Fleisch

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Informationsseite - 17. Februar, 2013
Der weltweite Fleischkonsum steigt und steigt. Seit den 1970er-Jahren hat er sich auf 274 Millionen Tonnen im Jahr verdreifacht. Ein grosser Teil davon wird in den Industriestaaten, immer mehr aber auch in aufstrebenden Volkswirtschaften konsumiert: Mit blühendem Wohlstand wächst die Gier nach tierischem Eiweiss.

Nicht nur die Menge, auch die Art, wie Fleisch produziert wird, hat sich dramatisch verändert: Wurden Wiederkäuer wie Rinder und Kühe jahrhundertelang auf Weiden mit Raufutter wie Gras gehalten, werden heute sehr viele Tiere mit Kraftfutter aus Mais und Soja gemästet. Früher wurden Schweine mit faulen Äpfeln, Bucheckern, Speiseabfällen etc. gefüttert. Ein modernes «Turboschwein» hingegen verspeist in seiner fünfmonatigen Mastzeit 700 Kilo Getreide.

15 000 Liter Wasser
Nochmals die gesamte Schweizer landwirtschaftliche Anbaufläche wird benötigt,um im Ausland das Kraftfutter für unser Vieh anzubauen. Insgesamt werden drei Viertel der globalen Agrarfläche bereits für die Fleischproduktion in Anspruch genommen. Wenn alle Menschen auf der Welt so viel Fleisch essen würden wie wir in den Industrieländern, bräuchte dies die fünffache Fläche, die auf der Erde für die Tierhaltung zur Verfügung steht.

Wieviel Wasser die Herstellung tierischer Produkte verbraucht, rechnet der Waterfootprint-Calculator aus. Du kannst hier auch Deinen ganz persönlichen "Water-Footprint" berechnen.

Leider geht die Entwicklung in die andere Richtung: Fruchtbares Ackerland nimmt weltweit dramatisch ab. Um diesen Verlust auszugleichen, werden für den Anbau von Futtermitteln und die Schaffung neuer Viehweiden riesige Flächen Regenwald gerodet. Die Produktion tierischer Lebensmittel ist, je nach Rechenmodell, für 20 bis 50 Prozent der globalen Treibhausgase verantwortlich. Damit ist die Fleisch- und Milchproduktion der für die Klimaerwärmung schädlichste Faktor — noch vor dem globalen Strassen- und Luftverkehr. Die Produktion eines Kilos Rindfleisch belastet die Atmosphäre mit 13 Kilo CO2-Äquivalent.
Ob Rind oder Poulet, Bio oder nicht Bio, aus der Schweiz oder aus Brasilien: Die Produktion von Fleisch wirkt sich negativ auf die Umwelt aus. Der Wasserverschleiss ist gigantisch: 15 000 Liter Wasser benötigt man für die Produktion von einem Kilo Rindfleisch. Verarbeitung, gekühlte Lagerung, Transport und Verpackung verbrauchen zusätzliche nicht erneuerbare Ressourcen. Die Tierhaltung belastet das Ökosystem mit Gülle, Antibiotika und anderen Pharmazeutika.


