Solo auf ungewohnter Bühne

Eine Tänzerin steigt als Bäuerin ein

Story - 10. November, 2013
Vermutlich kennen alle Städter den Gedanken: Die Habe packen, der urbanen Betonwüste und den überfüllten Trams den Rücken kehren und in der ländlichen Weite ein Stück verlorene Freiheit wiederfinden. Meist bleibt es bei der Utopie. Nicht für Nicole Klein: Nach 19 Jahren in Paris begann die Tänzerin vor vier Jahren ein neues Leben als Biobäuerin in den französischen Voralpen.

Text und Bild von Samuel Schlaefli

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© Samuel Schlaefli

Kurz vor 22 Uhr. Eine Bilderbuchnacht ist über dem Vercors angebrochen, einem zerklüfteten Bergmassiv südlich von Grenoble. Hier in St-Roman, am westlichen Ende des Vercors, steht Nicole Kleins Jurte. Wir sitzen in der Mitte auf Stoffballen und Matratzen um einen improvisierten Klubtisch: Nicoles Nachbarin Sandra, ihr Freund Florent, der soeben im Imkerumhang hereingeplatzt ist und ich. Derweil tischt Nicole Köstlichkeiten der fruchtbaren Umgebung auf: Feldsalat mit jungen Lindenblättern vom benachbarten Moor, dekoriert mit leuchtend violetten Borretschblüten. Dazu gibt es Bulgur, selbstgemachten Bärlauchpesto, Champignons, geraspelte Weissrüben, Brot und frischen Kuhmilchkäse aus dem Dorf. Wir essen, während Nicole, die kleine, gedrungene Frau mit frischem Teint, das Gesicht gesprenkelt mit blassen Laubflecken,  von Zeit zu Zeit ein Holzscheit in den alten Emailofen schiebt. Es ist Anfang Mai und noch immer kühl. Als die Glühbirne über uns wegen eines Batterieproblems der Solaranlage kurz erlischt, leuchten die Sterne hell durch die transparente Folie im Dachspitz. Draussen das Quaken der Frösche vom Moor, das Rauschen der Drôme und vereinzelt der schrille Schrei einer Nachtigall. «Ein unglaubliches Zuhause, bei dem der Unterschied zwischen draussen und drinnen fast aufgehoben ist», hat Nicole ihr neues Heim vor unserem Treffen beschrieben.

Koller nach 32 Jahren Grossstadt

Das war in Paris anders: Dort hatte sie sich zuletzt eine 50-Quadratmeter-Wohnung mit ihrem damaligen Partner und einem Freund geteilt. Das Einzige, was bis nach Mitternacht rauschte, war der Verkehr auf der viel befahrenen Strasse vor der Haustür. Und wenn einmal nächtlicher Gesang zu hören war, kam er von ein paar johlenden Betrunkenen auf dem Heimweg. Mit 13 war Nicole ihrer Mutter von Chicago, ihrem Geburtsort, nach Paris gefolgt. 19 Jahre war das französische Zentrum für Kommerz, Kunst und Politik ihr Zuhause. Ein Ort, an dem man einen Grossteil seines Tages im fahlen Kunstlicht von Metroschächten verbringt und wie ein dribbelnder Fussballer stets darauf bedacht ist, den Mitmenschen möglichst elegant auszuweichen. Ein Ort auch, an dem den Menschen unsichtbare Scheuklappen wachsen, damit sie nicht vom unaufhörlichen Strom der Eindrücke überwältigt werden. Der Alltagswahn des Grossstadtlebens, der für die Hälfte der Menschheit zur Normalität geworden ist, hat Nicole fertig gemacht: «Ich habe die Gewalt der Stadt irgendwann nicht mehr ausgehalten. Damit meine ich nicht die Verbrecherstatistiken, sondern die zwischenmenschliche Kälte und die gegenseitige Ignoranz. In der Stadt rennt jeder irgendetwas hinterher. Aber was will man genau, was ist das Ziel?»

