Platz

Wie viel braucht der Mensch?

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Story - 24. Februar, 2013
Von René Sarge*

© Greenpeace

 

Der Wecker klingelt, ich wache auf. Steige aus dem Bett, gehe vier Schritte in die Küche und setze Kaffee auf. Drehe mich um 90 Grad, stehe vor meiner Eingangstür. Lasse frische Morgenluft herein. Trete einen Schritt zurück, und meine Kommode und mit ihr meine ­Kleider sind in Griffweite. Während ich mich anziehe, beginnt der Kaffee zu kochen. Ich ­drehe mich zurück zur Küche und halte endlich den Kaffeebecher in der Hand. Nun noch zum Wohnzimmertisch drei Schritte und geschafft: Der Tag kann beginnen. Beim ­Kaffee denke ich darüber nach ... 

... dass wir als kleine Wesen geboren werden. Unsere Welt besteht aus unserem unmittelbaren Umfeld. Mit den Jahren werden unsere Spielräume immer grösser, und es wird von uns erwartet, dass wir diese ausfüllen. Es werden uns Räume und Güter anvertraut; durch Familienbesitz, durch eigene Arbeit. Als Erwachsene stehen wir schliesslich vor einer Anhäufung von Gütern, um die wir uns zu kümmern haben. In jedem Gut, welches wir besitzen, steckt auch ein Teil unserer selbst. Und so fängt unsere Seele gezwungenermassen an, sich durch diese ganzen Gegenstände und damit im Erhalten und Vermehren von ­Eigentum zu entfalten.

Ich selbst lebe auf ein paar Quadratmetern in einem Wohnwagen. Trotzdem will ich hier nicht für eine radikale Entsagung sprechen, sondern das Problem der Überma­terialisierung ansprechen. Sie ist allgegenwärtig und bedrückend. In der Schweiz kommt auf zwei Personen durchschnittlich mehr als ein Auto. Lebensmittel landen im Müll und werden verbrannt. Schaue ich von meinem Kaffee auf, fällt mein Blick auf vier Baukräne: Es werden immer mehr, immer grössere Wohnungen geschaffen: Nur schnell noch eine Zweitwohnung anschaffen, bevor es zu spät ist!

Der Überfluss von Gütern und der wachsende Raumanspruch halten uns mehr in Atem, als dass sie uns Sicherheit und Raum zum Menschsein geben. Aber darauf kommt es uns doch eigentlich an: einfach Mensch sein zu können. Sollten wir nicht grundsätzlich darüber nachdenken, was wir tatsächlich benötigen und wovon wir uns trennen könnten, was wir wirklich ständig brauchen und was nur manchmal, und was wir nur des Besitzes ­wegen besitzen?

Ähnliche Fragen stellen sich in Bezug auf Raum: Wie viel Platz benötige ich wirklich für mich, wie viel für meinen Besitz? Wie gehe ich mit dem von mir besetzten Stück Erde um, wie intensiv nutze ich es, oder zerstöre ich es sogar? 

Letztendlich laufen all diese Gedanken auf die Frage hinaus: Wie viel von diesem Planeten soll ich für mich beanspruchen? Ist dieser Anspruch verantwortbar und ­angemessen?

Ich habe mich für ein Leben in einem Wohnwagen entschieden. Dieser beansprucht 17 m2 Boden, wiegt 4,5 Tonnen und steht auf dem Boden statt darin. Mein Wohn­wagen steht neben einem Haus, welches als Wohngemeinschaft genutzt wird. Badezimmer und Wohnzimmer teile ich mir mit acht Personen. In unserem Garten gelingt es uns von Jahr zu Jahr besser, Gemüse und Kräuter anzubauen und uns damit selbst zu versorgen.  Auf dem Wagen habe ich ein Gründach eine Art Wiese angelegt, das mir Kühlung beschert. Aus der Luft betrachtet scheint meine kleine Parzelle also fast «unverbaut». Sollte der Wagen irgendwann nicht mehr benutzbar sein, ist er leicht zu demontieren und kann gut recycelt und energetisch verwendet werden. Mein Wohnen hinterlässt also keine langfristigen Spuren und hat somit einen sanften ökologischen Fussabdruck. 

Das ist meine Art eine von vielen , ein materiell bescheidenes Leben zu ­führen, um möglichst viel Mensch sein zu können. 

Die Schweiz verfügt über eine alte Besiedlungs- und Landkultivierungsgeschichte. Fahre ich durch den Kanton Zürich, habe ich das Gefühl, durch eine durchkultivierte Landschaft zu fahren, die jedoch immer noch sehr schön ist. Ich meide die Gegend Zürich-Nord, wo Betonburgen und Menschenwaben stehen und entstehen. Solche Bauten können nicht die Lösung sein. Aber wie soll mit dem enormen Siedlungswachstum der sich ausdehnenden Städte umgegangen werden? Ohne weitere intakte Wald- und Grünflächen zu verlieren kann bald kein zusätzliches Bauland mehr gewonnen werden. 

Wir könnten uns stärker am Gebot der Biodiversität orientieren, indem wir mit unterschiedlichen ökologischen Nischen und Wohnformen experimentieren. Vielleicht liegt eine Möglichkeit auch darin, den heute vorhandenen Raum und die jetzt bestehenden Infra­strukturen besser und intensiver zu nutzen und vor allem sanfter. Sanfter könnte heissen, dass sich der Mensch etwas mehr beschränkt, beispielsweise weniger Quadratmeter für sich selbst beansprucht und eventuell sogar das Private ein Stück weit für ein Leben in einer Gemeinschaft «aufgibt». Brauche ich denn meine Dusche, mein WC, meinen Garten, mein Auto für mich allein, oder ginge da nicht vielleicht auch mal unser? Zum Menschsein braucht es Freiraum. Aber was bedeutet Freiraum für den Einzelnen? 

Der Kaffee ist ausgetrunken. Alle Antworten auf meine Fragen habe ich noch nicht gefunden. Ich steige in mein/unser Auto und fahre zur Arbeit.

* René Sarge ist Zimmermann und lebt in einem Wohnwagen am Zürichsee. In seiner Werkstatt (Wagenschmiede) baut er Wohnwagen wie seinen eigenen aus Holz und ökologisch nachhaltig.

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