Aktivwerden

Weil individuelles Handeln nicht reicht

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Informationsseite - 13. Februar, 2013

Irgendwann ist es offensichtlich: Die Missstände, die dich stören, werden nicht energisch genug angepackt. Oder es treten neue Probleme auf, und niemand kümmert sich. Dann ist es Zeit, selber aktiv zu werden!
Aber wie? Ein erster Schritt ist, die Sache in deinem Umfeld anzusprechen. Die eigene Betroffenheit zu formulieren. Dich zu informieren, im Internet, in Büchern und Zeitschriften, und Literatur zum Thema zu lesen. Dann: auf Zeitungsartikel zu reagieren, sich an Diskussionen in der Öffentlichkeit und im Web zu beteiligen. Du kannst Verantwortliche anschreiben, freundlich, aber hartnäckig und unbequem: Grosse Organisationen, egal ob Unternehmen, Verbände, Parteien, Behörden oder Medien, reagieren oft erst auf Druck ihrer Mitglieder, Leserinnen, Wählerinnen oder Kunden.
Um nicht als Einzelkämpferin dazustehen, brauchst du Verbündete. Die Probleme sind meistens so gross, dass du sie nicht alleine lösen kannst. Oft betreffen sie die ganze Gesellschaft. Wenn dich das Gefühl packt, etwas ändern zu müssen, kannst du fast sicher sein, dass es anderen genauso geht. Aber du musst sie fin-den. Das Internet hilft: In Foren, sozialen Medien und Blogs nehmen Gleichgesinnte Kontakt miteinander auf. Die Herausforderung besteht darin, vom Virtuellen ins Reale zurückzufinden, von der Theorie zum Handeln. Nutze oder schaffe dafür Treffpunkte, wo diskutiert, geplant, beschlossen, organisiert werden kann. Welchen Ansatzpunkt wählen wir? Welche Kenntnisse und Ressourcen stehen uns zur Verfügung? Welche Aktionsformen eignen sich? Nicht alle Fragen müssen bis ins letzte Detail geklärt sein, um loslegen zu können. Der erste Schritt zählt. Die erste Wirkung, so klein sie sein mag, wird nicht auf sich warten lassen.
Jedes Problem hat eine persönliche, eine kollektive und eine globale Dimension. Also kann es auf diesen drei Ebenen angegangen werden. Fluglärm stört meinen Schlaf. Er beeinträchtigt mein Quartier, meine Gemeinde. Der Flugverkehr trägt zum Klimawandel bei. Für mich persönlich «lösen» kann ich das Problem, indem ich wegziehe — das Problem besteht aber weiterhin für das Kollektiv und auf globaler Ebene. Kollektiv können wir fordern, die Flugzeiten einzuschränken. Die globale Dimension hilft uns, das lokale Problem in den weltweiten Kampf gegen den Klimawandel einzubinden — mit Verbündeten von Grönland bis Australien.
Die Möglichkeiten, aktiv zu werden, sind vielfältig. Sie reichen von trockener Schreibtischarbeit bis hin zu spektakulären Aktionen, die Spass machen können, aber auch vollen Körpereinsatz verlangen. Letzteres liegt nicht allen. Wichtig aber ist, dass du erkennst, dass dein Beitrag dann am wertvollsten ist, wenn er dir am meisten entspricht. Bist du eine Führungspersönlichkeit oder die stille Schafferin im Hintergrund? Willst du einer eigenen Idee zum Durchbruch verhelfen, oder geht es dir eher darum, Leute kennenzulernen, um gemeinsam eine gute Sache zu unterstützen? Hast du keine Mühe, in der Gruppe das Wort zu ergreifen? Oder schreibst du lieber? Willst du die Welt retten oder dich selbst? Ehrlichkeit ist in jedem Fall eine Voraussetzung, um ein Ziel anzusteuern. Engagement ist eine Chance, seine eigenen Fähigkeiten zu testen und zu entwickeln. Als Belohnung winkt das Gefühl, nicht alles passiv hinnehmen zu müssen, sondern aktiv einen Unterschied machen zu können.

Was du tun kannst

  • «Es gibt nichts Gutes, ausser: Man tut es!»: Der erste Schritt zählt.
  • «Erkenne dich selbst!»: Schaff dir Klarheit über deine eigene Motivation, deine Fähigkeiten, deine Ziele, deine Absichten und, wichtig, über deine körperlichen und psychischen Möglichkeiten. Sei anderen gegenüber transparent darüber.
  • «Think global, act local!»: Globale Probleme haben immer eine lokale Dimension. Geh von deiner eigenen, unmittelbaren Betroffenheit und deinem persönlichen Wirkungskreis, deiner eigenen Reichweite aus.
  • «Tu Gutes und sprich darüber!»: Vernetze dich und teile deine Informationen mit anderen. Das ist keine Eitelkeit. Vorbilder wirken stimulierend.

