Das könnte einer der nerdigsten Greenpeace-Blogeinträge sein, den Du je gelesen hast. Ich befinde mich in einem großen Kongresszentrum in Kolumbien, wo den ganzen Tag nur geredet wird. „So wollt ihr den Wald retten?“, fragst du dich da vielleicht. Sollte ich nicht auf einem Schnellboot sitzen, um Holztransporte per Schiff zu verhindern? Der Grund, weshalb Greenpeace so eine große Wirkung erzielt ist, dass wir beides tun. Wir handeln mutig und zwingen so Unternehmen, die den Wald zerstören, ihren Kurs zu ändern. Wir stellen vor Ort Nachforschungen an, bringen Skandale ans Licht und schlagen Lösungen vor. Wir sind aber auch mit dabei, wenn mächtige Institutionen und Regierungen wichtige Entscheidungen treffen, was häufig abseits der Aufmerksamkeit der Medien unbemerkt vonstatten geht, aber tiefgreifende Auswirkungen auf die Wälder und die darin lebenden Menschen weltweit hat.

 

Über 50 Regierungen sind beim Treffen der Forest Carbon Partnership (Partnerschaft für Kohlenstoff in Wäldern) der Weltbank hier in Kolumbien vertreten, um darüber zu diskutieren, wie REDD funktionieren könnte. REDD steht für Reduced Emissions from Deforestation and Forest Degradation, also für die Reduktion von Emissionen welche durch die Zerstörung der Wälder entstehen. REDD ist das neue Schlagwort in der Welt der Wälder. Damit wird anerkannt, dass wir, um das Klima zu retten, auch unsere Wälder retten müssen, da ein bedeutender Anteil der weltweiten Emissionen durch die Entwaldung verursacht wird. Wälder sind nicht nur Heimat zahlloser Pflanzen- und Tierarten und die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen, sondern sie binden auch große Mengen an CO2. Durch REDD sollen Wege gefunden werden, finanzielle Anreize für die Regierungen zu schaffen, ihre Wälder zu schützen, anstatt sie zugunsten kurzfristiger Profite abzuholzen. Das klingt nach einer sehr guten Idee.

Ich wünschte, es wäre tatsächlich so einfach. Damit das funktionieren kann, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein – nennen wir sie einmal „Schutzmassnahmen“.

Wir müssen sicherstellen, dass die natürlichen Wälder tatsächlich geschützt werden.  Das klingt zunächst völlig selbstverständlich, aber es gibt tatsächlich Leute, die einen intakten Naturwald mit einer Monokulturplantage gleichsetzen, weil letztere ja auch CO2 bindet. Manche würden die Holzfirmen auch gerne dafür belohnen, wenn sie beim Fällen von uralten Bäumen in Primärwäldern nur etwas vorsichtiger wären. Deshalb sind „Schutzmassnahmen für natürlichen Wälder“ notwendig.

Wir müssen auch garantieren, dass die Rechte der indigenen Völker und Dorfgemeinschaften vor Ort vollständig respektiert werden und dass sie von den Waldschutzprogrammen profitieren. Sonst wäre REDD nur  ein weiteres „Land Grabbing“, bei dem am Ende die Bevölkerung vor Ort aus den eigenen Wäldern vertrieben würde.

An der Wurzel des Problems der Waldzerstörung liegen häufig eine schwache Regierung, Korruption und die mangelnde Durchsetzung bestehender Gesetze. Wenn diese Probleme nicht angegangen werden, werden wir das Schicksal der Wälder dieser Erde und der Menschen, die von ihnen abhängig sind, nicht wenden können.

Ich treffe Soikan Meitiaki aus dem Volk der Massai in Kenia. Soikan arbeitet für die Integrierte Entwicklungshilfeorganisation Mainyoito und ist ein Experte für Gemeinschaftswälder. „Der Klimawandel zerstört schon jetzt die Lebensgrundlagen der Menschen“, erzählt er mir.

Ich frage mich, was unsere Kampagne für starke Schutzmassnahmen für Soikan und sein Volk bedeutet. Er erklärt: „Unsere Rechte werden nicht respektiert. Menschen verlieren ihr Land und werden gewaltsam vertrieben. Schutzmassnahmen bedeuten Nachhaltigkeit. Die indigenen Völker wachen schon seit Jahrhunderten über das Wohlergehen der natürlichen Wälder. Starke Schutzmassnehmen stärken unsere Rechte und stellen sicher, dass die indigenen Völker vom Waldschutz profitieren. Wir brauchen Landrechte und sichere Besitztitel und wir müssen im Vorfeld informiert werden, damit wir selber entscheiden können was mit unserem Land geschieht.

Soikan ist zusammen mit Kollegen aus Asien und Lateinamerika als Vertreter der indigenen Völker hier. Er lobt die Weltbank dafür, dass sie in diese Beratungen einbezogen wurden, denn es ist wichtig, eine Gelegenheit zu haben, Bedenken zu äußern. „Wir müssen aber auch greifbare Fortschritte für uns sehen – und das ging eher langsam voran“, fügt er hinzu.

Während die Regierungen debattieren tagen die indigenen Völker Kolumbiens in einem eigenen Raum gegenüber, wo sie über Wege diskutieren, ihre Rechte zu verteidigen und zu sichern und die Unversehrtheit ihrer Wälder angesichts neuer REDD-Programme zu erhalten. Das Thema des „Mangels an Schutzmassnahmen“ kommt häufig auf.

Und hier in Kolumbien haben wir von Greenpeace gerade eine Konsultation zu REDD-Schutzmassnahmen angekündigt (Forests & People First – Zuerst der Wald und die Menschen), zu der wir alle Interessengruppen eingeladen haben. Wir hoffen, dass „Zuerst der Wald und die Menschen“ die Aufmerksamkeit wieder auf die wirklich wichtigen Themen lenken wird und dass die Regierungen am Ende den Wald wieder sehen – und nicht nur CO2 oder Geld.

„Je stärker die Schutzmassnahmen sind, umso besser sind die Programme und umso weniger Konflikte gibt es“, schlussfolgert Soikan. Da bin ich ganz seiner Meinung. Mir gefällt der Name seiner Organisation: „Mainyoito“ bedeutet „Steh auf“.

Den Report „Zuerst der Wald und die Menschen“ kannst Du hier lesen!