Nicoles Interesse an biologisch produzierten Nahrungsmitteln erwachte in einem Bioladen in Montreuil in der Pariser Agglomeration. Dort arbeitete sie während ihres Tanzstudiums an der Ecole Nationale Supérieure des Beaux Arts de Cergy-Pontoise. Später machte sie sich als Teilzeit-Büroangestellte bei Greenpeace mit Themen wie Nahrungsmittelsouveränität und gentechnisch veränderten Organismen (GVO) vertraut. 2006 folgte sie ihrem damaligen Freund für ein Kunststipendium nach Benin und nahm jede Menge DVDs zu Umweltthemen mit. In missionarischem Eifer versuchte sie die Kleinbauern über die Gefahren von GVO, Kunstdüngern, Pestiziden und der Abhängigkeit von global agierenden Agrochemiekonzernen aufzuklären. «Ich predigte eine biologische Landwirtschaft, von der ich keine Ahnung hatte», gesteht sie heute. Doch Benin war ein Wendepunkt: «Ich realisierte plötzlich, wie stark ich mich im Alltag von meiner natürlichen Umwelt entfernt hatte und dass die Subsistenzlandwirtschaft – ein Leben mit und von der Natur – für die meisten Menschen dieser Erde Normalität ist. Mein urbaner Lebensstil war die Ausnahme, nicht ihrer.» Nicole wollte sich diesen Menschen fortan verbunden fühlen. Nicht in Afrika, wo sie komplett andere Voraussetzungen gehabt hätte als alle anderen Kleinbauern, sondern bei sich zuhause in Frankreich.

Kein Örtchen in Nicoles Jurte bleibt ungenutzt. Nur was wirklich nötig ist, wird gehortet. Auf einen Computer mit Internetzugang möchte die Biobäuerin aber trotzdem nicht verzichten.
© Samuel Schlaefli

Kleinbäuerlich-weltbürgerlicher Hybrid

Die Nacht in Nicoles Jurte war erholsam. Geschlafen haben wir auf den Matratzen, auf denen wir zuvor gegessen hatten. Geweckt hat uns das Krähen eines Hahns. Nicole holt aus dem rudimentär gebauten Hühnergehege neben der Jurte ein paar Eier, die wir am Mittag essen werden. Sonst gibt der «Hof» noch nicht viel her. Hier in St-Roman bewirtschaftet Nicole lediglich eine kleine Baumschule mit Pfirsichen, Zwetschgen, Mispeln, Vogelbeeren und Quitten. Das reicht nicht weit. Obschon die Bodenluken ihrer Jurte mit Eingemachtem vom letzten Sommer gefüllt sind, braucht sie für den Speiseplan Waren etablierter Biobauern auf dem Markt. Sie hätte sich an der grösseren Landparzelle ihrer Nachbarin Sandra beteiligen können. Doch Nicole hat sich in ein anderes Stück Land verguckt, in Trièves, wo ihr Freund zuhause ist und wohin sie ihre Jurte bald zügeln wird. Sie will mir den neuen Standort und den dortigen Gemeinschaftsgarten später zeigen. Vorher wolle sie noch rasch ihre E-Mails checken. Surfen in der Jurte? Ja, ein Leben ohne Internet könne sie sich nur schwer vorstellen. Nicole bestellt über Webshops, nimmt Anmeldungen für Tanzkurse entgegen und kommuniziert mit den Schwestern in den USA. Dafür hat sie von Sandras Haus ein Kabel in die Jurte gezogen. Die Verbindung ist nicht schlecht. «Weisst du, ich bin weder technikfeindlich noch will ich mich von der Welt abkoppeln.» Ihr Vater in Chicago frage manchmal, ob das hier «so ein Neo-Hippie-Ding» sei. «Nein, ist es nicht!» In Nicoles Lebensentwurf sind Selbstversorgung, die Anpassung an die natürlichen Zyklen und die Entbehrung von häuslichem Komfort kein Widerspruch zu Webshops und «Around the world»-Flugtickets. Auf Flugreisen nach Kanada, Japan, USA und Indien will sie nämlich auch künftig nicht verzichten. «So weit geht meine Moral nicht.» Prinzipien ja, aber nur solange die eigene Entfaltung nicht eingeschränkt wird. Sind die «Néos», wie die Neuankömmlinge von den «Autochtones», den Einheimischen, hier genannt werden, vielleicht eine Art Hybrid aus kleinbäuerlicher Genügsamkeit und weltbürgerlicher Lebensfreude? Die Radikalität und die Dogmen früherer Aussteigerbewegungen gehen ihnen jedenfalls ab. «Eigentlich bin ich Vegetarierin», erklärt Nicole. «Doch wenn sich jemand Mühe gibt und mir ein Stück Fleisch kocht, dann gewichte ich das höher.» Zuerst das Miteinander, dann die Prinzipien.

