Z'alp

Zurück zur Natur? Über das Leben auf der Alp

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Story - 24. Februar, 2013
Von Kaspar Schuler*

Die Alp. Das ist jene Gegend oberhalb der Waldgrenze, wo sich die Menschen genauso wie alles Leben in der Natur den heftigen Kräften von Berg und Wetter fügen müssen. Solche Gegenden gibt es auch in Sibirien, der Mongolei, in Patagonien. Die Alp ist hier und eindrücklich.

 

Die Alp reduziert 

auch dich auf das Wesentliche. Jede vergessene Drahtzange – beim Zäunen unentbehrlich, doch leider in der Hütte liegen gelassen – lässt dich fluchen und leiden; es bedeutet einmal zurück und wieder hoch zu gehen, manchmal stundenlang. Folglich ordnest du deine Dinge. Später auch deine Gedanken und dich selbst: Wen du verletzt und belogen hast, wem du was versprochen, aber nicht gehalten, wen du geliebt und betrogen hast – alles kommt dir in den Sinn und lässt dich mangels Ablenkung nicht mehr los. Du wirst Trinker oder ein anderer Mensch, zumindest versuchsweise. Die Arbeit auf der Alp macht müde am Abend und schärft den Sinn fürs Wesentliche zu Tagesbeginn, wenn die Sonne über dem Grat aufgeht und deine kalten Wangen, Lider und Nase zärtlich wärmt.

 

Reset

Die Alp zertrümmert in ein paar Tagen dein bisheriges urbanes Leben, in dem ­andere für dich die notwendigsten Arbeiten verrichteten. Und genauso zerstört sie deine Illusion, dein Dasein könnte allein und egoistisch besser gelingen. Kühe oder Ziegen melken, den Käse ausziehen, die frischen Laibe kehren und die reifenden waschen, Holz für den Ofen rüsten, Zaunpfosten und Esswaren buckeln, Isolatoren schrauben, die Weideeinteilung planen – alles geht besser gemeinsam. Die Zusammenarbeit mit einem gewieften Hirtenhund ist wie eine Art Offenbarung. Mit ihm wirst du die Suche nach dem Vieh, das Zusammentreiben in Regen und Schnee, den schwermütigen Abtrieb im Herbst elegant statt mühselig meistern. So lernst du Stück für Stück mit der Alp zu kooperieren. Deine Arbeit wird zum kaum sichtbaren Tanz und die dich umfassende Natur zur stillen, verlässlichen Partnerin. Keine andere Erfahrung hat in mir mehr Urvertrauen geschaffen. Die Lohnverhandlungen mit den Bauern schufen die Einsicht, dass es ein den Höhenmetern entgegengesetztes «Ich da unten – ihr da oben» gibt, obwohl wir am Tropf der gleichen Subventionen hingen.

Neustart

Vieles erhält eine neue Bedeutung. Fingernägel werden wichtig, um den unbedachten Hammerschlag zu dämpfen. Schön erscheinen sie euch wenn nicht gesprungen oder zerrissen. Du realisierst, dass Toben und Hadern, Sich-Ärgern und Nörgeln vergeblich sind. Bist du lange dort oben gewesen, erwirbst du den eigentümlichen Glauben, dass alles bereits da ist, das Wissen und die Gebote. Sie sind banal und tiefgründig: Achtsamkeit, Wahrhaftigkeit. Dann: machen. Langjährige Älpler entwickeln die Eigenart, der zunehmenden Komplexität des Lebens in der globalisierten Gesellschaft mit Skepsis und einem permanenten Hang zur Vereinfachung zu begegnen. Analyse und intellektuelle Sezierung, Ziselierung und High-End-Tuning sind nicht ihr Ding.

Fassungslos stehst du mitten im «Starkwetter-Ereignis» und schaust der donnernden Rüfe zu, wie sie im Handstreich die sorgfältig gehegten Weiden mit Geröll überschüttet. So macht die Alp dich und dein Tun vernachlässigbar und die Klimaveränderung zur hautnah bedrohlichen Katastrophe. Nach ein paar Sömmerungen schärft sich dein Auge für lebensfreundliche und lebensfeindliche Natur – und wie der Mensch mit seinem Wirken das eine oder andere befördert, in kleinen und oft unwiderruflichen Schritten. Wer einen Älpler fragt, ob das Gebot «Zurück zur Natur» heisst, erhält folglich ein Kopfschütteln zur Antwort: «Wir Menschen sind alle mittendrin, hier und im Tal. Es gibt kein Zurück und auch kein Vorwärts zur Natur. Sie ist da, übermächtig. Sie setzt die Grenzen.»

 

Aufbruch

Buchtipp:

Kasper Schuler, Neues Handbuch Alp. ­Handfestes für Alpleute, Erstaun­liches für Zaun­gäste, ­Umfassendes zur Alpwirtschaft, zalpverlag, Mollis, 528 Seiten

In den 1970er-Jahren kümmerten sich die freakigen Älpler um den Verzehr ausgesuchter Pilze zur Erweiterung ihrer Sichtweise an Nebeltagen. Sie vergnügten sich in der Molke im Kessi solchermassen herzlich, dass dessen Kupferwände mitsamt den letzten Verstockten im hintersten Bergtal erröteten. In den 1980er-Jahren kämpften wir für Richtlöhne auf den Alpen und vertrieben die Stausee-Ingenieure mitsamt ihren masslosen Pumpspeicherplänen. Wäre es nicht passend, wenn die Älpler heutzutage – als Hüter der ungekünstelten Naturverbundenheit – mit Hund und Vieh die hinter Glas und Hecken eingebunkerten Ressourcenplünderer in Zug und Zumikon besuchen gingen? Bevor diese modernen Sklaventreiber die letzten Klumpen Gold und Kupfer, Uran und Öl der Natur entrissen haben. Bevor in Patagonien, der Mongolei und auch hier keine und keiner mehr mit der Erde tanzt.

* Kaspar Schuler, heute Bereichsleiter Klima & Energie bei Greenpeace Schweiz, war zuvor deren Geschäftsleiter und früher – nebst anderem – 13 Sommer auf der Alp. Er hat das «Handbuch Alp» mitherausgegeben.

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