 

Bearing Witness

heisst «Zeugnis ablegen» und ist ein Grundprinzipvon Greenpeace und vielen anderen Gruppen der Friedensund Ökobewegung. Durch ein Transparent am eigenen Balkon seine Meinung kund zu tun gehört ebenso dazu, wie an einer Mahnwache vor der Aktionärsversammlung eines Konzerns teilzunehmen. Immer geht es darum, einen auf eigener Erfahrung begründeten Standpunkt öffentlich zu machen. Je persönlicher die Aktion und ihre Vermittlung rüberkommt, desto mehr wirft man die eigene Glaubwürdigkeit in die Waagschale. Das kann auch heissen, sich einen Aspekt des Problems vor Ort anzuschauen. Wer sich zum Beispiel gegen Investitionen von Schweizer Stromproduzenten in ausländische Kohlekraftwerke engagiert, tut gut daran, mit Betroffenen vor Ort Kontakt aufzunehmen.

Demonstrationen

«Demos» können sehr eindrucksvolle Machtdemonstrationen sein und der Welt und den Mächtigen zeigen: «Wir sind viele, die das Gleiche wollen!» Sie stärken das Gefühl: «Ich bin nicht alleine.» Und sie bewirken Veränderung. Aber auch kleine Demonstrationen sind sinnvoll, wenn die grossen Massen damit nicht angesprochen werden, sondern ein inspirierendes Beispiel gesetzt wird.

Eine spassige Variante der Demo heisst Flashmob: Dabei tauchen scheinbar zufällig Leute an einem bestimmten Ort auf und sorgen mit einer zuvor abgesprochenen Intervention für Verwirrung. Ähnlich funktioniert Critical Mass, auch bekannt als Velodemo. Weil plötzlich viele Velofahrerinnen gleichzeitig die gleiche Strecke befahren, dreht sich der Spiess um: Die Strasse gehört dem spritfreien Vehikel, die Autos stecken fest. Beide Formen haben den Vorteil, dass sie ohne Organisationskomitee und langwierige Vorbereitungen durchführbar sind.

Direkte Demokratie

Wer mit dem Schweizer Pass ausgestattet ist, darf bekanntlich ständig zu allen möglichen Fragen JA oder NEIN sagen. Das ist eine deutlich direktere und spezifischere Teilhabe an Entscheidungsprozessen als in den meisten anderen Demokratien. Das sollte man nutzen. Gerade auf der Gemeindeebene genügen oft ein paar engagierte Leute, um einen Golfplatz einzulochen oder das Schulhaus mit Solarzellen zu bestücken. Um Mehrheiten zu erzielen, hilft es, aus dem klassischen Links-Rechts Schema und der Ökoecke auszubrechen und frühzeitig überraschende Allianzen zu suchen — mit der nötigen Vorsicht, versteht sich: Auf die Mehrheit zu schielen birgt auch Gefahren, wenn dabei die eigenen Grundsätze über Bord gehen. Gegenüber Umweltschutz auf Kosten der sozial Schwächeren und als Deckmantel für Rassismus sollte von Anfang an klar Position bezogen werden.

Aber die richtige Meinung ist oft nicht mehrheitsfähig. Um Abstimmungsniederlagen besser verdauen zu können, hilft eine sportliche Haltung. Die Instrumente der direkten Demokratie, Unterschriften sammeln etc. (siehe unten), sind immer gut, um Diskussionen loszutreten und Themen zu setzen. Gerade bei sogenannten utopischen Initiativen ist damit das Ziel bereits erreicht, weil das Spektrum des Vorstellbaren bei einer wachsenden Anzahl von Menschen erweitert wird und ein Grundstock für den nächsten Anlauf gelegt ist.
Bei allem Respekt vor den Möglichkeiten der direkten Demokratie sollte man nicht vergessen, dass dabei manches unter den Tisch fällt: 20 Prozent der Bevölkerung sind von vornherein ausgeschlossen, weil sie nicht den richtigen Pass besitzen. Viele der wichtigsten Fragen werden international entschieden oder ausgeklammert, weil sie in den Bereich der Privatwirtschaft fallen. Und sowieso: Engagement hat mehr Farbtöne als nur Ja und Nein und 49 zu 51 Prozent.