Pflanz- und Wohnplatz in idyllischer Abgeschiedenheit: Das Wissen über die Flora und ihre kulinarische Verarbeitung hat sich Nicole in sieben Jahren erarbeitet.
© Samuel Schlaefli

Nicole holt ihren alten Peugeot 306 und beklagt gleich die nächste ökologische Inkonsequenz: «In Paris war ich die meiste Zeit mit dem Fahrrad unterwegs. Hier sitze ich dauernd im Auto.» Zum Col de Grimone auf 1318 Metern Höhe windet sich eine Passstrasse durch steile, dicht bewaldete Schluchten. Aus historischen Felsengalerien öffnen sich erhabene Blicke in die Sturzbäche am Fuss des Vercors-Massivs. Im Zweiten Weltkrieg waren die Felsen ein beliebtes Versteck der Résistance beim Kampf gegen die deutsche Besatzung. Heute stehen zehn Prozent des Naturparks Vercors unter Schutz: Die 170 Quadratkilometer sind das grösste Naturschutzgebiet Frankreichs. Knapp vor der Passhöhe hält Nicole abrupt. Auf einer Magerwiese hat sie Schlüsselblumen entdeckt. Aus ihnen wird sie zuhause eine «infusion» zubereiten, einen Kräutertee gegen Erkältung. Auf der anderen Strassenseite stehen Hagebuttensträucher. «Meine Lieblingsbeere», meint Nicole. Immer im Herbst kommt sie mit ihrem Freund zum Pflücken. Die Butten verarbeiten sie später zu Glace. Das Wissen über die Flora und ihre kulinarische Verarbeitung hat sie sich während der letzten sieben Jahre kontinuierlich erarbeitet. Nach ihrem Schlüsselerlebnis in Benin begann sie zu «wwoofen»: mit Einsätzen auf biologischen Landhöfen gegen Kost und Logis zu arbeiten. Später engagierte sie sich bei einem «Urban Farming»-Projekt in Montreuil. Doch sosehr Nicole die immer zahlreicher werdenden «Urban Farming»- und «Transition Town»-Initiativen bis heute schätzt: Das Stadtgärtnern geht ihr zu wenig weit. «Ich fühlte mich nach wie vor als Teil einer Minderheit in einem Meer von Andersartigen.» Schliesslich begann sie im Städtchen Die, nicht weit von St-Roman und ihrer Jurte entfernt, eine einjährige Ausbildung in biologischem Gemüseanbau. Die ist ein kleines Bio-Mekka – nirgends sonst in Frankreich gibt es mehr Biobauern als in der Region Rhône-Alpes, zu der die beiden Departements Drôme und Isère gehören, welche das Vercors-Massiv umfassen. Heute produzieren in Drôme über zehn und in Isère fünf Prozent der Bauern biologisch. Der französische Durchschnitt liegt bei 2,5 Prozent.

Nach dem Überqueren der Passhöhe öffnet sich eine weite und fruchtbare Hochebene. Gelb leuchtende Rapsfelder grenzen an wilde Graslandschaften, dazwischen verlieren sich schmale Waldbänder entlang des Flusses Ebron und entlang  den Rebbergen wird der Clairette herangezogen, ein prickelnder Süsswein, für den die Umgebung bekannt ist. «Die Umwelt hier gibt mir Kraft, sie lädt mich auf. Paris hingegen hat mich komplett ausgelaugt.» Oft habe sie sich erschöpft und nutzlos gefühlt – selbst wenn sie an Wochenenden durch ganz Frankreich raste, um an Diskussionen zu Ernährungssouveränität und an Antiglobalisierungsprotesten teilzunehmen. Zwar findet sie die zivilgesellschaftlichen Bewegungen nach wie vor inspirierend. «Aber hier kann ich viel mehr bewegen.» Mir kommt Mahatma Gandhi in den Sinn und sein Credo: «Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.» 

Nicole im Gärtnerfieber zusammen mit ihren Freundinnen vom «Jardin du Margarou». «Die Umgebung hier gibt mir Kraft, sie lädt mich auf. Paris hingegen hat mich komplett ausgelaugt.»
© Samuel Schlaefli