Tausend tote Tiere
Mit unserem übermässigen Fleischkonsum unterstützen wir ein globales Produktionssystem, das Nahrungsmittel von den Hungernden abzieht. Die Produktion eines Kilos Rindfleischs benötigt über 10 Kilo Getreide. Fast ein Drittel des weltweit angebauten Getreides, über 80 Prozent aller Soja, landet in den Mägen der Masttiere. Die Folge: 900 Millionen Menschen leiden Hunger, während 1400 Millionen über Übergewicht klagen. Eine Umkehr ist nicht in Sicht: in sogenannten «aufstrebenden Märkten» wie China, Indien, in Südamerika, aber auch in Südostasien steigt der Fleischkonsum in den neuen Mittel- und Oberschichten rasant an.
In der Schweiz verzehren wir jedes Jahr 3 Millionen Schweine,700'000 Rinder und Kälber, 100 Millionen Hühner. Gefüttert werden sie vorallem mit Soja und Mais aus Übersee. Jeder Schweizer isst in seinem Leben im Schnitt über 1000 Tiere — Fische, Krebse, Muscheln nicht eingerechnet. Weltweit werden jedes Jahr eine Milliarde Schweine gemästet und geschlachtet, die Hälfte davon in China, das 60 Prozent der weltweiten Soja-Ernte dafür aufkauft. Würde die jährliche globale Getreide-Ernte gleichmässig verteilt und nicht zu einem riesigen Teil als Viehfutter benutzt, könnte sogar das Doppelte der jetzigen Weltbevölkerung ernährt werden.
Fleisch tötet nicht nur Menschen — wie ein Veganer-Flugblatt plakativ anklagt —, nein, es zerstört unseren ganzen Planeten, wenn wir auf dieser Schiene weiterfahren. Die Welt überlebt es nicht, wenn jeder der sieben Milliarden Erdenbürger täglich ein Steak verzehrt!

Was du tun kannst

Iss grundsätzlich weniger und weniger oft Fleisch. Mach dir einen fleischlosen Tag pro Woche — oder zwei, drei, sechs — zur Gewohnheit. Alternativen sind Gemüse, Tofu und Ähnliches, Pilze und Hülsenfrüchte.

  • Ersetze Fleisch nicht durch Milchprodukte und Eier. Sie sind fast so problematisch wie Fleisch selbst.
  • Wenn Fleisch, dann kaufe Bio-Fleisch und solches aus regionaler Produktion. Fleisch aus Übersee wie Rind aus Argentinien und Lamm aus Neuseeland ist ökologischer Wahnsinn. Einheimischer Wildfisch und echtes Wildfleisch sind vertretbar.

 

Antibiotika & Hormone

Die industrielle Tiermast mit riesigen Ställen ist ein Paradies für Krankheitskeime. Entsprechend hoch dosiert und regelmässig kommen Antibiotika zum Einsatz. Die Folge davon sind antibiotikaresistente Keime in Poulets, Fleisch und Fisch. Ein Test der Schweizer Fernsehsendung «Kassensturz» fand im März 2012 in 9 von 20 Geflügelproben solche gefährlichen Erreger. Auch in Deutschland wurden in jedem zweiten Hähnchen multiresistente Mikroorganismen gefunden. Über Mist und Gülle gelangen solche Keime auch ins Gemüse. Sie können schwere Wundinfektionen auslösen, gegen die Antibiotika oft machtlos sind. In Europa sterben jährlich Tausende aufgrund von Antibiotikaresistenz.
Damit Masttiere schneller wachsen, werden ihnen in bestimmten Ländern wie den USA Hormone verabreicht. Die EU erlaubt solche Praktiken wegen möglicher Gesundheitsgefahren nicht. Brüssel hat in den 1990er-Jahren den Import von «Hormonfleisch» aus Nordamerika gestoppt. Darauf haben die USA und Kanada eine Klage bei der Welthandelsorganisation WTO gegen dieses «ungerechtfertigte Handelshemmnis» eingereicht. 1999 verurteilte das WTO-Schiedsgericht die EU zur Zahlung von jährlichen Strafzöllen in Höhe von 116 Millionen US-Dollar und 11 Millionen Kanadischer Dollar, falls sie ihre Bürgerinnen auch weiterhin vor Hormonfleisch schützen wollen.
In der Schweiz ist der Import von Hormonfleisch erlaubt. Verboten ist der Einsatz solcher Wachstumsförderer nur in der inländischen Tiermast. Nicht einmal eine Deklaration wird vom Schweizer Gesetzgeber gefordert. Als Hinweis bleibt also nur das Herkunftsland: Liegt dieses ausserhalb Europas, ist Vorsicht geboten (v. a. bei US-Fleisch). Hormonanwendungen in der Mast sind gefährlich, weil diese Stoffe über den Fleischverzehr ins menschliche Blut gelangen und dort zu Gesundheitsschäden führen können. Bei den Masttieren führen sie zu unerwünschten Krankheitssymptomen wie erhöhter Infektionsanfälligkeit. In der Biosphäre führen von den Nutztieren ausgeschiedene Hormone vor allem bei aquatischen Lebewesen zu Unfruchtbarkeit und damit zur Ausrottung ganzer Populationen.

