesellschaft der Welt die Ölvorkommen nördlich der arktischen Eisgrenze kommerziell auszubeuten. Solches  Öl könnte vermutlich schon 2014 seine europäische Kundschaft erreichen.

Was ist so besonders am Vorhaben von Gazprom?

Gazprom ist nicht die erste Gesellschaft, die in den nördlichen Polarkreis vordringt. Andere wie zum Beispiel die norwegische Statoil fördern auch schon Gas dort oben und die Versuche von Shell, das Öl vor der arktischen Küste Alaskas anzuzapfen sind ausführlich dokumentiert.

Doch die norwegischen Gewässer der südlichen Barents-See sind relativ warm und nicht eisbedeckt ­– zumindest in den Zonen, wo Statoil gegenwärtig produziert. Gazprom möchte als erste Gesellschaft eine Ölproduktion nördlich der Eisgrenze aufbauen.

Das ist deshalb von Bedeutung, weil in einer Gegend, die während zwei Dritteln des Jahres von Eis bedeckt ist, ein Ölunfall nur schwer einzudämmen und ausgelaufenes Öl kaum zu entfernen wäre.

Sind sie dazu in der Lage?

Die Firma hat angeblich 4-5 Milliarden US-Dollar in die Bohrinsel Prirazlomnaya investiert. Die Bauzeit der Plattform betrug 15 Jahre und als sie schliesslich eingeweiht werden konnte, wurden bereits Stimmen laut, die verwendete Technologie sei bereits überholt und für die Arktis ungeeignet.

Als die Plattform aufs Meer hinaus geschleppt wurde, verlor sie ihre Leiter. Doch in den Worten von Gazprom handelt es sich um eine «eisresistente, stationäre, Offshore-Plattform – die erste Bohrinsel ihrer Art, die in Russland entwickelt und gebaut wurde».

Und wenn etwas schief geht?

Das Prirazlomnoye Ölfeld befindet sich in der Nähe verschiedener Nationalparks und Schutzgebiete für Wildtiere, darunter die beiden Reservate Nenetsky und Vagyach, die besonders für Walrosse von grosser Bedeutung sind. 

Das Problem besteht darin, dass bisher noch nie eine Öl-Säuberungsaktion im eisbedeckten Wasser, wo das Öl sich möglicherweise auch unter dem Eis ausbreitet, stattgefunden hat. Viele Fachleute, darunter fast alle Umweltorganisationen, sind denn auch der Meinung, das sei unmöglich. 

In einer neueren Studie für den WWF haben Experten der russischen Firma Informatica Riska computerisierte Risikomodelle für verschiedene Ölunfall-Szenarien bei der Prirazlomnaya Plattform durchgespielt und dabei die Grösse der von einem allfälligen Unfall betroffenen Gegend berechnet.

«Im Rahmen der durch die Auslaufmenge gegebenen Standards, konnten wir bei unserer Analyse oft Bedingungen beobachten, unter denen die Betreiberfirma nicht in der Lage wäre, einen Ölunfall einzudämmen und zu bereinigen. Zum Beispiel wenn sich ein Unfall nachts oder bei widrigen Wetterbedingungen ereignen sollte », sagte Valentin Zhuravel, Projektmanager bei Informatica Riska. «Dabei könnten die küstennahen Gewässer und Schutzgebiete der Pechora-See ernsthaft verschmutzt werden.»

Die Studie kam zum Schluss, dass bei einem Ölunfall eine offene Wasserfläche Fläche von über 140’000 Quadratkilometer sowie mehr als 3000 Kilometer Küste verseucht werden könnten. 

Ähnliche Studien von Pew und USGS, welche die Folgen eines Ölunfalls in den arktischen Gewässern der USA unter die Lupe nahmen, warnen davor, dass es unter diesen Bedingungen schwierig bis unmöglich sein dürfte, das Meer vom ausgelaufenen Öl zu befreien. 

Gazprom behauptet, vorbeugenden umweltschutzmassnahmen grosse Beachtung geschenkt zu haben. Im Rahmen einer Analyse der Katastrophenschutzpläne von Gazprom stellte Greenpeace jedoch fest, dass dort im schlimmsten Fall mit einer Auslaufmenge 10’000 Tonnen Öl gerechnet wird. Bei der Deep Water Horizon Katastrophe von BP liefen allerdings fast 5 Mio. Fass Rohöl ins Meer. Die vollständigen Pläne sind noch nicht Online veröffentlicht worden.

Die russische Firma beharrt jedoch darauf, die Umweltschäden wären beschränkt – und nur ein effektiver Ölunfall könne letztlich die Frage nach den Schäden schlüssig beantworten.

Sind westliche Firmen beteiligt?

Gazprom arbeitet bereits jetzt mit westlichen Firmen zusammen, so auch an verschiedenen Projekten mit Shell. Der britisch-niederländische Ölriese einigte sich bereits früher in diesem Jahr mit Gazprom auf eine gemeinsame Erforschung der russischen Arktis, mit eingeschlossen die Petchora-See.

Brauchen wir das Öl?

Die Ausbeutung der Ölvorkommen in der Petchora-See und in der russischen Arktis ist entscheidend für die Pläne Russlands, seine Ölproduktion zu steigern und die sinkenden Erträge aus den traditionellen Reserven wettzumachen.

Dies obwohl an kaum einem anderen Ort der Welt der Klimawandel deutlicher sichtbar ist als in der Arktis. Über 75 Prozent des arktischen Meereises ist in den letzten 30 Jahren verschwunden. Diese Klimakatastrophe in der Arktis ist ein deutliches Warnzeichen. Anstatt weiterhin neue Ölreserven anzuzapfen müssen schnell und konsequent die erneuerbaren Energien ausgebaut werden, um einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern.