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Ist ein werbefreier öffentlicher Raum Utopie?

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Story - 24. Februar, 2013
Von Christian Hänggi*

Am 1. August 2012 wurde bei der – rechtlich unverbindlichen – Zürcher Landsgemeinde über eine werbefreie Stadt abgestimmt. In der Internetvorabstimmung führte der Vorschlag lange Zeit, und am Nationalfeiertag wurde er schliesslich per Handerheben angenommen. 

Eine werbefreie Stadt? Eine Stadt, in der kein Unternehmen seine bahnbrechende Zahnpastaformel, sein revolutionäres 100-SMS-Gratis-Handyabo oder seinen weltbewegenden Konsumkredit mit viel Kleingedrucktem und Kreditentscheid in null Komma plötzlich bewerben darf? Ein Aufschrei geht durch die freie Marktwirtschaft, diese Garantin für Wohlstand und Gerechtigkeit. Die Werber ächzen und stöhnen, malen das Gespenst des Stalinismus an die Wand. Arbeitsplätze werden fallen wie Dominosteine bei Windstärke neun. Die Abschaffung der kommerziellen Plakatwerbung wäre nicht nur das Ende der Meinungsäusserungsfreiheit, nein, sie würde den Niedergang der westlichen Zivilisation einleiten.

Nicht einmal die Werber selbst glauben dieses Geschwätz, falls sie denn Bilanzen und Erfolgsrechnungen lesen und eine so kreative Denke haben, wie sie vorgeben. Und dennoch: Eine werbefreie Stadt ist für viele nur schwer vorstellbar. Das hat nicht zuletzt ­damit zu tun, dass Werbung überall präsent ist und höchstens noch passiv oder unterbewusst wahrgenommen wird. Wir haben unsere Filter so eingestellt, dass unser Gehirn alles, was nach Werbung aussieht, automatisch im Spam-Ordner ablegt.

Die Plakatgesellschaften behaupten gerne, dass sie Konzessionen und Steuern bezahlen was den Gemeinden zugutekommen soll. Die genaue Höhe der Konzessionen verschweigen sie aber, und wenn man die Steuern an die Bevölkerung verteilen würde, dann wären es etwa 1,50 Franken pro Person und Jahr. Was sie auch verschweigen und wir oft vergessen: Das Geld, das in die Werbung gesteckt wird, rieselt nicht aus heiterem Himmel auf unsere Gesellschaft nieder. Es sind immer die Konsumentinnen, die Werbung bezahlen. Jeder Schweizer Haushalt hat im Jahr 2010 rund 58 Franken für Telekom-Werbung bezahlt. Während Werbung durchaus eine Legitimation hat, um Zeitungen oder das Fernsehen zu finanzieren, Medien also, die damit Inhalte generieren, finanziert die sogenannte Aussenwerbung keineswegs den öffentlichen Raum. Eine Zeitung können wir ungeöffnet liegen lassen, doch durch den öffentlichen Raum müssen wir uns zwangsläufig bewegen.

In der Schweiz gibt es zwei Nutzniesser von Aussenwerbung: die beiden Plakatgesellschaften APG und Clear Channel, die 99 Prozent des Plakatmarkts dominieren und in festen Händen der weltgrössten Aussenwerbungskonzerne sind. Die zehn grössten Werbeauftraggeber sind Unternehmen, von denen auch du Produkte in deinem Haushalt hast. Garantiert.

Eine werbefreie Stadt würde nicht bedeuten, dass Industrie, Handel und Dienstleistungen kein Geld mehr in die Werbung stecken. Aber die kommerzielle Plakatwerbung würde verschwinden, die Städte und Dörfer würden vom ganzen Werbefirlefanz befreit und wir hätten ein gutes Stück mehr freie Sicht. Würdest du dann aufhören, deine Zähne zu putzen? Zu telefonieren? Zu konsumieren? 

