Langsam aber unsicher dämmert in Umweltkreisen die Einsicht, dass nicht Zahlen – seien es Tonnen CO2, Gramm Biphenyle oder Kilowattstunden Strom - der Weg zum Ziel sind. Einzuschlagen wäre vielmehr der Weg über die Lebensqualität und das Wohlbefinden, also jener der positiven Emotionen. Nichts gegen Zahlen, nur bergen sie die Gefahr, Qualität auf Quantitäten zu reduzieren. Haupthindernis für den Qualitätsweg ist, dass Umweltengagierte primär empörungsgetrieben sind. Wir brauchen sozusagen die schlechten Nachrichten, um zeigen zu können, dass wir die richtige Linie vertreten. Offenbar genügen aber Protest, Informationsverbreitung und kleinbürgerliche Verhaltensänderungs-Angebote nicht. Frappant ist jedenfalls, wie wenig Wirkung der UNO-Erdgipfel in Rio de Janeiro von 1992 nach sich zog, der eigentlich die Weltgemeinschaft aufrief, den Weg der nachhaltigen Entwicklung zu beschreiten.

 

Der Paradigmawechsel vom „stellvertretend schützen, motzen und lobbieren“ zum (auch) „Lösungen gesellschaftlich zum Durchbruch zu verhelfen“ gelang bislang nicht. Zwar schrieben wir uns die „nachhaltige Entwicklung“ nach dem Erdgipfel auf die Fahnen, doch glückte den Gegnern der Missbrauch besser (Stichwort „nachhaltige Gewinne“) als den Umweltorganisationen (UO) der Gebrauch. Symptomatisch dafür stehen z.B. die Resultate des Forschungsschwerpunkts „SPP Umwelt“[1]: In den Jahren 1992 – 2001 flossen 100 Millionen Forschungsfranken in 247 Projekte, woraus 3000 Publikationen, darunter 100 Bücher, entstanden. Auf den 10-Jahres-Erdgipfel in Johannesburg hin wurde die Umweltsituation der Schweiz in sechs dringende Handlungsfelder und 13 Empfehlungen zur Besserung zusammengefasst und veröffentlicht (siehe Kasten). Das war 2002. 2012 gelten sie noch immer. 

 

Grundwahrheiten akzeptieren
Laut Erkenntnissen der Psychologie gelingt ein gutes Leben nur, wenn man folgende Wahrheiten akzeptieren kann (und schafft man das nicht, sind Enttäuschungen wahrscheinlicher): 1. Alles verändert sich und endet irgendwann. 2. Nicht immer geht alles nach Plan. 3. Das Leben ist manchmal nicht gerecht. 4. Leiden gehört zum Leben. 5. Die Menschen sind nicht immer liebevoll und loyal. Siehe z.B. David Richo „Fünf Dinge die wir nicht ändern können und das Glück das daraus entsteht“ (Windpferd Verlag, 2008).

 Heute, zwanzig Jahre nach dem Rio-Gipfel böte sich die Gelegenheit, den für den Wechsel nötigen Boden der Lebensqualität zu geben. Statt vom Gegner gelenkt – was Protest immer ist – hiesse das, die UOs müssten das so genannte Empowerment, also die Erlangung von Lebenstauglichkeit, zusätzlich ins Zentrum ihres Tuns rücken. Ein Weg dazu ist der Weg übers Glück, oder treffender gesagt über die Zufriedenheit, wie das die Glücksforschung nahelegt. Ihm zu Grunde liegt die These, dass eine zufriedene Gesellschaft automatisch sozial- und umweltverträglicher ist - das Fundament einer nachhaltigen Entwicklung.

 

Geld allein macht bekanntlich nicht glücklich. Das zeigen u.a. länderübergreifende Vergleichstudien. Ihr Fazit: Trotz Verdoppelung des Wohlstandes in Westeuropa in den letzten 30 Jahren ist das Glücksgefühl konstant geblieben. Sind also die Grundbedürfnisse eines Menschen gestillt, bringt mehr Geld kein Mehr an Lebenszufriedenheit. Grund ist die Gewöhnung an den höheren Lebensstandard, der zum Normalzustand wird.

