Die National Gallery in London bewahrt eine imposante Sammlung wertvoller Meisterwerke aus sieben Jahrhunderten, viele davon aus Ölfarbe. «Sehr passend!», dachte sich Shell und lud am Dienstagabend einen Kreis ausgewählter Gäste zu einer Soiree in das weltberühmte Museum. Der Ölkonzern beabsichtigt nämlich, in Bälde erneut selbst zum Pinsel zu greifen. Als Leinwand für seine neuesten Pfuschereien soll ihm dieses Mal die Arktis dienen.

Um Shell auf diese peinliche Verwechslung hinzuweisen, sind Greenpeace-Aktivisten gestern auf das Dach der Gallery geklettert und haben vor ihren altehrwürdigen Säulen ein Banner gehängt: «It’s no oil painting #savethearctic». Der Hashtag nach der Raute verrät, worum es geht: Shell hat die Arktis in den Fokus seiner wirtschaftlichen Planungen gerückt. Vier Milliarden Dollar hat der Konzern bereits in das Arktis-Projekt gebuttert, noch in diesem Sommer soll es mit Probebohrungen losgehen. Ungewöhnliche Perspektiven auf die Aktion in London eröffnen die Fotos, die die Greenpeace-Kletterer selbst vom Ort des Geschehens gemacht haben. Hut ab!

Aktivisten in London weisen Shell darauf hin, dass die Arktis kein Olgemälde ist.

Mal abgesehen davon, dass Öl rein klimabilanztechnisch eine riesige Sauerei ist, ist vor allem die Aussicht auf einen Ölunfall unter arktischen Bedingungen (unter anderem wegen der niedrigen Temperaturen) hochgradig beunruhigend. Die Ölindustrie versteht sich allgemein besser darauf, mit Ölbohrungen Milliarden zu scheffeln, als die mit beeindruckender Regelmäßigkeit stattfindenden Ölunfälle unter Kontrolle zu bringen. In lebhafter Erinnerung haben die meisten sicher das Deepwater Horizon-Unglück vor knapp zwei Jahren.

BP hat nur etwa 17 Prozent des beim Deepwater-Unglück ausgelaufenen Öls wieder eingesammelt – trotz optimaler infrastruktureller Voraussetzungen. Bei einem Ölunfall in der Arktis wären diese Voraussetzungen nicht gegeben. Die extremen Wetterbedingungen und herumtreibendes Eis würden effektive Aufräumarbeiten nahezu unmöglich machen.

Obwohl Ölkonzernen oft erschreckend freie Hand bei der Umsetzung ihrer Vorhaben gewährt wird, kam Shell nicht drumrum, der zuständigen US-Behörde einen Katastrophenplan vorzulegen. In dem Plan wimmelt es von «Lösungen», die niemals unter den harschen Bedingungen der Arktis erprobt werden konnten: Neben Rückhaltesystemen, die es noch gar nicht gibt, und Dämmen, die auf Eis nicht richtig funktionieren, beinhaltet der Plan auch Zeichnungen wie diese schnuckelige Anleitung zum Aufräumen:

Eine Grafik, die zeigen soll, wie Aufräumarbeiten aussehen sollen.

 

Aber keine Sorge: Falls alle Stricke reissen, hat Shell noch eine kläffende Wunderwaffe im Arsenal. Die kleine braunhaarige Dackeldame auf dem Bild rechts hört auf den Namen Tara. Tara und ein paar Border-Collies werden von Shell und anderen Ölkonzernen dazu ausgebildet, Öl  zu erschnüffeln, das unter die Eisschichten entwichen ist.

 

Dürfen Tiere eigentlich bei «Wetten Dass?» antreten? Ich frag nur so…

Als Ausstellungsstück im Kuriositätenkabinett könnte Shells Katastrophenplan für allgemeine Erheiterung sorgen, die spätestens nach einem schwerem Ölunfall in blankes Entsetzen umschlagen würde. Dennoch hat die US-Behörde die Narretei am Freitag abgenickt. Der Startschuss im Rennen um die besten Bohrplätze in der Arktis ist längst gefallen. Die Ölkonzerne können perfiderweise noch von der globalen Erwärmung profitieren: Weil die Arktis jedes Jahr etwas weiter abtaut, entstehen neue Schifffahrtswege zu bislang unerreichbaren Gebieten.