Reichtum

Muss man reich sein, um die Umwelt zu schützen?

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Story - 24. Februar, 2013
Von Ueli Mäder*

Ihr lieben Armen, ihr müsst mehr Geld verdienen. Dann könnt auch ihr teure Bio-Produkte kaufen und die Umwelt schützen. So einfach ist das. Wer aber kommt wie zu Geld? Und müssen wir reich sein, um die Umwelt zu schützen?

Sein Geld vermehrt, wer viel erbt. In der Schweiz geht gut die Hälfte der Erbschaften an Reiche. Deshalb bin ich dafür, nicht nur die unteren Löhne anzuheben, sondern auch die höheren Erbschaften zu besteuern. Im Sinne des sozialen Ausgleichs und der Umwelt zuliebe. Trotz aller Einwände: Erhielten einfache Leute mehr Geld, kauften sie ein zweites Auto, meinte  der ökologisch sensible Peter Schai einmal zu mir, als er noch das kantonale Parlament Basel-Stadt präsidierte. Auf wenige Reiche konzentriert, argumentierte er, würde das Kapital sinnvoller investiert. Zum Beispiel in umweltschonende Technologien. Das wäre erfreulich, ist aber keineswegs die Regel. 

Eine andere Logik sagt uns: Arme leben umweltverträglicher als Reiche. Ihr ökologischer Fussabdruck ist kleiner. Weil sie zum Beispiel weniger reisen und weniger Kleider kaufen. Aber stimmt das? Billigtextilien werden alles andere als ökologisch und unter oft schlechten Arbeitsbedingungen in Fernost hergestellt. Und was das Reisen betrifft, erlauben Billigflieger fast jedermann, zu den letzten bedrohten Paradiesen vorzustossen, ganz nach dem Slogan, den ich in einem Prospekt las: «Reist, solange es diese Welt noch gibt.» Reiche können dabei ihren Energieverbrauch im modernen Ablasshandel kompensieren und mit dem lieben Geld ihr Gewissen beruhigen. Reiche können sich die Eisenbahn leisten, wenn das Flugzeug günstiger wäre. Billiger scheint auch der Privatwagen zu sein. Sie leisten sich neue Wagen, die dank neuester Technik umweltfreundlicher sind. Ihre Kleider stammen aus Italien, nicht aus China. Sie essen Bio und erholen sich im Zweitwohnsitz in der Natur.

Lehren die Wohlhabenden uns die Umwelt schützen? Hatte Peter Schai recht: Ist der Umweltschutz bei den Reichen in guten Händen? Eigene Interviews mit über 100 Reichen deuten darauf hin, dass sich einzelne Begüterte ihrer Verantwortung durchaus bewusst sind: 

Lucy Koechlins Vater war Direktor der Ciba-Geigy. «Wir hatten alles, es fehlte uns an nichts», erzählte sie mir im Rahmen unserer Studie zum Reichtum in der Schweiz. «Das Landleben bot grosse Freiheiten. Wir durften rumstrolchen. Wir sind nur selten exotisch in die Ferien geflogen. Wir sind eigentlich immer nach England gefahren oder nach Wengen. Da hatten wir eine Wohnung.» Nach dem Abitur arbeitete Lucy Koechlin für den WWF. Sie engagierte sich für ökologische Anliegen. Es war die Zeit des Waldsterbens und der San­doz-Katastrophe (1986). Lucy Koechlin war schon früh an Umweltfragen interessiert. Inzwischen forscht und lehrt sie an der Universität Basel. Zudem unterstützt sie nachhaltige Projekte mit ihrem persönlichen Vermögen. 

Buchtipp:

Ueli Mäder, Ganga Jey Aratnam und Sarah ­Schilliger, Wie Reiche ­denken und lenken. ­Reichtum in der Schweiz: ­Geschichten, Fakten, ­Gespräche, Rotpunkt­verlag, 2010

«Reichtum verpflichtet!», sagt auch der wohlhabende Leonhard Burckhardt. Er unterrichtet ebenfalls an der Basler Universität und kritisiert, wie sich viele neue Reiche präsentieren: «Man fährt zum Beispiel mit diesen protzigen Autos herum. Ich gehe lieber mit meinem Velo ein gutes Brot kaufen. Dann weiss ich, wie viel es mich kostet. Ich koche dann selber. Wer nicht mehr weiss, wie ein Kochherd funktioniert, und kaum mehr weiss, wie viel Geld er verdient, der hebt vom Alltag ab.» Die Umweltproblematik ist für Leonhard Burckhardt «die grösste Herausforderung, die wir im Moment haben». Er unterstützt ebenfalls ökologische Projekte. Und die Ferien verbringt er immer wieder auf seinem eigenen Bauernhof im Grünen, den er umweltgerecht verwalten lässt.

Ja, heute gehe es darum, wieder mehr Mass zu halten. Und das gelte vor allem für jene, die viel haben. Dazu ruft Rolf Soiron auf. Er präsidiert die  Verwaltungsräte der Lonza und Holcim AG und stand früher der Universität Basel vor. Rolf Soiron kritisiert die soziale Kluft und postuliert mehr Kooperation über soziale Grenzen hinweg. Gerade in Umweltfragen. Da bestünden besondere Chancen. Und Verpflichtungen für die Reichen! Wobei Rolf Soiron als Vorsteher der rechtslastigen Denkfabrik Avenir Suisse auch dafür ist, die Kernenergie zu fördern.

So weit einige Beispiele von Privilegierten, die sich für die Umwelt engagieren. Sie tun dies aus einer Position heraus, von der «einfache Leute» nur träumen können. Denn wer hat schon eine zweite Wohnung oder einen eigenen Bauernhof?

Bleibt die Frage, wie mehr Engagement in Umweltfragen zustande kommt. Hilft Aufklärung? Oder verleitet gerade dieses Wissen dazu, irrational vorwärtszuflüchten? Aktuelle Strategien setzen vornehmlich auf finanzielle Anreize. Und das ist zwiespältig. Zum einen wirken sie eher kurzfristig. Und zum anderen verstärken sie eine Motivation, die sich pragmatisch am materiell Nützlichen orientiert. Zudem am lieben Geld, das gewiss helfen kann, die Umwelt ein wenig zu schützen. Etwa mit moderner Technologie. Aber wichtiger ist unsere Haltung. Und dazu gehört unsere Bereitschaft,  einfach zu leben. Das gilt vor allem für jene, die es sich erlauben können.

* Ueli Mäder ist Professor für Soziologie an der Uni Basel und der Fachhochschule Nordwestschweiz und im Beirat von Greenpeace Schweiz.

 

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Stefan Shiny Bargholz sagt:

Greenpeace Schweiz glaubt, dass viel Geld die Umwelt rettet? Not surprised at all~

Geposted 23. November, 2013 am 11:51 Missbrauch Reply

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