Kunst

Kann sie die Welt verändern?

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Story - 24. Februar, 2013

Von Philipp Meier*

«blöde frage!» kommentierte Sabina Maler auf Facebook obige Frage. Worauf ich ihr ­entgegnete «dachte ich spontan auch. dann juckte es mich trotzdem in den fingern». Sie weiter: «stell doch einfach ein paar gegenfragen.» Ich: «du meinst ‹kann die welt die kunst verändern?›. sehr schöner ansatz!»

Dieser Einstieg ins Thema gefiel mir ausnehmend gut (auch wenn der Kommentar von Sabina, ehrlich geschrieben, erst der 21. war, der reinkam). 

Ich kam auf die Idee, «Facebook zu fragen», weil mich diese Fragestellung an eine frühere erinnerte, die ich spontan ähnlich blöd fand. Sie lautete «Was ist Schweizer Kunst?». Aus meiner schieren Überforderung heraus kam der Einfall, die Frage an meine Facebook-Freundinnen zu richten. Ihre Antworten lieferten mir damals ein wunderbares Gerüst für das Schreiben des Textes. Deshalb startete ich für den vorliegenden Beitrag denselben Versuch, und siehe da: Es hat auch diesmal geklappt.

Inzwischen hatte sich Facebookerin Teresa Schäppi mit einer «Persönlichen Nachricht» gemeldet. Sie war mit Gegenfragen nur so gespickt. Hier ein Auszug:  «Seit wann eigentlich, wünschen wir uns die Welt verändern zu können? Warum wollen wir sie verändern und was gefällt uns denn nicht an der Welt an unserer Welt? Schon ‹immer› wollte der Mensch die Welt verändern, aber wozu? Damit er sie dann wieder verändern kann? Aber die Frage ist doch, wie oder zu was wollen wir die Welt verändern? Die Welt, ­welche wir bereits mit unserem Tun und Handeln markant verändert haben? Und jetzt gefällt sie uns nicht mehr? Wollen wir sie verschönern, wollen wir Frieden, wollen wir grüne Wiesen, wollen wir keine AKW’s oder was wollen wir dann? Für mich ist das eine zentrale Frage. Was wollen wir verändern? Und die Frage ‹Kann Kunst die Welt verändern?› rückt für mich dann in den Hintergrund.»

Und weiter: «Das Publikum wird niemals alle Gefühle während des Schaffungsprozesses vom Künstler nachempfinden können. Die Gefühle macht sich das Publikum selbst. Individuell, persönlich, subjektiv. Und genau hier entsteht der Konflikt von ‹Kann die Kunst die Welt verändern?›. Für einen gewissen Zeitraum sensibilisiert Kunst, bewegt, ja, kann sogar ‹verändern›. Aber nachhaltig beeinflussbar? Und dies in der Masse? Und das so sehr, dass Kunst wirklich die Welt verändert? Ich weiss es nicht.»

Aus dieser Ratlosigkeit kommt Teresa dann doch zu einem (möglichen) Schluss: «Nicht, dass Kunst nicht wichtig ist. Nicht, dass Kunst nicht bewegen kann. Kunst ist das, was früher der Mensch aus seinem Tun und Handeln geschaffen hat. Kunst ist etwas, das einen begleitet, bereichert und öffnet. Kunst ist etwas, das schockiert oder inspiriert. Kunst ist so vieles, sie ist alles. Aber auch wenn Kunst die Augen öffnet, schockiert oder inspiriert liegt es am Menschen, was er daraus macht, ob er sich verändern lässt und mit ihm die Welt oder in seine ‹alten Muster› zurückfällt.» 

In diesem ausformulierten Gedankengang, den mir Teresa Schäppi via Facebook zukommen liess, steckt kreative Schaffenskraft. Das ist ein kleiner, aber feiner Hinweis darauf, dass das Internet gerade vollzieht, was uns die Kunstgeschichte der letzten hundert Jahre lehrte: Wir alle sind Künstler, und alles ist Kunst!

Zum 96. Geburtstag der Kunstbewegung Dada luden wir international und lokal tätige kreative Aktivistinnen und Aktivisten und politische KünstlerInnen ins «Cabaret ­Voltaire» ein. Die Veranstaltung (Präsentationen, Workshop und Aktionen) fand unter dem Titel «Coffeebreak of a Revolution» statt und war Teil der Ausstellung «The Revolution To Smash Global Capitalism». Und, um den Bogen wieder zurück zum vorherigen Abschnitt zu schlagen, der Untertitel dieser Ausstellung hiess:

Yesterday: Greenpeace

Today: The Yes Men

Tomorrow: YOU!