Dabei ist dass Streben nach Glück bzw. Lebenszufriedenheit ein konstanter Kern des Menschseins. Es setzt ein, sobald die existenziellen Bedürfnisse befriedigt sind (siehe dazu Kasten „Grundwahrheiten akzeptieren“). Weil aber eigenes Geld in (scheinbar) unsicheren Zeiten ein Sicherheitsgefühl gibt, sind in kapitalistischen Gesellschaften Geld und Konsum als Scheinglücksbringer wichtiger geworden als zufrieden machende Arbeit und Wohlbefinden. Glück kann indes nicht geplant erzielt werden - es entzieht sich der Verfügbarkeit. Beeinflussbar sind hingegen die Voraussetzungen für mehr Lebenszufriedenheit wie die Glücksforschung nachweist. Ihr gemäss wird Zufriedenheit gefördert wenn

  1. Selbstwirksamkeit und das „Sozialkapital“ zum Tragen kommen (also z.B. konzentriertes Tun, körperliche Betätigung, in der Natur sein, befriedigende Hobbies, gute Sozialkontakte, intakte Familie, erfüllende Partnerschaft, gelingender Sex, interessante Arbeit).
  2. das „Menschsein“ gestärkt wird (also z.B. die Stärkung von Gesundheit, Bildung, Für-sich-sein-können, Geborgenheit, Gruppengefühl, Spiritualität, Selbstverwirklichungs- und Autonomie-Möglichkeiten).
  3. menschliche Ressourcen gefestigt werden (wie z.B. Menschlichkeit, Fairness, Solidarität, Mässigung, Begeisterung, Beharrlichkeit, kommunikative Fähigkeiten, künstlerische Tätigkeit, Mitgefühl, Neugierde, Widerstandskraft, Hoffnung, Humor).

 

Nur wenn es gelingt, auf diesen drei Ebenen anzusetzen, kann das Streben nach dem Schein-Glück durch Konsum eingedämmt werden. Keine einfache Aufgabe, weil Konsum wie eine Droge wirkt, die ein instantes Befriedigungsgefühl liefert und für kurze Zeit den Druck der Zukunft nimmt. So wie es die Werbung verspricht: „Kauf und du wirst glücklich. Und zwar subito“. Soll Massenkonsum reduziert werden, liegt der Hund hier begraben – und nicht im „ökologischen Fussabdruck“, dieser quantitativen Sackgasse. Ähnlich wie das Sekten auf ihre Art tun, indem sie z.B. Gefühle der Geborgenheit fördern. Und was könnten weniger Sektiererische mit diesen Einsichten tun? Folgende allgemeine Ansätze wären denkbar:

  • Für sozial und ökologisch nachhaltige Arbeitsplätze eintreten bzw. sie zu schaffen helfen.
  • Solidarität und Fairness fördern. Gute Rahmenbedingungen für ein freudvolles Zusammensein zu schaffen helfen.
  • Die Aufteilung in Hand- und Kopfarbeit auflösen helfen.
  • Auf Primärerfahrungen, soziale Erlebnisse und konkrete Taten setzen.
  • Für Kooperationen statt Konkurrenz eintreten, d.h. für Leben und Handeln in Gruppenverbänden.

 

Die Rolle der Umweltorganisationen wäre dabei, Gelegenheiten dafür zu schaffen bzw. als Partnerinnen aktiv zu werden und sich so Umweltthemen vermehrt anhand von sozialen Fragen zu widmen. Sei es in Nachbarschafts-Gemeinschaften, Modellregionen [2] oder auf politischer Ebene.

 

Kurzum: Verstärkt Teil des Gegenentwurfs zum entsolidarisierenden kapitalistischen System werden und der Gleichung „Glück = Geld = Konsum“ die Lebensqualität entgegen stellen. Mit-Motor dafür sein, dass das Streben nach Glück durch Konsum mit einem Streben nach Zufriedenheit durch Sinngebung ergänzt und zum Teil ersetzt wird. Auf gesellschaftlicher Ebene geht es darum, das wachstumsbasierte „Wohlstands“-Mass Bruttoinlandprodukt (BIP) durch das Bruttonationalglück (BNG) zu ersetzen. Es steht in Bhutan im Praxistest [3] und ist das Mass für den Befriedigungsgrad der menschlichen Bedürfnisse für Wohlbefinden.

Und dem Problem, dass für den Protest gegen die Zerstörung leichter Spenden zu bekommen sind als für solch unspektakuläres Grundlegendes, wäre durch geschickte Querfinanzierung und „Story Telling“ gelingender Praxis zu begegnen.

 

 

[1] „SPP Umwelt“ googeln (www.snf.ch/SiteCollectionDocuments/medienmitteilungen/mm_02mar18_d.pdf)

[2] Ein Beispiel wäre etwa die Transition-town-Bewegung (siehe www.transitionnetwork.org) oder eine definierte Support-Rolle beim „Neustart Schweiz“.

[3] Siehe „Geld ist ein leerer Wert“, Interview mit Dasho Karma Ura, dem Hüter des Bruttonationalglücks in Bhutan (Zeitpunkt 118, S. 38ff), Zitat: „Wir müssen die technischen Innovationen (...) des Westens mit einem ganzheitlichen Pfad der materiallen und spirituellen Entwicklung verbinden, wie er in Bhutan angelegt ist. Ich hoffe auf weise und glückliche Menschen statt rücksichtsloser Egoisten“ (zeitpunkt.ch).