Die Néos kommen, die Kinder der Autochtones gehen

Wir fahren in Tréminis ein, wo Nicoles Freund Sylvain lebt: ein kleines, verschlafenes Dorf mit mehr Bienenkästen als Einwohnern. Die Luft ist getränkt von süssem Nektar. Eine Epicerie markiert so etwas wie ein Zentrum, einen anderen Treffpunkt gibt es nicht. Viele Dörfer im Gebiet des Vercors sind nahezu leer. Die Jungen ziehen mangels Job- und Ausbildungsvielfalt in die Stadt – ein nationales Problem: Jedes Jahr gehen Frankreich 30 000 Bauern verloren. Heute existieren offiziell noch 770 000, sie machen rund drei Prozent der Bevölkerung aus. Die Bauern werden auch immer älter: Nur noch ein Drittel ist unter vierzig. Dafür kommen jetzt die Néos, junge Menschen wie Nicole und Sylvain, die ihrer guten Ausbildung und den Entfaltungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten der Grossstadt zum Trotz aufs Land ziehen. Zwei Drittel der 30 Teilnehmer in Nicoles Ausbildungskurs in Die kamen aus der Stadt und hatten keinen bäuerlichen Hintergrund. Wie viele Néos sich in den letzten Jahren in der Gegend um den Vercors niedergelassen haben, kann niemand genau sagen. Die Neulinge tauchen erst in den Statistiken auf, wenn sie über 12 Hektaren verfügen, also über 120 000 Quadratmeter Land, und damit als professionelle Bauern anerkannt werden.

Gesucht: Geschäftsmodell für Minimaleinkommen

Sylvain hat erst 120 Quadratmeter Land – hinter dem renovationsbedürftigen Postgebäude von Tréminis, wo er seit sieben Jahren lebt. Dort zieht er Salate, Radieschen, Brombeeren, Rhabarber, Zwiebeln, Kartoffeln und Äpfel. Zusammen mit dem Hühnergehege reiche das, um sich mit Gemüse, Früchten und Eiern zu versorgen, versichert er. Den restlichen Lebensunterhalt verdient Sylvain mit Bioglace. Mit einer staatlichen Anschubfinanzierung hat er sich dafür in einer früheren «Maison pour tous» eine kleine Produktionsstätte eingerichtet. Sein Geschäftsmodell steht, das von Nicole hingegen ist noch immer schwammig. Sie hatte vor unserem Treffen von einem Waldgarten mit Beeren und Früchten geschrieben, die sie zu Säften und Glace verarbeiten möchte. Doch das passende Land fehlt. «Ein regelmässiges Einkommen wäre langsam wieder eine gute Sache», sagt sie. Nach ihrer Flucht aus Paris hatte sie ein Jahr lang Anrecht auf Arbeitslosengeld. Ihr früherer Arbeitgeber unterstützte sie während der Umschulung für ein weiteres Jahr. Derzeit lebt sie vom Ersparten und dem bisschen, was ihr Tanz- und Atemtechnik-Kurse von Zeit zu Zeit einbringen. «Mit 300 bis 400 Euro pro Monat geht das schon irgendwie.» Ihre aktuelle Geschäftsidee: eine Pilzzucht, deren Erträge sie auf den lokalen Märkten verkaufen will. Heute Morgen ist das Myzel dafür bei Sylvain eingetroffen: die fadenförmigen Pilzzellen, die sie über einen Webshop in den USA bestellt hat.

Der Staat investiert derzeit zwar viel Geld, um unter 40-Jährige für den Beruf des Bauers und der Bäuerin zu begeistern. Doch für Subventionen bräuchte Nicole zuerst einen ausformulierten Geschäftsplan und vor allem genügend Land. Letzteres macht ihr am meisten Sorgen, sei doch das Land hier genauso beschränkt und begehrt wie anderswo in Europa. «Das ist eine Art geschlossenes, aristokratisches System.» Die Parzellen bleiben meist über Generationen in den Händen der ursprünglichen Besitzerfamilien. Diese sind bei der Landvergabe äusserst vorsichtig, weil das französische Gesetz einen guten Pächterschutz bietet. Ist ein Pachtvertrag erst einmal unterschrieben, kann er von den Verpächtern während der regulären Laufzeit von neun Jahren nur noch in Ausnahmefällen gekündigt werden.  Auch Nicole und Sylvain mit ihren drei Freundinnen und Freunden vom Gemeinschaftsgarten in Prébois verhandeln zurzeit mit Bauern und Landeigentümern aus der Umgebung. Ihr Ziel: vier Hektaren. Das wären drei mehr, als sie aktuell besitzen, und würde vorerst zur Selbstversorgung und für ein ausreichendes Einkommen auf dem Markt reichen, glauben sie. In zwei Tagen werden sie sich zu weiteren Gesprächen mit Landbesitzern treffen. Ob ich sie begleiten dürfe, frage ich Nicole. «Nein, dafür steht zu viel auf dem Spiel.»