Gewaltfreie direkte Aktion

Die gewaltfreie direkte Aktion ist die eigentliche Königsdisziplin der Ökobewegung seit den 1970er-Jahren. Im Englischen hat die non violent direct action ihr eigenes Kürzel: NVDA. Hier kommen verschiedene Elemente zusammen, die auch bei anderen Aktionsformen mitschwingen, aber selten so deutlich hervortreten:

Selbstverantwortung
heisst, selbst das Richtige zu tun und nicht an professionelle «Verantwortungsträger» zu delegieren (selbs wenn diese noch so sehr darum bitten). Politikerinnen, Wirtschaftsführer, Gurus und Experten scheinen mehr Macht zu haben als die meisten, doch wir müssen nicht auf sie warten und endlos bitten, um etwas zu verändern. Wo die Probleme offensichtlich sind, können wir direkt eingreifen.

Handlungsmacht
beruht dabei zuerst auf der eigenen Menschlichkeit anstatt auf den gesetzlich vorgesehenen Verfahrenswegen. Man muss nicht erst die Mehrheit überzeugen, um das Richtige zu tun — Veränderungen werden oft zuerst von scheinbar radikalen Minderheiten angeregt. Man sollte sich aber der möglichen Folgen des eigenen Handelns bewusst sein.

 

Kohärenz
ist die Übereinstimmung von Wort und Tat. Als Ausdruck einer tiefen Überzeugung verleiht sie Glaubwürdigkeit. Wer die etablierte Norm verändern will, wird unweigerlich den Zeigefinger auf sich gerichtet spüren: «Du willst mir vorschreiben, ich soll im Winter keine Erdbeeren essen, dabei kommen deine Schuhe aus China.» Das Dilemma ist klar, niemand kann von einem moralisch perfekten Punkt aus argumentieren. Doch in der Art und Weise, wie eine Aktion geplant und durchgeführt wird, kann man versuchen, die Welt, die man sich wünscht, vorwegzunehmen — im Kleinen, für kurze Zeit —, um die Idee zu vermitteln, dass es auch im Grossen möglich wäre.

Gewaltfreiheit
ist dabei ein wesentliches Element für die Kohärenz von Zweck und Mitteln. Eine friedliche Welt mit gewaltsamen Mitteln zu erzwingen wäre ein Widerspruch in sich selbst. Eine freie und gleichberechtigte Gesellschaft lässt sich nicht mit autoritären Organisationen verwirklichen.

Medienarbeit

ist Teil fast jeder Aktion, sei es, um im Vorfeld Leute zu erreichen, die mitmachen möchten, oder um die Botschaft in die Stuben der Daheimgebliebenen zu bringen. Wichtiges Instrument sind ein Pressecommuniqué mit prägnant und direkt zitierbaren Textpassagen für gestresste Journalistinnen, dazu zwei, drei gute Bilder.

Selbstredend sind direkte Kontakte zu Medienschaffenden, die interessiert sind, auch länger am Thema dranzubleiben, sehr hilfreich.
Dank Internet, Blogs und Social Media muss man nicht mehr ausschliesslich auf die klassischen Medien warten, sondern kann die eigenen Inhalte sofort und ungefiltert in die weite Welt schicken. Um in der Informationsflut etwas Aufmerksamkeit zu ergattern, reicht es aber nicht, einfach etwas «ins Netz» zu stellen. Relevanz und Glaubwürdigkeit muss man sich weiterhin erarbeiten.

Peer-to-peer

Der Begriff heisst übersetzt «Gleicher zu Gleichem» und stammt eigentlich aus der Computerwelt. Immer häufiger benutzen aber auch soziale Bewegungen die Prinzipien der «Querkommunikation», besonders fürs Fundraising (Spendenbeschaffung). Die erste Kampagne von US-Präsident Barack Obama setzte erfolgreich auf diese Methode.
Die Idee ist einfach: Eine Organisation, ein Verein, eine einzelne Person motiviert seine Anhänger, ein ganz bestimmtes Anliegen innerhalb ihrer Peergroup (des persönlichen Umfeldes wie Nachbarschaft, Freundeskreis, Arbeitskolleginnen) zu promoten. So kann die Reichweite einer Idee oder Kampagne multipliziert werden. Dazu bietet die Initiantin ganz bestimmte «Werkzeuge» (neudeutsch: Tools), die eingesetzt und weitergegeben werden können. Das kann alles sein, was man fürs Unterschriftensammeln für eine Petition braucht: z. B. Informationen und ein Video, die jede für einen Vortrag anlässlich eines Abendessens im Freundeskreis mit anschliessendem Spendenaufruf verwenden kann.
Eigentlich unterscheidet sich das kaum von klassischen Kettenbriefen und Tupperware-Partys. Aber wir würden nicht im digitalen Zeitalter leben, wenn es für diese Form des Engagements nicht eine aufs Internet gestützte Variante gäbe. Ob via Social Media wie Facebook oder auf spezialisierten Online-Plattformen, der Trick ist, dass sich die Teilnehmerinnen einer solchen Kampagne im Internet selbst organisieren, vernetzen und das Engagement auch gleich publizieren können. Denn: «Tu Gutes und sprich darüber.»

