Montag, 27. August 2012

Aktion auf der Anna Akhmatova. © Denis Sinyakov / Greenpeace

Die Aktion, die wir vor kurzem in der Arktis abgeschlossen haben, ist meiner Meinung nach exemplarisch für die Tätigkeit von Greenpeace. Verschiedene Teams, die gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten und Risiken auf sich nehmen, um einer gefährlichen Industrie am Ort der Zerstörung entgegenzutreten und die Öffentlichkeit auf Umweltverbrechen aufmerksam zu machen, die im Verborgenen und ohne Wissen der meisten normalen Menschen begangen werden.

Seit dem Alter von 15 Jahren gehöre ich zu den Aktivisten von Greenpeace. Wegen meines Engagements wurde ich auch schon einmal in eine Gefängniszelle gesperrt. Niemand – auch nicht erfahrene Aktivistinnen und Aktivisten – kann allen Ernstes behaupten, keine Angst zu haben, wenn man an einer Aktion teilnimmt, die mit Risiken für die persönliche Sicherheit oder mit dem Risiko einer Verhaftung verbunden ist. Ängste dieser Art empfanden wir auch ganz deutlich in den Tagen vor der Aktion, als wir unsere verschiedenen Szenarien und Pläne durchgingen. Doch ich fühlte mich in unserem Vorhaben bestärkt, weil wir uns gegenseitig Vertrauen gaben.

Freitag, 24. August 2012

Aktion auf der Gazprom Prirazlomnaya, Russland. © Denis Sinyakov / Greenpeace

Und dann starteten wir unsere Aktion. Am frühen Morgen fuhren wir mit dem Boot zur Bohrinsel von Gazprom, wo sich meine schlimmsten Befürchtungen schon bald bewahrheiteten. Bei meinem ersten Versuch, zur Bohrinsel hochzuklettern, wurde ich von einer grossen Welle erfasst und abgetrieben, so dass ich es nicht nach oben schaffte. Ich lag mehrere Minuten im eiskalten Wasser und mühte mich mit dem Schiffstau ab. Schliesslich musste ich mich abgekämpft und schlotternd vor Kälte ins Boot zurückziehen.
Die Zukunft unserer Kinder steht auf dem Spiel. Wir haben eine Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen. Wir müssen die Menschen jetzt aufrütteln und sie dazu bringen, Verantwortung für unseren Planeten zu übernehmen.

Ich dachte an die einheimische Bevölkerung im Norden Russlands, mit der ich mich eine Woche zuvor unterhalten hatte. Ich dachte daran, in welchem Ausmass ihr Land, ihre Kultur und ihre Lebensweise durch die Ölindustrie bereits in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Gespräche mit den Einheimischen hatten mich sehr berührt, und ich hatte ihre Ohnmacht deutlich herausgespürt.

In mehrfacher Hinsicht ist es bereits zu spät, insbesondere wenn man die gestrige Nachricht über das Schmelzen des Nordpolarmeereises berücksichtigt. Es ist wirklich fünf Minuten vor zwölf.

Wenn man unmittelbar vor so einer riesigen Ölplattform steht, wird man ganz direkt mit der menschlichen Macht konfrontiert. Solche Konstruktionen sind nicht zuletzt unglaubliche Meisterleistungen der Technik und Ingenieurskunst. Wenn man sich die menschlichen und finanziellen Ressourcen vergegenwärtigt, die für die Errichtung einer Bohrinsel eingesetzt werden, denkt man unweigerlich daran, was alles realisiert werden könnte, wenn die gleichen Anstrengungen für saubere, erneuerbare Alternativenergien unternommen würden.

Als wir zu den Arbeitern auf der Plattform hochsahen, wurde uns bewusst, dass viele von ihnen eigentlich die gleiche Auffassung wie wir vertreten. Viele von diesen Angestellten auf den Ölplattformen sind wochenlang von ihren Familien und Freunden getrennt. Sie müssen einer gefährlichen Arbeit nachgehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Als Zeichen ihres Wohlwollens hielten viele den Daumen in die Höhe, und sie gaben uns mit Gesten zu verstehen, dass sie keine bösen Absichten hegten. Ein Arbeiter, der (wahrscheinlich) den Auftrag erhalten hatte, uns mit Wasser zu bespritzen, schaltete eine Pause ein und erkundigte sich, ob es uns gut gehe. Von einigen Arbeitern wurden wir mit Gegenständen beworfen, doch das war ganz klar eine Minderheit.

Montag, 27. August 2012

Aktion auf der Anna Akhmatova. © Denis Sinyakov / Greenpeace

Genau wie wir sind sie letztlich Geiseln der Industrie, die fossile Energieträger fördert. Genau wie wir haben sie keinen Zugang zu anderen Möglichkeiten. Das Ziel unserer Aktion bestand gerade darin, dies zu ändern. Als wir an dieser Bohrinsel hingen, war ich sehr erstaunt über das Ausmass an Arroganz und des Leugnens von wissenschaftlichen Erkenntnissen, das unter den Regierungsverantwortlichen und in der Industrie zu verzeichnen ist.

Deshalb schreibe ich Ihnen heute nicht als geschäftsführender Direktor von Greenpeace International, sondern als eines der Mitglieder eines Teams von Aktivisten, die einem russischen Ölgiganten, der zur Zerstörung unserer fragilen Arktis entschlossen ist, ein unmissverständliches 'Nein' entgegenhielten.
Unsere Kampagne ist bei weitem noch nicht abgeschlossen, und unsere Entschlossenheit wurde durch diese Erfahrung nur gestärkt. Die Hartnäckigkeit, die ich in dieser Woche rund um mich herum erleben durfte, die Ausdauer trotz aller Widrigkeiten und die Bereitschaft von anständigen Menschen, sich mit ihrem Leben gegen die Zerstörung der Umwelt einzusetzen, sind für mich eine grosse Inspiration.

Dienstag, 28. August 2012

Aktion gegen Gazproms Ölbohrungen in der Arktis © Denis Sinyakov / Greenpeace

Als Nächstes wird unser Schiff, die Arctic Sunrise, am Rand des Nordpolarmeereises Halt machen, um dessen Schmelzen zu dokumentieren. Dort werden wir weiterhin Zeugnis von Ungerechtigkeiten gegenüber der Natur ablegen und die Weltöffentlichkeit mobilisieren, damit sie sich unseren Anliegen anschliesst.

Bis heute haben uns knapp 2 000 000 Menschen zugesichert, mit uns zusammen den Kampf für die Arktis zu bestreiten. Und wir werden noch weitere Millionen von Menschen für unsere Anliegen gewinnen. Ich danke Ihnen für Ihre anhaltende Unterstützung. Ohne Sie könnten wir unsere Arbeit nicht machen. Ich freue mich darauf, auch in Zukunft mit Ihnen zusammenzuarbeiten.

Falls Sie Ideen oder Bemerkungen zu dieser Aktion haben, würden wir uns freuen, von Ihnen zu hören. Was würden Sie tun, um die Arktis zu schützen?