Die Autochtones stehen den Plänen der Néos skeptisch gegenüber. Sie wollen nicht «so ein Hippie-Ding» und sich zuerst vergewissern, dass es die Néos ernst meinen mit dem Bauern. «Die Jungen heute ändern ihre Pläne ja andauernd», musste sich Nicole von ihren Nachbarinnen mehr als einmal anhören. Sowieso entsprechen die Bauern nicht ganz dem Bild, das sich Nicole in Paris von ihnen gemacht hatte: Freiheitsliebend und revolutionär sollten sie sein. «In Wahrheit sind die meisten sehr konservativ und arrangieren sich mit den Vorgaben aus Paris», sagt sie heute. So zum Beispiel bei der «loi COV», die Ende 2011 verabschiedet wurde: Sie beschränkt die Weizenaussaat auf 22 Sorten und wer eigene Samen aufbewahrt, wird zu Zahlungen an Saatguthersteller verpflichtet. «Der Aufschrei der Bauern in Drôme und Isère blieb aus. Das finde ich beängstigend.»

Traumhafter Blick ins Tal der Region Trièves und auf die französischen Alpen: Hier baut Nicole ihre neue Existenz auf. Sie lebt von der Fruchtbarkeit des Bodens und im Einklang mit den natürlichen Zyklen.
© Samuel Schlaefli

Zwischen Jardin du Margarou und Paris

Von Tréminis aus fahren wir weiter zum Gemeinschaftsgarten im nahen Prébois. Ein handgemaltes Schild bezeichnet die Abzweigung auf einen Landweg zum Jardin du Margarou, einem Grundstück von 8000 Quadratmetern mit zwei grossen Treibhäusern und zwei Äckern. In den Treibhäusern wachsen Basilikum, über 20 Sorten Tomaten, Spinat, Paprika, Salat und Melisse. Nicoles Kolleginnen Faith und Calou sind gerade dabei, die Setzlinge in einen Transporter zu verladen. Morgen werden sie auf einem Biomarkt im benachbarten Mens verkauft. Die Äcker sind noch karg. Nicole hat im April einige Pfirsich- und Pflaumenbäume gesetzt. Nun inspiziert sie Blätter und Knospen und spricht zärtlich mit den jungen Gewächsen, wie zuvor mit den Setzlingen auf Sylvains Fenstersims. Viele der Bäume sind krank, stellt sie fest: von einem Pilz befallen. Vielleicht eine schlechte Sorte, vielleicht liegt es auch einfach am lehmigen Boden. Der macht den Gärtnern Sorgen: Den Grundsätzen der Agrarökologie folgend, wollten sie ihn erst nicht pflügen, um die Bodenmikrobiologie zu erhalten. Doch das funktioniert hier nicht, hat die Natur sie gelehrt. Die Margarou-Gärtner mussten sich bei einem konventionellen Bauern einen Pflug borgen.

Nicole gesellt sich zu ihren Freundinnen zum Schwatz vor dem alten Wohnwagen, der als Saatgutlager und als Küche zum Kaffeekochen dient. Die Atmosphäre ist freundschaftlich, entspannt und hemdsärmlig. Faith ist Engländerin, lebt aber schon seit vielen Jahren in den französischen Voralpen. Ihre Arme sind kräftig und von der Sonne gegerbt. Sie steckt sich eine selbstgedrehte Zigarette in den Mund. Zwischen den Zügen beisst sie in ein Stück Baguette, Schinken oder Schokolade. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, in Nicole die Pariserin zu erkennen. Ihr Faserpelz ist zwar verfleckt und die Schuhe sind zerschlissen, genauso wie bei den anderen. Aber ihre Hände sind noch nicht so dunkel und schrundig wie die von Faith und Calou. Auch wirkt ihr Lachen weniger ausgelassen und unbekümmert – als wäre sie nach wie vor ein wenig gefangen zwischen ihrer alten Identität als Pariser Künstlerin und der neuen als Biolandwirtin. «Ich weiss, ich bin anders», hat sie selbst gesagt. Die Vergangenheit lässt sich nicht einfach abschütteln. Ihr Denken ist geprägt von Jahren der genauen Betrachtung und der Auseinandersetzung mit Ästhetik. Dabei hat sie ein feines Gespür für das Transzendentale entwickelt, fürs das, was hinter den Dingen steckt. Doch ihr Vorschlag, die kommende Ernte in ein Freilufttheater zu verpacken, wurde von den anderen abgeschmettert. Und manchmal vermisst Nicole das kulturelle Durcheinander von Paris. In den wenigen Bistros in Isère trifft man selten auf einen Marokkaner, eine Filipina oder einen Musiker aus der Côte d’Ivoire. Denkt sie manchmal an Rückkehr? «Nein, im Moment kann ich mir nichts anderes vorstellen. Aber nichts ist endgültig.»


