Vier Monate ist es nun her, seitdem sich die Aufnahmen explodierender Reaktorgebäude in Japan tief in das kollektive Bildergedächtnis eingebrannt haben. Obgleich der Schockmoment immer noch gegenwärtig ist, bleibt medial weitgehend unbeachtet, dass die Katastrophe tatsächlich immer noch fortdauert. Ein kurzer Überblick soll an dieser Stelle über aktuelle Entwicklungen informieren:

Reparaturarbeiten

Wären in Fukushima nicht Atomkraftwerke betroffen, könnte man mit ein paar Bulldozern und Raupen anrücken, das Areal plattmachen und wieder zum Tagesgeschäft übergehen. Doch weil sich in den beschädigten Gebäuden hochradioaktives Material befindet, entwickeln sich die Aufräumarbeiten zu einer Herkulesaufgabe.

Den Stall des Augias auszumisten dürfte dabei noch um einiges leichter von der Hand gehen, als vier havarierte Atomkraftwerke unschädlich zu machen. Nach eigenen Angaben wird sich Betreiber TEPCO zunächst darauf konzentrieren, abgebrannte Brennelemente aus den jeweiligen Becken in den Reaktorblöcken 3 und 4 zu schaffen, was einen Zeitraum von drei Jahren in Anspruch nehmen wird. Früher als geplant wird TEPCO mit den Arbeiten an einem 30 Meter tief ins Erdreich eingelassenen Schutzschild beginnen, der verhindern soll, dass radioaktives Material ins Grundwasser gerät.

Außerdem ist TEPCO dabei, eine behelfsmäßige Abdeckung über den Löchern im Containment von Reaktor 3 zu installieren, die die Wasserstoffexplosion in die Hülle gerissen hatte. Die Zeit eilt, da sich über dem Nordwestpazifik derzeit ein Supertaifun zusammenbraut, der bald Japans Küste erreichen könnte.  Das neue Dach ist fünf Meter lang und 16 Meter breit und soll dafür sorgen, dass weniger radioaktives Wasser in das Gebäude gerät.

9. Juni 2011: Aufräumarbeiten im Reaktorgebäude 3. Die Farbflächen zeigen die Strahlung an (Gammastrahlen-Kamera). In diesem Bereich wäre die max. Strahlen-Jahresdosis von 20 mSv in 1–2 Stunden erreicht.

© TEPCO

 

Kühlversuche

Immer noch müssen die Reaktoren ständig gekühlt werden. Und immer noch ist das keine besonders leichte Aufgabe. So ist in diesem Monat die Wasserkühlung von Reaktorblock 1 bereits drei Mal ausgefallen. Auch der Betrieb des Systems zur Reinigung des verstrahlten Wassers in Fukushima I, bestehend aus vier Kilometer Rohrleitungen zwischen den Unglücksreaktoren und einer Dekontaminationsanlage und Wassertanks, läuft alles andere als reibungslos ab – knapp einen Monat nach Inbetriebnahme des Systems ist es bereits zu 10 größeren Zwischenfällen (Wasserlecks, Abschaltungen) gekommen.

Goshi Hosono, für den Ministerpräsident Kan Ende Juni ein eigenes Ministeramt für die Atomkrise schuf, hat erklärt, dass Bewohner der Evakuierungszone erst nach einem erfolgten “cold shutdown” in das 20 Kilometer-Sperrgebiet rund um die Unglückreaktoren zurückkehren dürfen. Ein “cold shutdown” ist dann erreicht, wenn die Temperatur des Kühlwassers unter 95 Grad Celsius gesunken ist. Nach Angaben der Regierung, könnte es möglicherweise im Januar so weit sein.

Messungen

Während TEPCO bei Meerwassermessungen in der Nähe des Kraftwerks bislang keine erhöhten Werte festgestellt hat (möglicherweise aufgrund fragwürdiger Messmethoden), sind bei Pilzen aus Gewächshäusern in sechzig Kilometer Entfernung von Fukushima Daiichi Strahlenwerte festgestellt worden, die die zulässigen Grenzwerte um das Dreifache überschritten. Besonders betroffen von Kontaminationen ist außerdem Rindfleisch. In ebenfalls sechzig Kilometern Entfernung vom Unglücksreaktor wurden bei Kühen erhöhte Strahlenwerte gemessen, die auf das Verfüttern von Reisstroh zurückzuführen sind. Die Regierung hat nun breit angelegte Tests für Rindvieh angeordnet.

Nachdem Japans Ministerpräsident Kan kürzlich erklärt hatte, dass Japan nach dem Vorbild Deutschlands aus der Atomkraft aussteigen würde, ruderte er nun zurück: Bei der Erklärung habe es sich lediglich um seine persönliche Ansicht gehandelt. Atomkrisenminister Hosono hat allerdings bekräftigt, dass der Bau neuer AKW in Japan nach Fukushima unrealistisch sei. Die Pläne für einen sogenannten “schnellen Brüter” in Monju in der Fukui-Präfektur werden daher hoffentlich ad acta gelegt.

Außerdem: Die japanische Atombehörde NISA soll, um unabhängiger agieren zu können, vom japanischen Wirtschaftsministerium getrennt werden. Die Behörde hat derweil Details zu den bevorstehenden 2-Stufen- Stresstests für japanische AKW bekannt gegeben, mit denen die Widerstandsfähigkeit der Meiler gegen Erdbeben, Tsunamis und Stromausfall getestet werden soll.

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