Basel, 1. November 1986: In Schweizerhalle brennt das Lager der Sandoz AG. Das Löschwasser spült die gelagerten Chemikalien in den Rhein. Der Rhein kippt und die Fische drehen. «Alles im Fluss!» … nicht philosophisch, sondern tragisch konkret. Rein blieb allein das Gewissen der Verantwortlichen – wer Dreck am Stecken hat, ist meist mit allen Wassern gewaschen.

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Wer ist Kuno?

 

Etwas war damals klar: das Problem. Heute, wo so vieles im Fluss ist, sind die Probleme oft weniger konkret – was gerade das Problem ist. Der Infofluss, der Bilderfluss, der Geldfluss, der Warenfluss – der Überfluss: «Ich kann mich doch gar nicht entscheiden,
ist alles so schön bunt hier!», sang einst Nina Hagen.
Und was im zunehmenden Mass erlebt wird, wird schleichend akzeptiert, selber angewandt und damit zur gesellschaftlichen Realität. So hat sich mit Handy und E-Mail die Art der zwischenmenschlichen Kommunikation gewaltig verändert, ohne dass sich im Grunde ihr Sinn gewandelt hätte.

Permanente Veränderung als Zustand in dem es keinen Stand gibt – irgendwie bewegt sich alles, - und doch nicht. Vielmehr dreht es sich. Wie das Hamsterrad um den sich bewegenden Hamster, der nicht vorwärtskommt. Wir werden auf Trab gehalten, so dass echte Bewegung praktisch verunmöglicht wird. Seit der Jugendbewegung Anfang der 1980er Jahre bewegt sich gesellschaftlich nur das, was in die Richtung geht, in die der Fluss ohnehin schon fliesst. Es bräuchte Felsen im Fluss, die mit ihren Strudeln Bewegung in den Lauf der Dinge brächten. Echt bewegt wird der Mensch nur von innen heraus – und nicht vom Mainstream, der mitreissend bewegungslos macht.

Eine eigene Strategie entwickelten jene, die sich dem Alltagsfluss durch Eintauchen in einen eigenen «Flow» entziehen. Der Jogger kennt ihn, diesen Flow – er ist drin, wenn es ihm läuft. Die Schriftstellerin, der Angler und die Buddhistin suchen diesen inneren Fluss. «Alles im Fluss» bedeutet, dass eigene Energien fliessen. Wessen Fluss sich staut, so sagen die Zentrierten, dessen Therapie müsse das Schwimmen neben dem Mainstream lehren. Was aber tun sie in ihrem Geerdet-Sein? Sie glauben, was auch Politiker meinen: Teilten alle ihre Überzeugungen, wäre alles gut. Wie auch immer: Sich gesellschaftlichen Über-Flüssen vorübergehend zu entziehen ist eine Notwendigkeit. Ebenso nötig sind Felsen im Fluss.

In den 25 Jahren seit dem Sandoz-Brand hat sich der Rhein erholt, ohne wirklich rein zu sein. Vieles ist noch im Fluss – zum Beispiel Hormone. Dummerweise können Kläranlagen nicht alles klären, was aus Schweizer Hallen und Toiletten in Flüsse gespült wird.