«Néoruraux» vs. «Metro, boulot, dodo»

Im 1979 erschienenen Werk «Le retour à la nature: au fond de la forêt» beschreiben die Soziologen Bertrand Hervieu und Danièle Hervieu-Leger stadtmüde Junge auf der Suche nach neuen Formen der Arbeit, des Konsums, der Gemeinschaft und der Landwirtschaft. Solche «Néoruraux» (abgekürzt Néos) fanden sie vor allem in einst ertragreichen Landwirtschaftsregionen, nun entleert, wo kleine Steinruinen mit wenig Hektaren Land für unter 10 000 Francs zu kaufen waren. Charakteristiken der Néos waren laut den Wissenschaftlern der Wille zur Isolierung und zur Abkehr von allen «Pervertierungen» der Grossstadt, die Sehnsucht nach einer intakten Natur und nach einem Leben in Einklang mit dieser und die Rückkehr ins Dorf, wo man sich kennt und Solidarität gelebt wird.

Seither wird der Begriff «Néoruraux» in Literatur und Alltag vielfältig verwendet. Einer Studie des Instituts Ipsos von 2003 zufolge sind 4,2 Prozent der französischen Bevölkerung über 15 Jahren Néos, also rund zwei Millionen Bürger. Dazu zählen jedoch sämtliche aufs Land Gezogenen aus Städten und Agglomerationen, unabhängig von Beruf und Arbeitsort. Nur 14 Prozent dieser Gruppe interessieren sich noch für die Erneuerung und Entwicklung der ländlichen Umgebung. Solche Néos des 21. Jahrhunderts sind nicht mehr mit den politisierten und utopischen von Hervieu-Leger vergleichbar.



Ich habe vor, eine umweltfreundlichere Landwirtschaft zu fördern, die den Erwartungen der Gesellschaft besser entspricht.

Stéphane Le Foll, Französischer Landwirtschaftsminister 


Kommentar Greenpeace

«Einkaufen ist ein politischer Akt. Bei jedem Griff ins Lebensmittelgestell entscheiden wir, welche Landwirtschaft wir in Zukunft haben wollen. Es sind aber auch die politischen Rahmenbedingungen, die zulassen, ob Gemüse, Obst oder Getreide mit Umweltgiften angebaut werden dürfen oder ob die Lebensmittelproduktion die natürliche Vielfalt auf den Ackerflächen respektiert und schont. Die Politik reagiert erst, wenn die Gesellschaft als ganze – also ich im Coop, du in der Migros und andere im Quartierladen – Lebensmittel aus biologischer Produktion nachfragen. Erst der Druck der Konsumenten sowie das Engagement von Umweltorganisationen und anderen Akteuren bringt die Entscheidungsträger zum Handeln.» 

Marianne Künzle, Landwirtschaftscampaignerin, Greenpeace Schweiz


Ausrichtung der Greenpeace Landwirtschaftskampage

Greenpeace setzt sich weltweit für eine moderne, ökologische Landwirtschaft ein, die sich an den natürlichen Kreisläufen und Ressourcen ausrichtet und Lebensmittel ohne Gentechnik und Schadstoffe erzeugt.

Mehr Erträge und die Rationalisierung der Produktionsabläufe waren bislang die zentralen Herausforderungen der Landwirtschaft weltweit. Doch heute wissen wir: Mit der industrialisierten Landwirtschaft sind durch den Einsatz von Kunstdünger, Pestiziden, ineffizientem Wasserverbrauch und Gentech-Pflanzen viele Probleme für Mensch, Tier und Umwelt entstanden.

Um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein, bedarf es eines radikalen und systematischen Wandels in der landwirtschaftlichen Forschung, Bildung und Praxis. Die Verfügbarkeit von Lebensmitteln und deren Produktion vor Ort sind die besten Garanten für eine lokale Ernährungssicherheit, die auf kleinbäuerlichen Strukturen aufbaut. Die Multifunktionalität der Landwirtschaft mit ihren ökologischen und sozialen Leistungen muss weltweit anerkannt und gezielt gefördert werden.

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