Atomlüge

Die Nuklearindustrie verspricht uns Fünfer und Weggli

Kommentare hinzufügen
Story - 13. Februar, 2013
Essay von Florian Kasser*

Zuletzt aktualisiert am 13. Februar 2013

Beim gemütlichen Frühstück blättere ich noch nicht ganz wach in der Zeitung. Manche Nachrichten sind aber selbst in diesem Zustand unerträglich, und schnell einmal bleibt einem dabei ein Bissen im Hals stecken. Zum Beispiel beim Lesen folgender Interviewaussage: «Ohne Atomstrom ist das Problem Klimawandel nicht lösbar.» Ein richtiger Ablöscher gleich zu Beginn des Tages. Manche Märchen halten sich hartnäckig. Seit wann ist Atomstrom CO2-frei und klimafreundlich? Klar doch, die sauberen schweizerischen Atomkraftwerke lassen nur Wasserdampf ab. Und das für Atomkraft notwendige Uran, wächst das vielleicht in den Aargauer Gemüsegärten? Ganz zu schweigen von der benötigten Energie für das Ausbrechen, Zermalmen, Anreichern von Uran und die Herstellung von Nuklearbrennstoff. Da fällt mir jene Uranmine in Nigeria ein, für deren Energiebedarf extra ein Kohlekraftwerk hingestellt wurde.

Atomkraft ist mitnichten CO2-frei. Zwar setzen Kohle- oder Gaskraftwerke vergleichsweise mehr CO2 frei. Dennoch ist mir schlicht unverständlich, warum durch geschicktes Marketing Atom nun als grüne Energie verkauft wird, mit der die ökologischen Probleme der Menschheit lösbar wären. Das Störfallrisiko wird dabei einfach ausgeblendet. Die Abfallproblematik scheint völlig vergessen. Und die gesundheitlichen und sozialen Folgen einer radioaktiven Verseuchung? Beim Besuch der verstrahlten Gebiete in Fukushima, bei der Besichtigung der Umgebung der russischen Aufbereitungsanlage Majak, als mein Geigerzähler ausschlug, wurde mir wieder einmal drastisch vor Augen geführt: Atomkraft wird niemals eine saubere Energie sein.

Die Energiekonzerne haben nie ernsthaft daran gedacht, den Ausstoss an CO2 zu drosseln. Denn die AKW-Firmen betreiben gleichzeitig auch fossil gefeuerte Kraftwerke. Dies gilt auch für die drei Schweizer Atomkonzerne Alpiq, Axpo und BKW. Ihr Atomstrom soll angeblich den Klimawandel aufhalten, gleichzeitig investieren sie europaweit in Gas- und Kohlekraftwerke. Mit der Glaubwürdigkeit der Herren Strombarone ist es nicht weit her. Trotz Bergsteiger-Sponsoring, trotz Abfahrtski-Förderung, trotz sonniger Schneeberge auf jedem zweiten Werbeprospekt: Die Message der Atomindustrie greift schlecht. Kein AKW wird die schmelzende Gletscherwelt retten.

Noch ein Schluck Kaffee, denn mir hallen die immergleichen Anwürfe in den Ohren: «Ihr Umweltschützer, ihr könnt nicht alles auf einmal haben. Eure Kaffeemaschinen brauchen auch Strom. Der kommt vom AKW. Wenn nicht von dort, dann aus einem Gaskraftwerk. Deswegen brauchen wir neue Gaskraftwerke. Und dann geht das Klima hops.» — Muss ich diese simple Gleichung schlucken?

Ohne die fünf bestehenden Atomkraftwerke brauche es grosse Gaskraftwerke zur Deckung des Bedarfs, wird behauptet. Dabei können erneuerbare Energien unseren Bedarf bereits heute decken. Die Alternative lautet nicht «entweder Atom oder Treibhausgas», sondern «entweder Atom und Treibhausgas oder erneuerbare Energie und Energieeffizienz». Wird konsequent auf erneuerbare Energien und Effizienz gesetzt, so ist der Umweg über Gaskraftwerke gar nicht nötig. Sonne, Wind, Wasser schaffen Strom. Dieser wird weniger und dafür effizienter genutzt. Die Produktion von Atomabfall wird gestoppt und das Störfallrisiko ausgeschaltet, während sich unsere Abhängigkeit von fossilen Energien verringert. So kommen wir aus der nuklearen Sackgasse und bekämpfen gleichzeitig den Klimawandel. Mit Atomausstieg, erneuerbaren Energien und Effizienz haben wir alles auf einmal. Denn wir wollen den Fünfer und das Weggli. Und wir sind sogar noch stolz darauf.

Übrigens: Mit dem Fünfer ist das so eine Geschichte. Wir hören den Aufschrei, die Energiewende sei zu teuer, würde die öffentlichen Finanzen trockenlegen und die Haushalte ruinieren. Dabei wird gerne vergessen, dass die Strompreise derzeit lächerlich niedrig sind. Dennoch: Energie wird uns in Zukunft sicherlich mehr kosten. Für meinen morgendlichen Espresso werde ich etwas mehr bezahlen als bisher. Insgesamt dürfte der Preisaufschlag bei monatlich fünf Franken pro Haushalt liegen. Also eine kaum spürbare Erhöhung. Aber auch diese Rechnung greift zu kurz, wenn man nur die Kostenseite anschaut. Die erneuerbaren Energien bringen uns auch einen Gewinn: Arbeitsplätze, energetische Unabhängigkeit, Umweltschonung. Seriöse Studien kommen alle zum selben Ergebnis. Werden alle Faktoren berücksichtigt, so ist klar: Die Energiewende schützt das Klima und ist zudem billiger als die Fortführung des nuklearen und fossilen Zeitalters.

Worauf warten wir noch? Höchste Zeit, die Energiewende anzupacken. Auf die Sonnendächer! Schluss mit Elektroheizungen! Fertig mit Atom und Treibhausgas! Auf zum grünen Strom!

Ich genehmige mir noch einen Kaffee. Und noch ein Weggli. Denn es wird Energie brauchen, die laufende Debatte durchzustehen. Die Energiewende ist ein schmaler Pfad. Aber es lohnt sich. Der Tag kann beginnen. Packen wir es an — und schalten wir unsere Atomkraftwerke ab.

 

*Florian Kasser ist seit 2010 Atom-Kampaigner bei Greenpeace Schweiz.

Kategorien
Noch keine Kommentare gefunden Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie einen Kommentar 

Fülle diese Felder aus, um als unregistrierter User einen Kommentar zu hinterlassen.
Pflichtfelder sind mit einem Stern(*) gekennzeichnet.

info

Email