Upcycling

It’s a cycle

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Story - 24. Februar, 2013
Von Daniel Freitag*

Als wir vor rund 20 Jahren aus einer alten Lkw-Plane eine Velokuriertasche gemacht haben, sprach noch niemand von Upcycling. Wir schon gar nicht.

Kreisläufe haben uns aber schon immer fasziniert. Ein prägendes Erlebnis war zum Beispiel, als die Gotte meines Bruders Markus, die einen fruchtbaren Komposthaufen im Garten hatte, unseren Eltern beibrachte, Grünzeug zu sammeln. Oder die Indienreise mit unseren Eltern, bevor wir in die Berufslehre kamen. In Indien, so erlebten wir, gibt es keinen Abfall, weil alle Ressourcen zu wertvoll sind und wiederverwendet werden. Was dort aus purer Not entspringt, hat für uns natürlich mehr mit Sinn und Freude zu tun. Gebrauchte Lkw-Planen erhalten ein nächstes Leben als Tasche und alte, flugrostige Frachtcontainer werden zu einem Flagship Store aufgetürmt. Wir mögen es einfach, Gegenstände und Materialien aus ihrem angestammten Umfeld zu nehmen und in einen neuen Kontext zu setzen. Dabei sind wir überzeugt, dass unsere Taschen nicht nur erfolgreich sind, weil es sinnvoll und «gut» ist, Materialien wiederzuverwerten, sondern vor allem auch, weil das Vorleben als Lastwagenplane den Taschen eine einzigartige Patina verleiht und von jahrelangen Fahrten auf europäischen Autobahnen erzählt.

Schöne und überraschende Beispiele für diese Art von Upcycling finden sich in den Büchern Low Cost Design von Daniele Pario Perra oder in den Blogs «100 ideas»  und «instructables.com». Im Restaurant des holländischen Designers Piet Hein Eek in Eindhoven gibt es tausend Dinge zu entdecken, die ein zweites Leben führen. Wie der Designer Dirk Vander Kooij mit seinem Roboter aus rezyklierten Kühlschränken Stühle «druckt», ist im wahrsten Sinne des Wortes «beeindruckend».

Ebenfalls beeindruckt uns ein anderer Aspekt des Upcyclings, die Abfallvermeidung: das «Cradle to Cradle»-Prinzip, das Michael Braungart und William McDonough in ihrer Upcycling-Bibel Einfach intelligent produzieren beschreiben. Der Grundgedanke dabei ist, dass Verluste bei der Produktion und beim Abfall unnötig sind, wenn man das Design und die Wahl der Materialien vorausschauend plant und schon konsequent auf die Wiederverwertung ausrichtet. Wie bei einem natürlichen Kreislauf soll nichts verloren gehen und alles wiederverwertet werden. Biologischer Abfall, zum Beispiel Fasern, wird am Ende des Lebenszyklus eines Produktes kompostiert und zu 100 Prozent abgebaut. Andere Komponenten werden zurückgebaut und möglichst energieeffizient in den technischen Kreislauf zurückgeführt.

Für uns ist es nur selbstverständlich, dass wir uns Mühe geben, intelligent zu produzieren und wenig Müll zu verursachen, und dass wir uns um dessen sinnvolle Verwertung kümmern. Nicht verwendete Planenstücke schicken wir einer spezialisierten Firma in Frankreich, wo sie in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt und zu Granulat verarbeitet werden. Daraus lassen sich nachher beispielsweise Rohre oder Schläuche produzieren. So schliesst sich der Kreislauf wieder. 

Seit wir im Nœrd in Zürich-Oerlikon eingezogen sind, freuen wir uns, wenn es regnet. Denn auf dem Dachgarten der Fabrik sammeln wir das Regenwasser, um damit die schmutzigen Planen zu waschen, und die Restwärme dieses Wassers heizt dann jenes des nächsten Waschgangs. Natürlich sind wir noch nicht gut genug und werden auch nie gut genug sein. Die Nachhaltigkeitsdiskussion ist nie beendet, ständig kommen neue, andere Erkenntnisse dazu. Ständig steht man wieder am Anfang, fängt von vorn an zu denken und entwickelt sein Handeln damit weiter. Das klingt anstrengend, macht in einer nachhaltigen Kultur aber auch Spass. Auch das ist ein Kreislauf, den wir mögen. 

* Daniel Freitag hat Grafikdesign studiert und ist seit bald 20 Jahren zusammen mit seinem Bruder Markus Gründer, Inhaber und Creative Director von FREITAG lab. ag.

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