Resilienz

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Story - 24. Februar, 2013
Von Thomas Niederberger*

Der Begriff «Nachhaltigkeit» war das Schlagwort Nummer eins der Ökobewegung des späten 20. Jahrhunderts. Unterdessen wird von der Shampoo-Marke bis zur Grossbank fast alles damit beworben. «Nachhaltiges Wachstum» heisst oft gerade mal: «Wir haben etwas weiter gedacht als bis zum nächsten Halbjahresgewinn.» Doch die Debatte ist längst weiter fortgeschritten. Neue Begriffe und Konzepte sollen die zur Worthülse verkommene «Nachhaltigkeit» ergänzen oder ablösen. In aussichtsreicher Position: Der aus der der Psychologie und der Ökosystem-Forschung stammende Begriff «Resilienz».

Was würdest du tun, wenn der Bancomat kein Geld mehr ausspuckt und die Regale im Supermarkt leer sind? Der Benzinpreis ist ins Unermessliche gestiegen, und zu allem Unglück legt ein Sturm die Stromversorgung lahm. In Angst erstarrt auf Hilfe von irgend­woher hoffen? Oder sich in der Nachbarschaft selbst organisieren? Jemand hat noch Vorräte, jemand einen Holzofen, jemand eine Solaranlage auf dem Dach. Das Leben geht weiter ... Einverstanden, das Szenario mag nach Hollywood tönen. Andererseits klingt es erschreckend plausibel. Wir leben im Zeitalter der Krisen und einer berechtigten Angst vor der Zukunft. Der Klimawandel und das Ende des fossilen Zeitalters (sprich: billig sprudelndes Erdöl ist eine sehr endliche Ressource) sind keine Hypothesen mehr, sondern produzieren täglich Schlagzeilen. 

Resilienz bedeutet grob übersetzt «Widerstandskraft». Die Psychologie bezeichnet damit die Fähigkeit eines Menschen, sich von einem Schock oder einer Krise zu erholen. Die Resilienz eines Ökosystems meint die dem System innewohnenden selbstregulativen Kräfte, die nach einer katastrophalen Störung wieder einen stabilen Zustand herzustellen in der Lage sind. Unterdessen gibt es Forschungsinstitute, die sich ganz dem Resilienzbegriff widmen. Und zwar indem sie miteinander verknüpfte öko-soziale Systeme erforschen: Das Zusammenspiel von Menschheit und Planet Erde wäre zum Beispiel ein möglicher, wenn auch sehr komplexer Forschungsgegenstand.

Am stärksten zur Verbreitung des Begriffes beigetragen hat aber wahrscheinlich die Transition-Town-Bewegung im angelsächsischen Raum – eine Art Graswurzelbewegung für einen Wandel hin zu einer post-fossilen Gesellschaft. Rob Hopkins, Umweltaktivist, Science-Fiction-Autor, Wissenschaftler und einer der Initiatoren der ersten «Transi­stion Town» («Stadt im Wandel»), verknüpft seine Überlegungen über die post-fossile und relokalisierte Stadt der Zukunft mit dem Resilienz-Begriff. Stell dir vor, du könntest dich weitgehend von dem ernähren, was in deiner Umgebung wächst. Du kennst deine Nachbarn, ihr helft euch gegenseitig, habt eure Freunde in der Umgebung und müsst für Sozialleben und Unterhaltung nicht mehr ständig irgendwohin hetzen. Mit «Relokalisierung» bezeichnet Hopkins die Idee, dass die grundlegenden Bedürfnisse einer Gesellschaft, speziell Nahrung und Energie, lokal und selbstbestimmt erzeugt und befriedigt werden sollen. Der Welthandel wird so gezähmt und liefert nur noch die «Kirschen auf der Torte»: Gewürze aus Afrika, das Laptop aus Asien usw. 

Buchtipp (mit vielen praktischen Ratschlägen):

Rob Hopkins, Energiewende. Das Handbuch: ­Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen, Zweitausendeins, 2008. (Engl. The Transition Handbook. From Oil ­Dependency to Local Resilience.)

Ohne das grosse Ganze aus dem Blick zu verlieren und ohne in die dörfliche Isolation, Sektiererei oder faschistoide Aus- und Abgrenzungslogik zu verfallen, ist Resilienz ein soziales Unternehmen. Austausch und Solidarität zu stärken hat positive Effekte auf das Wohlbefinden. Soziale Sicherheit wird erlebbar und ist nicht mehr von Börsenkursen abhängig. Es entsteht das Gefühl, etwas tun zu können, als Ermächtigung gegenüber den globalen Problemen, die uns sonst in Angst erstarren lassen und oft nur durch konsequentes Verdrängen auszuhalten sind. «Resilienz» ist der Spatz in der Hand, während «Nachhaltigkeit» immer mehr zur Taube auf dem Werbeplakat wird.

* Thomas Niederberger lebt in Zürich und arbeitet als Ethnologe und freier Journalist mit Schwerpunkt soziale Bewegungen, Ressourcenkonflikte und alternative Wirtschaftsformen. Siehe auch seinen Essay Ungehorsam, ziviler»

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