Klimabilanz

Quantitativ gesehen ist die Fleisch- und Milchproduktion eine der Hauptursachen für die Klimaerwärmung — schlimmer sogar als der globale Strassen- und Luftverkehr. Fleisch ist aber nicht gleich Fleisch. Es kommt stark darauf an, wie die Tiere gemästet werden. Importiertes Kraftfutter auf Soja- oder Maisbasis — oft angebaut auf durch Regenwaldzerstörung gewonnenen Feldern — schlägt sich äusserst negativ nieder. Wenn das Futter aber im Betrieb selbst produziert wird und wenn auf Kraftfutter verzichtet wird — wie in der Bio-Landwirtschaft — dann hat das grosse Vorteile fürs Klima. Auch die Produktion von chemisch-synthetischen Pestiziden und mineralischen Düngemitteln ist sehr energieaufwendig. Ihr Einsatz setzt zudem klimaschädliches Lachgas frei. Der Bio-Landbau verzichtet auf diese Stoffe. Da der grösste Teil der Auswirkungen der Fleischproduktion auf die Umwelt im Mastbetrieb entsteht und nicht bei Transporten, kommt es also sehr darauf an, wie das Fleisch produziert wird, und nicht nur wo. Trotzdem solltest du auf Fleisch aus Übersee unbedingt verzichten.
Unterschiedliche Fleischsorten
belasten das Klima sehr unterschiedlich. So schaden Wiederkäuer wie Rinder durch den Ausstoss von Methan («Furzen») dem Klima mehr als Schweine oder Hühner. Lamm-, Pferde-, Ziegen-, Kaninchenfleisch steuern jeweils weniger als ein Prozent zu unserem Fleischverbrauch bei. Lamm- und Ziegenfleisch weist ähnlich schlechte Werte punkto Ökobilanz auf wie das Fleisch von Rindern, weil auch Schafe und Ziegen Wiederkäuer sind. Am schlimmsten ist natürlich aus Neuseeland eingeflogenes Lamm. Fleisch von Pferden und Kaninchen schneidet etwas besser ab; diese Tiere sind keine Wiederkäuer und können mit Raufutter ernährt werden.
Diese Zahlen sind Durchschnittswerte und sollen nur als grobe Orientierungshilfe verstanden werden. Ein Steak vom Schwein schneidet fürs Klima also viel besser ab als ein Entrecôte oder sogar als Pommes frites aus der Tiefkühltruhe. Die Zahlen zeigen auch die Klimarelevanz von Milchprodukten: Eine Portion Butter (20 g) zum Beispiel verursacht fast so viel CO2 wie ein Schweineschnitzel (150 g).
Weidelandhaltung
Natürlich ist das Klima nicht das einzige Argument für eine fleischarme Ernährung. Sich für das «klimafreundliche» Schwein aus Stallmast und gegen das «glückliche» Rind von der Alpweide zu entscheiden, scheint jedenfalls nicht die richtige Lösung zu sein. Zumal die einheimische Weidehaltung von Rindern die an und für sich sehr schlechte Klimabilanz von Rindfleisch erheblich verbessert. Es fällt weniger Methangas an, der Energieverbrauch ist geringer, und das raue Weidegras ist CO2-neutral. Weiden speichern mehr CO2 als Ackerland für die Futterproduktion.

