Heute ist Hapsoro, der indonesische Waldkampaigner ins Camp gekommen. Nach der morgendlichen Yoga-Session, an der fast alle teilnehmen, ergreife ich die Chance, mit Hapsoro über seine Arbeit und sein Leben zu reden. Doch darüber mehr in einem speziellen Blog...

Denn kaum setze ich mich hin, um diese Zeilen zu schreiben, kommt schon Bewegung ins Camp. Der Besuch der Regionalbehörde (Bupati, Bezirksebene) war schon lange angekündigt, nun ist der Vertreter des Bupati, Rizal Purmono, im Camp eingetroffen. Er wird von sechs weiteren Ressortchefs, der Polizei und verschiedenen Dorfchefs der Umgebung begleitet. Dazu haben sich noch der Ältestenrat und ein Einwohnerausschuss von unserer gastgebenden Gemeinde Kuala Cenaku eingefunden.

Alle Notabeln setzen sich hin, die Dorfbewohner und die restlichen CampbewohnerInnen stehen um den Sitzkreis herum. Puromono ergreift das Wort und erklärt Hapsoro, dass sie gekommen seien, um die Legalität des Camps, der technischen Ausrüstung und der CampbesucherInnen, speziell der Ausländer, zu überprüfen. Purmono zitiert dabei aus diversen sehr offiziell aussehenden Dokumenten.

Dann folgt Hapsoros Replik. Er erwähnt diverse Facts aus dem Waldkampagnen-1mal1 (politische Forderungen für den Erhalt des Waldes), die offensichtlich selbst diese Notabeln nicht wissen, z. B. dass die Nutzungskonzession für die Firma Datu Palma, gleich neben dem Camp, illegal ist, da unsere Messungen bewiesen haben, dass die Torfschicht hier bis zu 8 Metern dick ist, also bei weitem mehr als die für die Nutzung gesetzlich zulässigen 2 Meter. Nach Hapsoro kommen die Ressortschefs dran, die ihre Reden jeweils auch mit Dokumenten untermauern. Bis dahin geht es sehr gesittet zu und her, es wird immer wieder ein Scherz gemacht, alle lachen, als könnten sie damit die gespannte Atmosphäre auflockern.

Bupati-Vertreter Purmono, Dorfchef Bak Mursyid und Greenpeace-Campaigner HapsoroDoch dann ist plötzlich Schluss mit dem Lächeln: Der Dorfchef von Kuala Cenaku, Bak Mursyid, ergreift das Wort und trägt den Anwesenden die Sichtweise des Dorfes vor. Er ist sichtlich erregt und erklärt, dass sie Greenpeace nicht eingeladen hätten, aber dass sie gerne auf die Anfrage von Greenpeace eingegangen seien, und der Organisation erlaubt hätten, ein Camp zu errichten. Er ist empört, weil ihm unterstellt wird, er habe sich von Greenpeace bestechen lassen, um die Bewilligung auszustellen.

Bak Mursyid bei seiner sehr emotionellen RedeObwohl ich nicht viel verstand, begriff ich, dass dieser Mann die Gelegenheit wahrnahm, der angestauten Frustration vieler Jahre endlich Luft zu machen. Zwischendurch streckte er die Faust in die Höhe, was von den Dorfbewohnern mit einem lauten «Siap» («wir kämpfen») im Chor beantwortet wurde. Schliesslich konfrontierte er Purmono mit der Aufforderung seitens der Bezirksregierung, seine Bewilligung rückgängig und Greenpeace aus seiner Gemeinde rauszuwerfen. Da kam er so in Rage, dass er sein Uniformhemd mit einer Bewegung aufriss. Es war klar, dass diese Geste direkt gegen Purmono gerichtet war. Es herrschte grosse Spannung. Sury, die Camp-Krankenschwester, die für mich übersetzte, stockte und schwieg.

Ich bekam Gänsehaut und einen Kloss im Hals – einerseits, weil ich merkte, wie wichtig dieses Forum ist. Die Präsenz von Greenpeace erlaubte der Gemeinde, ihre Rechte endlich einzufordern. Andererseits bewunderte ich den Mut dieses Mannes, weil es klar war, dass er sich mit seinem Auftritt keine Freunde in der Regionalregierung gemacht hatte. Sein Leben ist von jetzt an wirklich in Gefahr.

Bak Mursyid auf dem Entwaesserungskanal der PalmoelfirmaBak Mursyid empörte sich speziell darüber, dass Greenpeace für das Camp eine Baubewilligung braucht. Er fragte Purmono, ob sie und die Dorfbewohner auch eine Baubewilligung haben müssten, und die Leute flussaufwärts, die hätten nämlich alle keine. Wieso also Greenpeace? Und was sei denn mit den Holzfällercamps 2 km weiter im Konzessionsgebiet? Er forderte die Notablen auf, dies auf der Stelle nachzuprüfen und mit uns die Holzfällercamps zu besuchen. Darauf waren sie natürlich nicht vorbereitet und konnten nicht auf seine Forderung eingehen. Aber es gab einen Augenschein der Zerstörung am Rande der Konzession.

Gruppenbild vor dem Balai Adat, unserem CamphausDanach veränderte sich alles. Purmono telefonierte mit dem Bupati (dem Distrikschef) und schilderte theatralisch alle Sorgen der Dorfbewohner. Daraufhin sprach er ihnen seine volle Unterstützung zu.Purmono erhaelt ein Greenpeace-T-ShirtWir ergriffen die Gelegenheit, ihm ein Greenpeace-T-Shirt zu übergeben und verbrüderten uns mit ihm. Er wiederum lud mich zum Dinner bei sich ein. So endete also dieser erlauchte Besuch.

Kurz danach ging es weniger foermlich weiter, Abwasch war angesagt. So schnell wechselt im Camp die Szenerie...

Christian und Yoyono beim Abwasch10 Punkte für diejenigen, die diesen umfangreichen Blog zu Ende gelesen haben
;) Liebe Grüsse aus Sumatra, Christian