Nach der Abschaltung von acht Atomkraftwerken im März 2011 sind in Deutschland keine steigenden Atomstromimporte zu verzeichnen. Zu diesem Schluss kommt eine heute in Berlin veröffentlichte Studie des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace. Die Analyse widerlegt damit die oft vorgebrachte Behauptung, der Atomausstieg in Deutschland würde durch mehr Atomkraftimporte aus Frankreich konterkariert.

Atomkraftwerk Unterweser

Paul Langrock / Zenit / Greenpeace

 

"Wer darauf beharrt, ausländische Atomenergie habe die deutsche ersetzt, will nur Stimmung gegen die Energiewende machen“, sagt Niklas Schinerl, Energie-Experte bei Greenpeace Deutschland. Auch in der Schweiz wird ein ähnliches Märchen verbreitet, beispielsweise von der neuen Konzernchefin der BKW, Suzanne Thoma, die gestern in einem Interview mit dem „Bund“ behauptete, dass im Nachbarland der Ausfall der Atomkraftwerke „durch Kohle- und Gaskraftwerke vollständig kompensiert worden ist“.

Die Realität sieht aber anders aus, wie die Studie nachweist: „Die weggefallene Stromproduktion aus Atomenergie wurde zu zwei Dritteln durch die gestiegene Stromproduktion aus erneuerbaren Energien und zu einem Drittel durch einen Abbau des Exportüberschusses ersetzt“, sagt Georg Klingler, Energie-Experte bei Greenpeace Schweiz. Andere Faktoren wie der Anstieg der Erzeugung aus Braunkohle und der Rückgang des Inlandsverbrauchs hatten hingegen nur einen geringen Einfluss.

Laut Studie hat Deutschland auch weiterhin die Kapazitäten, seinen Energiebedarf zu decken und darüber hinaus Strom ins Ausland zu liefern – im Jahr 2012 zum ersten Mal seit zehn Jahren auch im Sommer dank dem Ausbau der erneuerbaren Energien. Dazu kommt, dass insbesondere im Bereich Gebäudesanierung und Energieeffizienz noch beträchtliches Sparpotential vorhanden ist.

Entscheidender Treiber für Importe und Exporte ist der aktuelle Preis an der Strombörse, nicht etwa ein drohender Versorgungsengpass. Dies zeigt die Studie mit einer fundierten Analyse der Stromflüsse zwischen europäischen Ländern, darunter die Schweiz, welche auch auf dem Strommarkt stark mit dem Ausland vernetzt ist. 

Für die Schweiz gilt: „Die rasche Abschaltung der drei ältesten Atomreaktoren (Mühleberg, Beznau I und II) ist problemlos machbar“, sagt Georg Klingler. „Ein vorausschauender Zubau der neuen erneuerbaren Energien, insbesondere der Photovoltaik, und griffige Massnahmen zum Stopp der Stromverschwendung führen dazu, dass dadurch die Importabhängigkeit nicht vergrössert wird“.