Klimabilanz

Diese Tabelle veranschaulicht die grossen Unterschiede bei der Klimabilanz verschiedener Lebensmittel:

LebensmittelKonventionellEU-Öko
Geflügel 3491 3033
Geflügel — TK 4519 4061
Rind 13 303 11 371
Rind — TK 14 331 12 398
Schwein 3247 3038
Schwein — TK 4275 4064
Butter 23 781 22 085
Joghurt 1228 1156
Käse 8502 7943
Milch 938 881
Quark, Frischkäse 1925 1801
Vollrahm 7622 7098
Eier 1928 1539
Gemüse — frisch 150 127
Gemüse — Konserven 509 477
Gemüse — TK 412 375
Tomaten — frisch 327 226
Kartoffeln — frisch 197 136
Kartoffeln — trocken 3768 3346
Pommes frites — TK 5714 5555
Brot — gemischt 763 648
Margarine 1350
Teigwaren 914 766
Tofu 1100 700

 

In Gramm CO2-Äquivalente pro Kilo. TK steht für Tiefkühlkost, Öko ist eine Produktionsweise gemäss EU-Öko-Richtlinien. Bio-Knospe-Produkte würden noch besser abschneiden, da der Kraftfutteranteil auf höchstens zehn Prozent limitiert ist. Quelle: Öko-Institut (Freiburg i. Br.)

Labels

Der Marktanteil von Bio-Fleisch in der Schweiz ist minimal. Er liegt bei rund drei Prozent des konsumierten Fleischs. Ein Grund mag der Preisunterschied zwischen Bio und Nicht-Bio sein. Dieser ist zwar deutlich grösser als bei Milchprodukten, aber nur unwesentlich grösser als beim Gemüse. Trotzdem ist der Marktanteil an Bio-Gemüse höher als von Bio-Fleisch. Ein anderer Grund könnte die unübersichtliche Anzahl der existierenden Öko-Labels sein. Hier eine Übersicht:
Bio-Knospe
Darunter fallen Bio Suisse, M-Bio, WeideBeef Bio (Migros), Naturaplan (Coop), fidelio-Fleisch.
Damit ein Fleischprodukt das Label Bio-Knopse erhält, muss der Produktionsbetrieb u. a. folgende Anforderungen erfüllen:

  • Rinder müssen zu 100 Prozent mit Bio-Futter gefüttert werden. Davon muss 90 Prozent Raufutter (frisches Gras, Grünfutter oder Heu) sein. Der Kraftfutteranteil darf 10 Prozent nicht überschreiten.
  • Schweine und Geflügel müssen zu 95 Prozent Bio-Futter erhalten.
  • Die Tierhaltungsvorschriften richten sich nach den Programmen RAUS (Regelmässiger Auslauf ins Freie) und BTS (Besonders tierfreundliche Stallhaltung).
  • Die Tiere müssen Auslauf im Freien haben, Kühe während der warmen Jahreszeit, Hühner das ganze Jahr über täglich auf die Weide.
  • In den Laufställen müssen die Tiere in Gruppen gehalten werden und dürfen nicht angebunden sein.
  • Die Bio-Richtlinien gelten für den ganzen Betrieb. Die Einhaltung wird durch unabhängige Kontrolleure der Bio-Inspecta überprüft.

Demeter
Dieses Label basiert weitgehend auf den Bio-Knospe-Vorschriften (siehe oben), geht aber noch weiter:

  • Rinder dürfen nicht enthornt werden.
  • Spaltböden im Liegebereich sind für Schweine untersagt.
  • Zuchttiere müssen aus Bio-Betrieben stammen.