Greenpeace machte kreativen Protest massentauglich. Die ausgeführten Aktionen waren eine frühe und eher krude Form von Kommunikationsguerilla. Das Ziel der spektakulären Aktionen lag meistens darin, bestimmte Themen in den Massenmedien zu plat­­zieren. Mit dieser Strategie startete Greenpeace durch, wurde gross und grösser ... und verpasste den Anschluss an die rasanten Veränderungen in der Kommunikationslandschaft.

Dann betraten The Yes Men das Feld des kreativen Politaktivismus und schritten quasi in den Fussstapfen von Greenpeace voran. Mit einer neuen Generation kreativer Aktivisten zum Beispiel Voina (in Russland) und Zhao Bandi (in China) haben sie gemein, dass sie auch im Kunstumfeld wahr- und ernst genommen werden. Wie aktuell viele andere Disziplingrenzen, so lösen sich auch diejenigen zwischen kreativem Politaktivismus und politischer Kunst gänzlich auf.

Und mit The Yes Men stecken wir auch schon mitten in der Übergangsphase zu «Tomorrow: YOU!». Nicht nur, dass sie eben erst ihren jüngsten Film via Crowdfunding ­finanzierten (146 000 US-Dollar); sie installierten vor rund drei Jahren gleich ein eigenes ­digitales Community-Tool, das kreativen Aktivismus von Dritten umsetzen hilft. Im «Yes Lab» beraten sie persönlich Gruppen, die Aktionen planen, jedoch in bestimmten Fragen noch unsicher sind. Sie zeigen auch unterschiedliche Strategien auf, um die Aktionen zu ­finanzieren (oder helfen gleich selber mit einem kleinen Betrag aus).

Zurück zu meiner Umfrage auf Facebook: Zu einem ähnlichen Schluss wie ­Teresa Schäppi kam Ivan Engler: «sie [die kunst] kann sehr wohl / sie darf / sie muss aber auch nicht [die welt verändern]. es liegt im auge des betrachters. dh schlussendlich sind WIR es, die die welt verändern können / dürfen / müssen / oder eben auch nicht ... kunst kann impulse geben ­– in die tat umsetzen müssen wir diese impulse aber selbst.»

Lando Rossmaier brachte dann ein sehr spannendes und passendes Beispiel: «‹We never bomb your country›. Das war [...] ein gelungenes Beispiel um dem Krieg der ­Bilder entgegenzuwirken, wie ich finde.» In den Kommentaren ­davor ging es unter anderem darum, dass die Kunst bezüglich Bildern sehr kompetent sei und es hier Ansätze gäbe, die Welt (die ja grösstenteils in unseren ­Köpfen und durch Bilder geformt wird) mitzugestalten.

«We will never bomb your country» war die Initiative eines Einzelnen (so erzählt es zumindest der digitale Mythos). Es gab keine privaten oder institutionellen Auftraggeber. Ob es deshalb schon Kunst ist, bleibe dahingestellt (respektive: ist, wie weiter oben bereits kurz angeschnitten, nicht mehr wichtig). – Der israelische Grafikdesigner Ronny nämlich startete eine viral extrem erfolgreiche Kampagne mit der Botschaft: «Iranians, we will never bomb your country, we love you!». Im Nu machten viele Israelis mit und zeigten zu diesem Spruch ihr Gesicht. In wenigen Tagen, wenn nicht Stunden, kam die Antwort aus Iran «Israelis,
we will never bomb your country, we love you», diesmal mit Porträts von vielen Iranerinnen und Iranern. 

Die Wirkung solcher Aktionen ist genauso schwierig einzuschätzen, wie die ­Frage zu beantworten, ob das nun Kunst sei oder nicht. Bis dato haben sich die beiden Staaten zumindest nicht bombardiert.

Die Diskussion auf Facebook führte zu mehr als 80 Kommen­taren. Leider vergass ich, meine favorisierte Schlussfolgerung anzufügen; was ich hiermit nachholen ­möchte: Bei der Frage «Kann Kunst die Welt verändern?» ­verweise ich am liebsten auf den Schmetterlingseffekt: Pro Minute gibt es im Amazonas Millionen, wenn nicht Milliarden  Schmetterlingsflügelschläge; und in jedem steckt das Potenzial, einen Wirbelsturm über Texas auszulösen.

* Philipp Meier war Landschaftsgärtnermeister, Club-Kurator und Direktor des «Cabaret Voltaire» (Dada-Haus Zürich). Heute tanzt der Vater von zwei Kindern online auf vielen Hochzeiten und arbeitet unter anderem als Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste und als Partyveranstalter.

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