  • Onlinebasierte Peer-to-peer-Aktionen funktionieren am besten, wenn sie einen Bezug zur «realen» Welt haben, d.h., wenn das Resultat der Aktion konkret und fassbar ist, zum Beispiel: «1000 Franken für eine Schule in Ruanda sammeln».

Petitionen

Die Petition, von Lateinisch petitio, «Bittschrift, Gesuch, Eingabe», ist das vielleicht am weitesten verbreitete Mittel, um aktiv zu werden. Sie funktioniert auf jedem Level und zwingt einen, eine Forderung klar zu formulieren, sie zu Papier zu bringen, verantwortliche Adressaten zu identifizieren und anzufangen, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. Wer sind wir, was wollen wir, von wem und wieso? Wer kann uns helfen, das Anliegen in verschiedene Kreise zu tragen? Auf diese Fragen Antworten zu haben ist auch für alle anderen Formen des Engagements wichtig. Eine Petition braucht nicht immer Tausende Unterschriften, um als erfolgreich angesehen zu werden. Je nach Anliegen kann man damit auch im Kleinen Erfolg haben: Wenn (fast) alle Mieterinnen eines Gebäudes einen gemeinsamen Pflanzplatz wünschen oder viele Esserinnen einer Mensa mehr vegetarische Speisen auf dem Speiseplan, kann man sein Anliegen selbstbewusster vorbringen und steht nicht als einzelne Querulantin oder als Nörgler da.

Rechte

 

Rechtliche Schritte

sind zum Beispiel Einsprachen gegen Bauprojekte oder Anzeigen von irreführenden Produktdeklarationen. Weil Juristen und Behörden ihre eigene Sprache sprechen, braucht es dafür oft professionelle Unterstützung. Das kann teuer werden, darum bietet es sich an, mit Verbänden zusammenzuarbeiten, die das nötige Know-how haben. Wer den Jargon beherrscht, kann damit gute Resultate erzielen.

Treffpunkte

Ob am Stammtisch, im Quartiertreff, innerhalb einer Wandergruppe oder im Jugendhaus — überall gibt es Möglichkeiten, Themen einzubringen und Aktivitäten vorzuschlagen, sei es ein Filmabend oder ein Besuch auf einem Bio-Hof. Für ein spezifischeres Engagement sind ein Treffpunkt und das Festlegen verbindlicher Termine hilfreich. Wer will, kann gleich einen Verein gründen.

Unterschriften sammeln

Das Sammeln von Unterschriften für Petitionen, Initiativen und Referenden ist eine gute Möglichkeit, mit unterschiedlichsten Leuten zu einem Thema ins Gespräch zu kommen und die eigenen Argumente zu schärfen. Das gelingt dort am besten, wo Menschen Zeit und Musse dafür haben und dem Anliegen tendenziell positiv begegnen. Bushaltestellen, Einkaufsmeilen, in der Nähe des Bahnhofs (auf öffentlichem Grund braucht es keine Bewilligung der SBB) sind gute Standorte. Noch besser eignet sich ein sonniger Samstagnachmittag im Park oder ein Anlass, ein Fest oder eine Veranstaltung, wo tendenziell Menschen unterwegs sind, die mit dem vorgebrachten Anliegen sympathisieren. Dabei gilt: Unterschriften mindestens zu zweit sammeln und eine lockere Stimmung verbreiten, und wenn die Aktion ins Stocken gerät, lieber eine Pause einlegen. Besonders effizient ist es, Gruppen anzusprechen, weil man so das Thema nur einmal erklären muss. Damit sofort klar ist, dass man kein Geld will und nicht für eine Sekte wirbt, kommst du am besten direkt zur Sache: «Hallo, hast du die Initiative X schon unterschrieben?» Und damit die Sache effizient bleibt, besser nicht auf endlose Diskussionen einsteigen, sondern nach zwei, drei Versuchen einen Flyer übergeben oder auf die Webseite verweisen.
Für Initiativen und Referenden dürfen nur volljährige Schweizer Bürgerinnen unterschreiben, und zwar handschriftlich mit schwarzem oder blauem Kugelschreiber. Für jede Gemeinde benötigt man einen eigenen Unterschriftenbogen! Die ausgefüllten Bögen müssen danach an die verschiedenen Gemeinden geschickt werden, um sie beglaubigen zu lassen. Da heisst es, Ordnung zu halten und den Überblick nicht zu verlieren, besonders bei Anlässen wie Open Airs, wo Leute aus dem halben Land zusammenkommen. Petitionen sind dagegen unkompliziert, alle dürfen unterschreiben, und eine offizielle Beglaubigung ist nicht nötig.