KAGfreiland
KAG steht für «Konsumenten-Arbeitsgruppe für tier- und umweltfreundliche Nutztierhaltung». Auch dieses Label basiert auf den Bio-Knospe-Richtlinien, ist aber strenger:

  • Die Enthornung ist stark eingeschränkt.
  • Der Transport zum Schlachtort darf höchstens 30 Kilometer oder eine Stunde betragen.
  • Kastration erfolgt nur unter Betäubung.
  • Ausser bei Schweinen kriegen die Tiere im Som- mer und im Winter täglichen Auslauf auf der Weide.
  • Die Laufställe müssen eine von der Tierart abhän- gig definierte Mindestfläche aufweisen.

Bio natur plus (Manor), Biotrend (Lidl)
Importierte Fleischprodukte beschränken sich auf die minimalen EU-Bio-Anforderungen, die beispielsweise bis zu 50 Prozent Kraftfutter zulassen und deren Standards bezüglich Tierhaltung geringer sind als bei Schweizer Fleisch.
Natur Aktiv (Aldi), Natur Pur (Spar), Globus organic, EU-Bio-Siegel
Bio-Produktion nach minimalen gesetzlichen EU-Anforderungen.
IP-Suisse, TerraSuisse (Migros), Weide-Beef (Migros), Naturafarm (Coop), Agri Natura
Schweizer Fleisch aus tierfreundlicher Haltung, das aber kein Bio-Futter erhalten haben muss.
Natura-Beef
Schweizer Rindfleisch aus Mutterkuhhaltung mit täglichem Auslauf, das aber kein Bio-Futter erhalten haben muss.
By Air
Als einziger Detailhändler kennzeichnet Coop Produkte, die auf dem Luftweg importiert wurden, mit dem Hinweis By Air.

Soja

Die Sojabohne stammt ursprünglich aus Ostasien, wird heute aber zum allergrössten Teil in den USA, Brasilien und Argentinien gepflanzt. China, Anfang des letzten Jahrhunderts noch grösster Produzent, ist heute grösster Importeur. 60 Prozent der auf dem Weltmarkt verfügbaren Soja wird von China aufgekauft, das damit jedes Jahr 500 Millionen Schweine mästet — die Hälfte der Weltproduktion — , um seinen reicher und anspruchsvoller werdenden Mittelstand mit Fleisch zu versorgen. Die Schweiz kauft jährlich 280 000 Tonnen Sojaschrot, wovon der grösste Teil in die Schweine- und Geflügelmast geht. Heute wird sechsmal mehr Soja angebaut als vor 20 Jahren. Das ist nur möglich, weil vor allem in Brasilien riesige Regenwaldflächen vernichtet werden.
Soja ist Inbegriff der globalisierten, industrialisierten, fleischlastigen Nahrungsmittelproduktion. Es ist die weltweit am drittmeisten gehandelte Naturpflanze, wird aber zu rund 80 Prozent an Tiere verfüttert. Als Nebenprodukt bei der Herstellung von Futtermitteln fällt 15 Prozent Sojaöl für die Lebensmittelindustrie an. 73 Prozent (2011) der weltweiten Produktion ist gentechnisch verändert.

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Absurderweise steht Soja wie kein anderes Nahrungsmittel für Vegetarismus: Es ist der Rohstoff für köstliche Produkte wie Tofu, Miso, Natto, Sojasauce, Sojamilch, Edamame oder Sojasprossen. Es werden aber nur drei Prozent der Ernte direkt zu Lebensmitteln für den menschlichen Verzehr verarbeitet.

