Und wenn sie dabei stärker werden?

«Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!». Gewiss, Friedrich Nietzsche’s Bonmot ist nicht immer wahr, aber birgt viel Wahres. Wer hat nicht schon die Erfahrung gemacht, dass sich ein Angriff, ein Versehen oder ein Fehler später als stärkendes Lernstück erwies? Dreht man die Perspektive um und verallgemeinert, lautet das Nietzsche Zitat: «Was nicht umgebracht wird, wird gestärkt.» [durch den Angriff]. Wie das Unkraut im Garten, das sich nach ungeschicktem Kampf noch stärker verbreitet. Oder wie Resistenzien: Zwar tötet das Pestizid viele Insekten, doch einige überleben, ihre Kinder werden robuster, und mit der Zeit geht das bekämpfte Insekt gestärkt hervor und wird resistent.


Und für eine Organisation lautete es: «Was den Gegner nicht umbringt, macht ihn stärker». Auch das ist natürlich längst nicht immer wahr, aber es steckt etwas Wahres drin. Jeder Angriff auf einen Gegner, jede „Erhöhung des Drucks“ auf ihn, hat nie (nur) lineare Wirkung. Also anders als es diese aus der Mechanik stammende Druck-Metapher suggeriert (nämlich, wird z.B. die Temperatur im Dampfkochtopf erhöht, steigt in ihm auch der Druck). Bei menschlichen Systemen dagegen hat jede Intervention Nebenwirkungen – sie können gar dominanter als die beabsichtigte Wirkung werden. Ein Beispiel wäre etwa die Wahlkampagne der SVP 2011, bei der die Partei die Schweiz mit ihren Plakaten zupflasterte - womit sie den Bogen überspannte, also zu viel einheizte, und Wähleranteile verlor.

 
Das scheinbar logische - weil mechanische - Bild verführt zum Glauben, man brauche nur mehr einzuheizen, um den Druck im politischen Dampfkessel genügend zu erhöhen, irgendeinmal berste er dann schon. Es sei dahin gestellt, ob eine Explosion ein gutes Resultat wäre, jedenfalls verstellt einem dieser Glaube oft den Blick; man sucht einseitig nach mehr Einheizmitteln und kaum gezielt auch nach Druckablassmöglichkeiten. Kommt zum Glauben Empörung hinzu («Wenn die das tun, dann müssen wir ...!»), werden viele blind. Wenn-Dann-Empörte ignorieren oft psychologische und systemtheoretische Einsichten wie etwa Trotzreaktionen und Rückkopplungseffekte. Genauso wie wir persönlich oft bei einem Angriff reagieren: Mit Trotz, Ausweichen, Gegenangriff oder mit Rache. Direkt, verzögert oder über Umwege.


Nun steht mit dem Internet ein neues potenzielles „Blindemittel“ bzw. Einheizmittel zur Verfügung. Man meint, gar nicht anders zu können, als es breit einzusetzen, zumal es so praktisch und effizient scheint. So sind bei den NGOs die Investitionen in den IT-Bereich im letzten Jahrzwölft schätzungsweise um das Zehnfache gestiegen. Das brachte auch eine Eigendynamik hervor: Je mehr Köche desto mehr wird gekocht. Fragt sich, was ein Gegner macht, dem online eingefeuert wird: Schnellere Einsicht, Aufrüstung zur Abwehr, oder ... ?


Wie auch immer. Häufig scheint es jedenfalls so, als ob viele Umweltbewegte einen Schuss Empörung regelrecht brauchen. Auch wenn sie dadurch die eigenen Taten im Grunde über jene der Gegner definieren. Das ist nicht immer unproblematisch und kann zu Tunnelblick oder Aktionismus verleiten, der primär die eigene Psychohygiene bedient («ich habe immerhin etwas getan») und die Sicht auf mögliche Nebenwirkungen trübt.