Blicken wir kurz über den grossen Teich nach São Paulo, eine Megastadt mit elf Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Um das Stadtbild zu verschönern, und weil die Stadt nicht die Ressourcen hatte, Gebühren für die Nutzung des öffentlichen Raums einzufordern, hat der Stadtrat 2006 beschlossen, alle Aussenwerbung zu verbieten. Was ist passiert? Der Entscheid hat ohne wirtschaftliche Einbussen zu mehr Lebensqualität geführt. Ich habe einige Menschen dort gefragt, was sie vom Werbeverbot halten. Die Antworten hätten einstimmiger nicht sein können. Architekten, Uniprofessorinnen, Zulieferer der Autoindustrie, Tourismusexperten, Hausfrauen, Designer in Marketingagenturen, sie alle meinten, etwas Besseres hätte nicht passieren können. Selbst jene, die Werbeaufträge verloren haben, sagten, dass ihnen das Calvin-Klein-Megaposter eigentlich gestohlen bleiben könne. Die Zeitungsartikel über das Werbeverbot – von der New York Times über Adbusters bis zur NZZ und dem Tages-Anzeiger – waren kostenlose Werbung im Wert von mehreren Millionen Franken für den Wirtschafts- und Tourismusstandort São Paulo.

Ist ein werbefreier öffentlicher Raum eine Utopie? Keineswegs. Schon viel eher müsste man es als Anti-Utopie bezeichnen, dass heute eine Handvoll Unternehmen legal Botschaften im öffentlichen Raum verbreiten dürfen. Dass sie ein einseitiges und weichgespültes Bild unserer lebendigen Gesellschaft auf die Plakatwände aufziehen – von Genf über Bümpliz bis auf die Alpengipfel in den Skigebieten. Dass sie alle Bürgerinnen und Bürger in Zielgruppen einteilen und auf ihre Konsumbereitschaft hin klassifizieren. Dass Kinder auf ihrem Schulweg an Werbeplakaten vorbeigehen, damit sie dereinst Parisienne rauchen, Zweifel-Chips knabbern und die Mama zum Einkauf in der Migros nötigen, wo es lustige Abziehbildchen gibt. 

Mit jeder zusätzlichen Werbung wird der öffentliche Raum weniger öffentlich. Der öffentliche Raum ist – wäre? – der Ort, wo man über die Bedingungen des Zusammenlebens verhandelt. Er soll zum Nachdenken anregen und Fragen aufwerfen, nicht vorkonfektionierte Antworten bereitstellen. Es ist nicht seine Aufgabe, Raum zu bieten für hundertfach gedruckte Botschaften, die einen sterilisierten Blick auf unsere Zivilisation werfen und das Zusammenleben von Menschen weder thematisieren noch begünstigen. Nicht die zahlungskräftigen Unternehmen, sondern die Bevölkerung, nicht die Konsumenten, sondern die Bürgerinnen haben über den öffentlichen Raum zu entscheiden. 

Das heisst aber auch, dass das Medium Plakat nicht an sich das Problem ist. Das Plakat ist unschuldig. Dass es zu viele Plakate gibt, ist das eine. Wir können sie auch reduzieren. Die verbleibenden Plakatstellen können wir dann den Kunst- und Kulturschaffenden übergeben, die eine besondere Sensibilität für gesellschaftliche Fragen haben. Wir können sie weiss überziehen, damit jede und jeder seine Fragen, Wünsche, Hoffnungen und Ärgernisse loswerden oder den öffentlichen Raum mit Collagen und Zeichnungen bebildern darf. Wir können die Plakatstellen ausschliesslich für Ankündigungen von Veranstaltungen reservieren. Wir können sie auch alle einschmelzen und darauf zählen, dass das gesellschaftliche Dasein bestens ohne sie ausgehandelt wird. 

Denkbar ist vieles. Machbar auch. 

* Christian Hänggi ist Präsident der IG Plakat | Raum | Gesellschaft, die sich für weniger Aussenwerbung in Stadt und Kanton Zürich einsetzt.

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