Welthunger und Fleischkonsum

Jean Ziegler, Sonderberichterstatter der UNO-Menschenrechtskommission für das Recht auf Nahrung, schreibt in seinem Buch Wie kommt der Hunger in die Welt? (C. Bertelsmann Verlag, München, 2000): «Infolge der globalisierten, wild wütenden Kapitalmärkte ist eine Weltordnung entstanden, die den Lebensinteressen der großen Mehrheit zuwiderläuft. Von 6,2 Milliarden Menschen leben 4,8 in einem der 122 sogenannten Entwicklungsländer, meist unter unwürdigen Bedingungen. 100 000 Menschen sterben jeden Tag an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Alle sieben Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Dieser tägliche, stille Völkermord geschieht auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt. Dabei könnte die Erde problemlos zwölf Milliarden Menschen hinreichend ernähren. Hunger ist keinSchicksal.HinterjedemOpferstehteinMörder.»Jean Ziegler ist seit vielen Jahren Vegetarier. Die jährliche Getreideernte von 2400 000 000 Tonnen würde für alle Menschen mehr als genug ausreichen, würde sie effektiver verwertet und gleichmässiger verteilt. Wenn allein die Bürger der USA jährlich ihren Fleischkonsum um nur 10 Prozent einschränken würden, könnten mit den eingesparten Nahrungsmitteln rund 60 Millionen Menschen weltweit ernährt werden. Laut der UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO hungern derzeit fast 900 Millionen Menschen. Rund 15 Millionen Kinder sterben jährlich an chronischer Unterernährung, während in den reichen Ländern 30 Prozent des Essens weggeworfen wird und 1400 Millionen Menschen an Übergewicht leiden.
80 Prozent der hungernden Kinder leben in Ländern, die eigentlich einen Nahrungsüberschuss aufweisen. Doch das Getreide landet in Tiermägen. Menschen hungern in unmittelbarer Nähe von Soja und Getreidefeldern. 70 bis 80 Prozent der weltweiten Agrarflächen dienen der Mast, leisten aber punkto Kalorien lediglich einen Beitrag von 17 Prozent zur Welternährung.

Das globalisierte Huhn

Ein Beispiel für den Irrwitz industrieller Fleischproduktion Brust oder Keule? Die Menschen in Europa und anderen Industrienationen haben sich eindeutig entschieden. Sie lieben Hähnchenbrust. Seit dem Trend zur fettarmen Ernährung steht die Delikatesse überall ganz oben auf den Speiseplänen. Die weltweit agierenden Geflügelkonzerne in den USA, Asien, Südamerika und Europa bedienen diesen Trend allzu gerne, denn die Hähnchenbrust wirft gute Gewinne ab.
Doch wohin mit den übrigen Hühnerteilen? Tiefgekühlt werden sie weltweit verschoben. Die Länder Osteuropas sind beispielsweise ein grosser Absatzmarkt, der aber längst nicht alles schluckt. Viele Überschüsse und Reste landen in afrikanischen Ländern und werden dort billiger verkauft als lokal produziertes Hühnerfleisch kostet — was die lokalen Märkte zerstört.
Ghana steht stellvertretend für viele andere westafrikanische Länder. Schätzungsweise 90 000 Tonnen gefrorene Hühnerteile (zehnmal mehr als Anfang der 1990er-Jahre) importiert das Land jährlich. Fast die Hälfte davon aus Europa. 40 Prozent aller einheimischen Hühnerfarmen mussten schliessen, Tausende von Wanderarbeitern sind arbeitslos geworden. Doch damit nicht genug:
Da es in den Entwicklungsländern kaum funktionierende Kühlketten gibt, bergen die tiefgefrorenen Hühnerteile ein erhebliches Gesundheitsrisiko. Wenn das Fleisch über Tage immer wieder aufgetaut und eingefroren wird, erkranken die Menschen häufig daran. Gerade nach Wochenenden registrieren Krankenhäuser Lebensmittelvergiftungen. Bei Hochzeitsfeiern wird nämlich viel Huhn gegessen.
Eine Bürgerbewegung in Kamerun liess 2004 Stichproben an den Verkaufsständen nehmen. Bei 200 Proben waren 85 Prozent des Fleisches nicht für den menschlichen Verzehr geeignet. Der Besatz mit Mikroben, so stellte damals das Centre Pasteur in der Hauptstadt Jaunde fest, lag bis zu 180-fach über den EU-Höchstwerten. Daraufhin verbot Kamerun den Import von Tiefkühlhähnchen.
In Ghana ging der Verkauf weiter.

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