Minister ignorieren erneut Wissenschafts-Rat

Am Wochenende legten die EU-Fischereiminister in Brüssel die Fangquoten für das kommende Jahr fest und entschieden damit, wie viel Fisch jedes Mitgliedsland aus Nordsee und Atlantik 2012 herausfischen darf. Ein «Weihnachtswunder» für so bekannte Speisefischarten wie Kabeljau, Hering, Seezunge und Scholle blieb dabei, wie in den vergangenen Jahren, aus.

Die 27 EU-Minister haben erneut die Empfehlungen der Wissenschaftler ignoriert und stattdessen viel zu hohe Fangmengen freigegeben - mit fatalen Folgen für die Fischbestände.

Die grössten Unterschiede zu den Empfehlungen der Wissenschaftler:

Kabeljau: Während die Fischereibiologen des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) für den Kabeljau im Kattegat und in der Irischen See eine Senkung der Fangmenge um 100 Prozent vorgeschlagen hatte, wurde die Quote nur um 30 Prozent gekürzt. Die EU-Kommission setzte sich aber mit dem Vorschlag durch, die Kabeljau-Fischerei im Gebiet Westschottland wegen Überfischung zu verbieten. Die Fangmengen für Kabeljau in der Nordsee liegen um einen Prozentpunkt unter dem Niveau des Vorjahrs.

Hering: 68 Prozent mehr Hering darf in der südlichen Nordsee (Fanggebiet IVc) gefangen werden, obwohl die Fischereibiologen hier nur eine Steigerung um 19 Prozent empfohlen hatten. Deutsche Kutter können gleich 140 Prozent mehr Hering fischen; 2012 werden damit insgesamt rund 405.000 Tonnen Nordsee-Hering gefischt.

Scholle: Auch für die Nordsee-Scholle gab es eine Erhöhung von 15 Prozent.

Seeteufel: Besonders die spanische Fischereiflotte kann sich freuen: Ihre zulässigen Fangmenge für Seeteufel steigt um 110 Prozent.

Bei den jährlich festgelegten Fangquoten (engl. TACs = total allowable catches) handelt es sich um Fangmengenbeschränkungen für die wichtigsten Speisefischarten. Die TACs werden von der EU-Kommission vorgeschlagen und basieren auf den wissenschaftlichen Gutachten des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) zum Zustand der Fischbestände. Die endgültige Entscheidung über die Fangquoten liegt aber beim Rat der Fischereiminister der Mitgliedstaaten.

«Wenn es mit der Überfischung so weitergeht, wird es bald keinen Fisch mehr geben, um den man verhandeln kann, stattdessen viele arbeitslose Fischer», sagt Antje Helms, Meeresexpertin BEI Greenpeace Österreich. «Die Minister müssen der Fischerei-Industrie die Rute ins Fenster stellen: Nur wenn jetzt Überkapazitäten abgebaut werden und sich Fischbestände erholen können, hat die Branche überhaupt eine Zukunft».

Dramatische Überfischung

Die Lage der europäischen Fischbestände ist dramatisch: Über 70% der europäischen Bestände gelten als überfischt. Europas Fischerei-Management gilt als eines der schlechtesten auf der Welt. Daran ist die bisherige verfehlte Fischereipolitik der EU schuld: Fangquoten weit über den wissenschaftlichen Empfehlungen waren bisher an der Tagesordnung.

Die europäische Flotte fischt zudem zerstörerisch und verschwenderisch. Ein Grossteil des jetzigen Fanges wird gefischt, getötet und dann wieder über Bord geworfen. Damit sich Europas Fischbestände erholen können, fordert Greenpeace einen massiven Abbau derjenigen EU-Fangkapazitäten, die die grössten Umweltschäden verursachen. Denn für die noch verbleibenden Fische ist die riesige EU-Fischereiflotte zu gross: Zu viele Fischer jagen zu wenig Fisch.

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