Dienstag, 4. September 2012

 

Stellen Sie sich vor: Wissenschaftler würden in die in die Vereinigten Staaten reisen und verabreichten dort 24 Kindern zwischen sechs und acht Jahren ein potenziell gefährliches Gentech-Produkt.

Was, wenn Sie wüssten, dass staatliche Behörden klare und deutliche Richtlinien gegen genau dieses Experiment vorgelegt hätten und das Experiment trotzdem umgesetzt worden wäre?

Sie wären ziemlich empört, oder?

Wir bei Greenpeace vermuten, dass genau das geschehen ist. Mit dem einzigen Unterschied, dass dieses Gentech-Produkt nicht in den USA, sondern in China an chinesischen Kindern getestet wurde.

The American Journal of Clinical Nutrition hat eine vom US-Landwirtschaftsministerium (USDA) unterstützte Studie veröffentlicht, bei der genmanipulierter Reis mit dem Namen «Golden Rice» an 24 Jungen und Mädchen aus der chinesischen Provinz Hunan getestet wurde. Die Kinder waren zwischen sechs und acht Jahren alt.

Bereits im Jahr 2008 hörten wir zum ersten Mal von diesem Experiment. Wir informierten umgehend das chinesische Landwirtschaftsministerium. Das Ministerium versicherte uns damals sofort, dass «Golden Rice» nicht nach China eingeführt und das Experiment gestoppt wurde.

Wie sich nun herausstellt, scheint dies nicht der Fall zu sein.

Die Gesundheit der betroffenen Kinder aufs Spiel zu setzen ist nicht das einzig Verwerfliche an diesem Fall. Es zeigt auch, wieviel Zeit, Energie und Wissen in ein Projekt investiert wird, das vor allem der Gentech-Industrie als Prestigeprojekt dient.

Die Studie präsentiert den genmanipulierten Reis als Lösung gegen den bei unterernährten Kindern häufig auftretenden Vitamin-A-Mangel.

Fakt ist, es braucht diese «Wunderwaffe» nicht. Es gibt bessere und vor allem weniger riskante Lösungen. Die betroffenen Menschen brauchen primär Unterstützung, ihre Armut überwinden zu können. Einer der wichtigsten Schritte ist, ihnen den Zugang zu einer ausgewogenen Ernährung sichern zu helfen!

Auf den genmanipulierten «Golden Rice» als Mittel gegen Vitamin-A-Mangel zu setzen, stützt ein einseitiges Ernährungskonzept – anstatt Menschen zu ermutigen und ihnen Zugang zu Gemüsen, Früchten und weiteren Nahrungsmitteln zu verschaffen! Eine vitamin- und abwechslungsreiche Ernährung würde nämlich nicht nur gegen Vitamin-A-Mangel helfen, sondern auch gegen andere Krankheiten.

Hinzu kommt:

  • Es ist bis heute nicht klar, ob Gentech-Lebensmittel, also auch «Golden Rice», für Menschen und Tiere ungefährlich ist. Studien haben gezeigt, dass Gentech-Food das Potenzial hat, allergische Reaktionen auszulösen.
  • Genmanipulierte Pflanzen gehören ganz wenigen internationalen Konzernen. Um essen zu können brauchen wir – respektive die Bauern, die unser Essen anbauen - Saatgut. Diese Firmen haben ein finanzielles Interesse daran, die Bauern von ihrem Saatgut «abhängig» zu machen.

Nach 20-jähriger Entwicklung ist dieser nicht so Goldene Reis ein undurchsichtiges Forschungsprojekt ohne Nutzen für die Welt. Mehrere 10 Millionen Dollar wurden investiert. Das Geld wäre besser für Programme verwendet worden, die tatsächliche, langfristige und bedeutende Unterschiede machen: Programme mit Nahrungsmittelergänzungen kombiniert mit verschiedenen Gemüsen oder Früchten aus Eigenanbau. Bangladesh ist eines der Länder, die von solchen Programmen bereits erfolgreich haben profitieren können.

Monica Tan, Greenpeace China