Ziviler Ungehorsam

 

Aktivismus

Der Aktivismus ist ein besonders merkwürdiger «-ismus»: Man könnte meinen,
aktiv zu sein (statt passiv) sollte das Normalste der Welt sein. Zwar nicht ständig, aber dann, wenn es nötig ist. Stattdessen stellt man sich Aktivistinnen gerne als heldenhafte Supermenschen vor, die pausenlos, ohne Angst und Müdigkeit auf Kräne klettern, sich an Eisenbahnschienen ketten und keinen Aufwand scheuen, sich den Mächtigen in den Weg zu stellen. Das ist nur die halbe Geschichte. Hinter jeder Aktion stehen viele unsichtbare Hände, Köpfe und Herzen, die scheinbar kleine, aber entscheidende Beiträge liefern. Aktivistinnen, die sich neben einem ganz gewöhnlichen Broterwerb engagieren und anderen für die gemeinsame Sache zuarbeiten.
Aktionen, die nach oft mühsamer Vorbereitung auf den Tag oder die Woche X hin stattfinden, verlaufen häufig turbulent. Man findet sich im Zentrum von sich überstürzenden Ereignissen und starken Emotionen wieder, die einen danach völlig entkräftet ausspucken. Überglücklich, wenn es geklappt hat, zu Tode betrübt, wenn es in die Hose ging. Das oben erwähnte, verzerrte Bild der Aktivistin entsteht daraus, dass für Aussenstehende nur die Spitze der Aktion sichtbar wird, und auch das meist nur durch den Filter der Massenmedien. Es gibt aber auch ruhige, kontinuierliche Formen des Aktivismus, die ohne Schlagzeilen wirksam sind. Grundlegend ist, dass Aktivistinnen nicht nur ihr persönliches Verhalten ändern wollen, sondern Grösseres im Sinn haben: die Gesellschaft als Ganzes, die Strukturen, die Gesetze, die Entscheidungen der «Mächtigen» ein Stück weit in die Richtung zu verschieben, die wir uns wünschen.
Die «aktivistische Laufbahn» beginnt oft mit einem Schlüsselerlebnis. Ein Bruch im normalen Lauf der Dinge. Sich aus eigenen Kräften, gemeinsam mit anderen, gegen die Ohnmacht auflehnen und etwas erreichen, kann die entscheidende Erfahrung dabei sein. Vielleicht war auch diese Veränderung «im Grossen» nur ein Tropfen auf den heissen Stein, für einen selbst aber blieb das Gefühl, etwas bewirken zu können. Was bleibt, ist die Ahnung: Viele Tropfen höhlen den Stein. Danach folgt das Ausschauhalten nach Ideen, Gelegenheiten und Verbündeten für die nächste Aktion, diesmal noch besser, grösser, effektiver. Was meist nicht so recht klappt, aber man lernt ja aus Fehlern, lässt sich nicht entmutigen und hat schon den nächsten Coup im Sinn. Viele brauchen irgendwann eine Auszeit (die gut ein paar Jahre dauern kann), doch wer einmal vom Virus infiziert ist, kommt selten ganz davon los. Man pflegt gewonnene Freundschaften weiter und hilf da und dort mit Ratschlägen, leiht Material aus oder hütet die Kinder, während andere auf Bäume klettern. Und irgendwann ist man dann selbst wieder davon befallen!


Thomas Niederberger

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Matthias Wyssmann sagt:

Danke, Henry. Das genau wollten wir mit diesem Eintrag.

Geposted 13. August, 2013 am 17:10 Missbrauch Reply

(nicht registriert) Henry sagt:

es freut mich, dass auch wirklich Anleitungen zum aktiv sein gegeben werden und nicht blosse Schaumschlägerei und Schlaumeierei betrieben wird, w...

Geposted 13. August, 2013 am 17:07 Missbrauch Reply

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