Gestern sah ich, wie sechs Haien die Flossen abgeschnitten wurden. Und so unglaublich das auch ist, so sicher ist es auch, dass davon in keiner Zeitung und in keiner Nachrichtensendung berichtet werden wird. Und das, obwohl derzeit zwischen 26 Millionen bis zu 73 Millionen Haien pro Jahr die Flossen vom Körper getrennt und auf dem freien Markt verkauft werden. Das sind 8'000 getötete Haie pro Stunde. Und der Markt boomt.

Es geschah während unserer zweiten Schiffsinspektion an diesem Tag. Ein japanischer Langleinenfischer, spezialisiert auf den Fang von Thunfisch und Thunfischähnlichen Arten. Wir waren ca. 200km von der Küste entfernt in einem Gebiet, das aus unterschiedlichen Gründen nicht sehr häufig patroulliert wird. Mit uns an Bord, zwei Fischereiinspektoren aus Mosambik, ermächtigt die Schiffe zu inspizieren und den Fang zu kontrollieren. Auch dahingehend, ob er mit den Lizenzen der Fischer übereinstimmt.

Mittwoch, 26. September 2012

©Paul Hilton / Greenpeace In dem Moment an dem wir an Bord kommen, lehnen sich die Fischer gerade über die Seite des Schiffes, um einen Blauhai an Bord zu hieven.

Die Crew an Bord, etwa 20 Personen, war freundlich und gerade dabei, sich vorzubereiten ihre Leinen – diese unglaublich langen Leinen -  einzuholen. Wir sprechen hier von einer Art Angelschnur mit einer Länge von 120km. Im Abstand von 40-50 Metern sind daran weitere Angelschnüre befestigt. Diese wiederum sind mit je einem Haken und einem Köder versehen. Insgesamt wird also mit einer Angelschnur mit 3000 Haken gleichzeitig nach Fischen «geangelt». Für die Strecke der Langleine müsste man mit einem Auto eine Stunde lang sehr schnell fahren und käme alle 2 Sekunden an einem Haken vorbei.

Morgens wird die Langleine am Heck des Schiffes ausgelegt und Abends wieder eingeholt. Jeden Tag.

Während der Inspektion fanden wir eine Ablage auf der Haiflossen zum trocknen auslagen. Ich zählte etwa 30 Stück. Viele von Ihnen noch ganz frisch. Die Lizenz, die das Schiff bei sich führt, erlaubt  es den Fischern die Flossen von Haien abzutrennen -  allerdings darf die Menge der Haiflossen an Bord 5% vom gesamten Haifang nicht übersteigen. Haie gelten nach wie vor als Beifang -  auch in den Papieren die das Schiff mit sich führt, sind Haie -  anders als Thunfisch -  nicht die angegebene Zielspezies. Da jedoch die Nachfrage nach Haiflossen immer weiter steigt, wird auch der Preis weiter in die Höhe getrieben, was Haiflossen zu einer begehrenswerten Ware macht.


Auf Deck werden derweilen die verschiedenen Werkzeuge und Geräte bereitgelegt und die grossen Räder fangen an, die Langleinen einzuholen. Ich stand auf einer erhöhten Plattform, von der ich einen guten Überblick über das gesamte Fangdeck hatte, ein Art Vogel-Perspektive auf die Besatzung und ihre automatisierten Abläufe. Gespräche oder Befehle schienen unnötig zu sein. Die Crew hatte diesen Tanz sicherlich schon tausendmal getanzt, und sie würde ihn auch weiterhin tanzen -  zumindest für die nächsten 12 Stunden: Solange dauert es nämlich eine Langleine von 120km Länge einzuholen.

Der erste Fang der an Bord gehievt wird ist ein Blauhai und auch für dieses Ereignis hat die Crew einen einstudierten Bewegungsablauf.  Eine Gruppe der Männer sammelt sich um den Hai, der gerade an Bord gezogen wurde. Ich fange an über diese Männer nachzudenken: Wie viel bezahlt man ihnen wohl, damit sie diesen Job machen? Wie lange sind sie schon von Ihren Familien getrennt? Einer der Männer ist bestimmt schon  60 Jahre alt doch er macht genau denselben Job wie alle anderen auch: Leinen einholen, Fisch vom Haken trennen und weiter reichen, einpacken, auspacken, zupacken -  12 Stunden am Stück. Er hat ein Tuch zu einem Stirnband gerollt und bückt sich ein wenig, wenn er geht. Vielleicht zeigt er den jüngeren Crewmitgliedern wie es geht und liebt seinen Job. Vielleicht aber hasst er ihn auch.

Der Hai der an Bord gezogen wird, ist noch am Leben. Es ist ein guter Fang. Später, wenn alles vorbei ist, wird mich der Fotograf darauf hinweisen, dass der Hai die Augen die ganze Zeit über geschlossen hielt. Sicherlich ein Instinkt, zumindest hoffe ich das. Der Hai ist eine Sie. Zuerst schneiden die Fischer ihr den Kopf ab. Danach kommen die Flossen dran. Ein 200kg schweres Tier geschlachtet für ein, vielleicht zwei Kilo Flossen, die in einer Suppe landen. Und das 8'000 Mal am Tag. Doch wie ich schon sagte: Das ist nichts Neues – es geschieht die ganze Zeit. Überall. Und ist dazu ausserdem völlig legal.

Ein weiblicher Hai wird wegen seiner Flossen getötet und ausgeweidet während ihre  ungeborenen Babies hilflos auf Deck zappeln.