Letzte Woche hat die Weltgesundheitsorganisation ihre erste vorläufige Analyse veröffentlicht zur  Strahlenbelastung der japanischen Bevölkerung nach der Atomkatastrophe von Fukushima. Gleichzeitig hat das renommierte Max-Planck-Institut einen eigenen Bericht herausgegeben, in dem es vor den globalen Risiken eines zukünftigen Nuklearunfalls warnt. Beide Berichte halten fest, dass nicht nur in Japan, sondern weltweit dringend verstärkte Massnahmen ergriffen werden müssen, um die Öffentlichkeit vor den Gefahren der Atomkraft zu schützen. Das Max-Planck-Institut weist darauf hin, dass sich bei der jetzigen Anzahl Kernreaktoren auf der Welt alle zehn bis zwanzig Jahre eine nukleare Kernschmelze ereignen könnte. Dies ist rund 200 Mal häufiger als man in der Vergangenheit geschätzt hat.

Der WHO-Bericht kommt aufgrund einer vorläufigen Beurteilung zum Schluss, dass zwar im grössten Teil von Japan der Einfluss der Verstrahlung  sehr gering sei. In einigen Gebieten sei die Kontamination allerdings «relativ hoch». Hinzu kamen vergangene Woche Aussagen der Betreiber des zerstörten Atomkraftwerks von Fukushima, wonach durch den Unfall mehr Radioaktivität freigesetzt wurde als bisher geschätzt.

Diese Nachrichten wurden von den Medien ganz unterschiedlich präsentiert. Einige wählten Schlagzeilen  wie «Strahlung in Fukushima unter den erlaubten Grenzwerten» (Straling Fukushima onder toegestane norm), als ob durch die Kernschmelze in den Reaktoren von Fukushima nichts Aussergewöhnliches geschehen wäre. Andere entschieden sich für eine etwas neutralere Schlagzeile wie «WHO veröffentlicht durchzogenen Fukushima-Strahlungsbericht» (WHO releases mixed Fukushima radiation report), aber auch sie hatten Mühe, die vorliegenden Zahlen zu interpretieren: Wie schlimm ist die radioaktive Verstrahlung wirklich?

Der WHO-Bericht bestätigt, dass ein grosser Teil der Bevölkerung in der Präfektur Fukushima im vergangenen Jahr einer Strahlendosis zwischen 1 und 50 Millisievert ausgesetzt war (1 mSv ist die international anerkannte maximal erlaubte Jahresdosis für die normale Bevölkerung). Dies wirkt harmlos, da viele Menschen unterdessen glauben, dass das Krebsrisiko erst ab einer Strahlendosis von mehr als 100 mSv steigt (vgl. zum Beispiel «The Children of Fukushima wait for UN study»). Tatsache ist jedoch, dass es eine „sichere“ Strahlendosis nicht gibt: Jede zusätzliche Strahlenbelastung erhöht auch das Krebsrisiko, wie die International Commission on Radiological Protection erklärt. Wenn also (wie etwa in Fukushima) grosse Teile der Bevölkerung einer Strahlendosis von 1 bis 50 mSv ausgesetzt waren, dann ist ein erhöhtes Risiko für Krebs und andere gesundheitliche Schäden zu erwarten. Diese Gesundheitsrisiken lassen sich in wissenschaftlichen Studien jedoch nur schwer klar benennen, weil eine Abgrenzung gegenüber gesundheitlichen Gefahren, die auf andere Ursachen zurück zu führen sind, oft sehr schwierig ist.

Der WHO-Bericht gibt lediglich erste Hinweise darauf, in welchem Ausmass die Bevölkerung radioaktiver Strahlung ausgesetzt war. Er enthält aber mitnichten eine Evaluation der damit verbundenen gesundheitlichen Folgen. Die vollen Auswirkungen der AKW-Katastrophe von Fukushima werden sich erst in Zukunft zeigen. Tatsache bleibt: In Japan sind nach wie vor zahlreiche Menschen einer erhöhten radioaktiven Strahlung ausgesetzt.  Dieser Befund lässt sich von keiner noch so ausgeklügelten Image-Kampagne der Atomlobby vertuschen. Es braucht daher noch viel grössere Anstrengungen, um vor allem die Menschen in den am stärksten verseuchten Gebieten zu schützen.  

 

Aus dem Englischen übersetzter Blog-Eintrag von Rianne Teule/Greenpeace International